Vom Moralin zum Management

26. April 2017


Werner Kunz argumentiert für einen Paradigmenwechsel im Umweltschutz.

Der Umweltschutz ist seit den 1970er Jahren über sein Ziel, die Natur und die Artenvielfalt zu schützen, weit hinausgeschossen. Die Ganzheitlichkeit seines Ansatzes ist kein Fortschritt, sondern gefährdet Tier- und Pflanzenarten. Er muss daher zurückgefahren werden auf ein vernünftiges Maß an Normen und Handlungen, wobei der Eingriff in die Natur ein wichtiges Element darstellt. Denn: Dass es Tieren und Pflanzen ohne menschliche Intervention besser geht, ist ein ideologisch gefärbter Mythos.

Werner Kunz, zuletzt Professor für Genetik an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, spricht Klartext. Seine Thesen sind provokant und zugespitzt, gleichwohl sachlich begründet. Es sind keine Stammtischfloskeln, mit denen er argumentiert, sondern wissenschaftliche Expertise. Ausgehend von der eingangs erwähnten Diagnose entwirft er kenntnisreich eine Therapie: Habitatmanagement. Das bedeutet: Gezielte Eingriffe in das Ökosystem regulieren die Bestände und sorgen für den Erhalt der Biodiversität.

Für dieses Projekt legt er umfangreiches Datenmaterial vor, wertet es nach den neusten Erkenntnissen aus und kommt zu dem Schluss: Nur die aktive Gestaltung der Lebensräume seltener Tier- und Pflanzenarten wird diese auf Dauer erhalten können. Dabei dürfe nicht das Ideal der „unberührten“ und sich selbst überlassenen Natur verfolgt werden, sondern die Inklusion der Arten in die Kulturlandschaften, wie sie sich in den letzten Jahrhunderten durch eine immer stärker technisierte Forst- und Landwirtschaft entwickelt haben.

Kunz nennt zahlreiche Beispiele heimischer Arten, die auf der „Roten Liste“ stehen und die gerade in den vom Menschen gestalteten Naturräumen ein neues Zuhause finden. Nischen für vom Aussterben bedrohte Tier- und Pflanzenarten lassen sich auf Truppenübungsplätzen, in Tagebaugruben, an künstlich angelegten Steilufern und an vielen anderen Stellen einrichten, die der Mensch eingedenk seines Wissens über die Bedürfnisse der Natur intelligent gestaltet.

Werner Kunz‘ Buch ist etwas für Naturfreunde, die den Menschen nicht als Ursache des Problems, sondern als Urheber der Lösung betrachten, die offen sind für anthropogene Ansätze im Umweltschutz. Es wird die Diskussion voranbringen, gerade auch durch die konkreten Vorschläge, die es macht – in einer Zeit, in der abstrakte Daten die Debatten in der Umweltpolitik bestimmen.

Bibliographische Angaben:

Werner Kunz: Artenschutz durch Habitatmanagement. Der Mythos von der unberührten Natur.
Weinheim: Wiley-VCH 2016.
314 Seiten, € 59,90.
ISBN: 978-3-527-34240-2.

(Josef Bordat)

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