Kirche versus AfD

23. April 2017


Die Unvereinbarkeitserklärungen, mit denen sich die Kirchen und die AfD derzeit gegenseitig überziehen und sich damit wechselweise zu Einrichtungen machen, die für die jeweils eigenen Mitglieder Tabu sein sollten – sinngemäß: ein Christ wählt nicht die AfD (Kirche), ein AfD-Mitglied sollte aus der Kirche austreten (AfD) –, erinnern (zumindest mich) sehr stark an die gegenseitige Ächtung von Katholischer Kirche und NSDAP zu Beginn der 1930er Jahre – ohne nun die beiden Einrichtungen damals und heute vergleichen oder gar gleichsetzen zu wollen. Allein: Der Umgang miteinander ist ganz ähnlich, damals und heute.

Alfred Rosenberg hatte bereits 1930 in Der Mythus des 20. Jahrhunderts das anti-christliche Programm des Nationalsozialismus‘ umrissen: „Der Mythus des römischen Stellvertreters Gottes muß ebenso überwunden werden wie der Mythus des ,heiligen Buchstabens҆ im Protestantismus. Im Mythus von Volksseele und Ehre liegt der neue bindende, gestaltende Mittelpunkt“.

Die NS-Ideologie suchte nach einer Metaphysik, die das Christentum ersetzen konnte – und schloss darum an dessen Begrifflichkeiten an („Vorsehung“, „Erlösung“, „Heil“), die gleichwohl völlig neue Bedeutungen erhielten, ja, pervertiert wurden. Denn es ist wohl eine glatte Perversion des christlichen Heilsverständnisses, das die Erlösung in der Ohnmacht des gefolterten und hingerichteten Christus erkennt, wenn daraus das Bekenntnis zu militärischer Macht wird, die foltert und hinrichtet („Sieg Heil!“).

Die Kirche wiederum warnte ihre Mitglieder schon früh vor dem Nationalsozialismus. In einer Stellungnahme der Bischöfe der Kölner Kirchenprovinz zur nationalsozialistischen Bewegung vom 5. März 1931 heißt es beispielsweise unmissverständlich: „Wir katholischen Christen kennen keine Rassenreligion, sondern nur Christi weltbeherrschende Offenbarung, die für alle Völker den gleichen Glaubensschatz, die gleichen Gebote und Heilseinrichtungen gebracht hat. Wir Katholiken kennen kein nationales Kirchengebilde. Katholisch heißt allgemein. Ein Hirt und eine Herde rings auf dem Erdkreise: das ist der Grundplan des Reiches Christi, feierlich verkündigt vor seinem Kreuzestode“.

1932 hat die Kirche eine Zugehörigkeit zur NSDAP für unvereinbar mit dem christlichen Glauben erklärt. Als Erwiderung auf die Propaganda für eine neue politische Religion entstand im Erzbistum Köln ferner die von Clemens August Graf von Galen veröffentlichte Schrift Studien zum Mythos des XX. Jahrhunderts (1934), an der insbesondere Theologen der Universität Bonn mitgearbeitet haben.

Auf diese kirchliche Kritik reagierte wiederum Rosenberg ein Jahr später: An die Dunkelmänner unserer Zeit. Eine Antwort auf die Angriffe gegen den Mythus des 20. Jahrhunderts. Eine „Religion des Blutes“ solle das Christentum ersetzen, so Rosenberg in seiner Replik, denn dieses sah er durch die Katholische Kirche verdunkelt, verfälscht und „verjudet“.

Die elementare Glaubensfrage der NS-Zeit formuliert schließlich ein evangelischer Theologe: Walter Künneth. Er tut dies im Untertitel seiner Antwort auf den Mythus (1935): „Die Entscheidung zwischen dem nordischen Mythus und dem biblischen Christus“. Diese Entscheidung ist eine sehr grundsätzliche, an ihr müssen sich Christen beider Konfessionen messen lassen – auch heute, wenn neue „nordische Mythen“ die Runde machen.

(Josef Bordat)

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