Unfassbar perverse Logik

21. April 2017


Die persönliche Schuld des Tatverdächtigen steht außer Frage, wenn sich bestätigt, was derzeit vermutet wird: Ein 28jähriger Mann soll den Anschlag auf den BVB-Mannschaftsbus verübt haben, um aus dem daraus möglicherweise resultierenden Schaden am Vermögen der Borussia Dortmund Aktiengesellschaft – einschließlich an der Gesundheit und am Leben führender Mitarbeiter – Kapital zu schlagen. Denn zuvor erwarb er Put-Optionen, d.h. derivative Wertpapiere, die genau dann Gewinn bringen, wenn das bezogene Papier (in dem Fall die BVB-Aktie) an Wert verliert. Er hat also mit anderen Worten auf einen fallenden Kurs der BVB-Aktie gewettet, der wohl auch massiv eingetreten wäre, hätte der Tatverdächtige sein Ziel umfänglicher erreicht als dies geschah.

Oftmals steigt der Wert dieser Derivate weit überproportional („Hebel“ nennen das die Zocker), so dass sich damit extrem hohe Gewinne erzielen lassen – wenn man denn Glück hat. Oder eben dafür sorgt, dass man Glück hat. Da man leichter negativ auf eine Sache einwirken kann als positiv, kommen Manipulationen fast ausschließlich in Verbindung mit Verkaufsoptionen vor. Der Tatverdächtige kopierte mutmaßlich die Idee des Bösewichts aus dem James Bond-Film „Casino Royale“. Dieser hatte – mit Fremdkapital – auf den Kursverfall einer Flugzeugaktie gesetzt und auf eine neue Maschine der Gesellschaft einen Anschlag verübt – verüben wollen (selbstverständlich vereitelt Bond die perfide Aktion, wodurch die eigentliche Handlung erst zustande kommt).

Das fiktive Vorbild nun so abgezockt umgesetzt zu haben, ist – wenn es sich bestätigt – eine ungeahnte Dimension von Wirtschaftskriminalität, die streng bestraft gehört. Tatsächlich ist aber auch zu fragen, ob wir einen Casino-Kapitalismus brauchen, in dem es möglich und üblich ist, auf sinkende Aktienkurse zu setzen und damit einem Unternehmen etwas Schlechtes zu wünschen. Welchen Sinn soll das haben, außer den Spieltrieb auf die unangenehmste Art zu befriedigen? Mehr noch: Mit dem Anschlag auf den BVB-Mannschaftsbus steht auch der Derivatehandel insgesamt zur Disposition. Die unfassbar perverse Logik der instrumentellen Tätervernunft braucht ein System. Auch über dieses gilt es nachzudenken.

(Josef Bordat)

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