Zu viele Fremde im Land?

24. April 2017


Oder: Wer sucht, der findet – aber nicht immer das, was er gesucht hat.

Wenn man in seiner Hausbibliothek nach bestimmten Büchern sucht, so findet man sie nicht immer gleich – es sei denn, man hat eine vernünftige Ordnung. Die habe ich nicht. So fand ich heute morgen auf der Suche nach einem bestimmten Text diesen nicht auf Anhieb, was allerdings den Vorteil hatte, dass ich alle möglichen und unmöglichen anderen Bücher fand, auch solche, die ich längst verschenkt, verliehen oder verschollen geglaubt hatte.

So fiel mir die Aufsatzsammlung „Zu viele Fremde im Land? Aussiedler, Gastarbeiter, Asylanten“, herausgegeben von Paul Bocklet, in die Hände. Der 1990 bei Patmos erschienene Band enthält die ausformulierten Referate einer Fachtagung der Katholischen Akademie in Bayern zum Thema, einer Veranstaltung, die im März 1989 stattfand – also noch vor Mauerfall, Einheit, Jugoslawienkrieg und anderer für die Migration wichtiger Ereignisse.

Ich beginne zu blättern, lese mich fest und komme schließlich zu einem Aufsatz des Hausgebers, damals Leiter des Kommissariats der deutschen Bischöfe in Bonn, über die „Verantwortung der Christen“. Der Aufsatz arbeitet mit überkommenen Begriffen (etwa mit der Kategorie „Ausländer“), gibt aber trotzdem interessante Hinweise, etwa den auf Kardinal Höffners Einschätzung, in der Kirche gebe es „kein Ausland und keine Grenzen“. Oder den auf die Ende 1987 erschienene (und damit zum Zeitpunkt der Tagung jüngste) Enzyklika Papst Johannes Pauls II., „Sollicitudo rei socialis“, in welcher der (mittlerweile) Heilige den Auftrag der Kirche betont, an der Seite der Armen zu stehen und zur Erfüllung ihrer berechtigten Forderungen beizutragen. Ob diese Hinweise rund drei Jahrzehnte später obsolet geworden sind? Wenn ja, wodurch?

Prälat Bocklet verweist zudem auf die Würde des Menschen, die Einheit der Menschheitsfamilie und den Schutz von Minderheiten als Basis christlicher Antworten auf die (bereits damals) als Herausforderung verstandene Migration. Er stellt – noch im 20. Jahrhundert – fest: „Wir leben im Jahrhundert der Flüchtlinge. Den Platz, den die Kirche im Jahrhundert der Flüchtlinge einzunehmen hat, ist ihr zugewiesen: auf der Seite der Flüchtlinge. Für sie setzt sie ihre Hilfsdienste ein, für sie erhebt sie immer wieder ihre Stimme in der Öffentlichkeit“. Hat sich daran im 21. Jahrhundert etwas geändert? Wenn ja, wodurch? Durch eine geänderte katholische Morallehre? Ein anderes Evangelium?

Der Verfasser räumt jedoch zugleich ein, dass es „auch bei der Aufnahme von Flüchtlingen“ eine realpolitisch zu definierende „Belastungsgrenze“ gebe, deren Festlegung über die rechtliche Rahmensetzung hinaus eine „schwerwiegende sittliche Frage“ darstelle, die nicht gerade trivial sei: „Bei ihrer Beantwortung sind die Größe der Flüchtlingsnot in der Welt, unser Wohlstand und die Bedrängnis jener armen Staaten zu beachten, die Hunderttausende von Flüchtlingen aufgenommen haben“. Die Schlussfolgerung der Analyse Bocklets: „Angesichts dieser Lage sehen wir nicht, daß für unser Volk insgesamt eine unerträgliche Belastung durch Flüchtlinge zur Zeit gegeben ist“. Und heute? Hat sich daran etwas geändert? An der Not in der Welt? An unserem Wohlstand?

Den Schlussabsatz möchte ich hier einfach mal so en bloque zitieren: „Wir haben schon einmal einen Strom von Flüchtlingen bei uns aufgenommen und integriert [nach dem Zweiten Weltkrieg, J.B.]. Diese neue Herausforderung ist nicht nur eine Belastung, sie kann auch neuen Segen und neuen Schub für unser Land und unser Volk bringen“. Zitat Ende.

Paul Bocklet, der „Seelsorger der Politik“ und „Makler der Kirche“, verstarb 2009 – kurz vor der aktuellen Flüchtlingswelle, die weder die erste war noch die letzte gewesen sein wird. Was würde er uns heute raten, angesichts der „allerneusten Herausforderung“?

Eins steht für mich unterdessen fest: Ein Mangel an Ordnung ermöglicht manchmal ungeahnte Horizonterweiterungen.

(Josef Bordat)

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: