Papst Franziskus besucht Ägypten

28. April 2017


Papst Franziskus besucht heute und morgen Ägypten. Sein Besuch wird von allen Seiten mit Spannung erwartet. Im Vorfeld veröffentlicht Tagesschau.de ein lesenswertes Interview mit Scheich Khaled Omran. Die ARD entlockt dem Azhar-Gelehrten, einem hochrangigen Vertreter des „Islamischen Vatikan“, ein klares Bekenntnis zum Dialog, zum Klimaschutz und gegen Gewalt. Uneinigkeit wird ausgerechnet in der Sexualmoral identifiziert – und da ist die ARD in ihrem Element. Auf das mediale Lieblingsthema kommt man durch Spiel über Bande: Klimaschutz – Bevölkerungswachstum – Verhütung. Voilà. Dabei geht die Fragestellung davon aus, dass Bevölkerungswachstum gebremst werden soll und quasi allein durch Verhütung gebremst werden kann. In Wahrheit geschieht eine Entschleunigung des Bevölkerungswachstums bis hin zur stabilen Reproduktionsrate durch Bildung, Wirtschaftswachstum und Verbesserung der Infrastruktur, weil die Entscheidung für Kinder nicht davon abhängt, ob Kondome verfügbar sind oder nicht, sondern von ganz anderen Dingen.

Wer meint, die Haltung von Papst und Kirche zur Verhütung habe irgendetwas mit dem Bevölkerungswachstum zu tun, kennt die Fakten nicht. Das größte Bevölkerungswachstum gibt es derzeit in der Sahelzone (mit über 3 Prozent jährlich), auf der Arabischen Halbinsel, im Mittleren Osten und in Bangladesh (2 bis 3 Prozent). Überall dort beträgt der Katholikenanteil deutlich unter 10 Prozent, teilweise sogar unter 1 Prozent. Der gesellschaftliche und politische Einfluss von Papst und Kirche ist dort von überschaubarer Größe, während der Islam in diesen Gesellschaften das Sagen hat, in Ländern wie Pakistan (2,4 Prozent), Saudi-Arabien (2,2 Prozent) und Bangladesh (2,0 Prozent). Es ist also schon überraschend, dass die ARD dem Azhar-Gelehrten das Verhütungsargument so einfach durchgehen lässt. Andererseits wird sie wohl nur Opfer der eigenen Prämisse: Verhütung macht den Unterschied.

Und dort, um noch mal kurz auf die Fakten zu kommen, wo es die meisten Katholiken gibt und der Einfluss der Kirche verhältnismäßig groß ist, nämlich in Lateinamerika, liegt das Wachstum zwischen 1 und 2 Prozent. In den Schwellenländern Lateinamerikas, also etwa in den ABC-Staaten, liegt das Bevölkerungswachstum bei 1 Prozent, Tendenz fallend. Schaut man schließlich auf Europa, so sieht man, dass die Diaspora-Länder Skandinaviens von den katholisch geprägten Ländern des Südens (also Spanien, Italien, Portugal) sich hinsichtlich des Bevölkerungswachstums nicht signifikant unterscheiden. Die Wachstumsrate liegt in Nord wie Süd zwischen 0 und 0,5 Prozent, ganz unabhängig vom Katholikenanteil. Verhütung macht den Unterschied? Wohl kaum.

Beim wichtigen Dialog mit den Muslimen sollten die Kopten nicht ganz vergessen werden. Hier ist bezeichnend, dass die ARD zwar in einer Frage kurz auf das Thema Christenverfolgung in Ägypten eingeht, jedoch eher aus der Perspektive des durch einen Hinweis darauf beleidigten Islam: „Nach einem Anschlag auf eine koptische Kirche in Ägypten, 2011, forderte Benedikt XVI. dann, die koptischen Christen besser vor Gewalt und Terror zu schützen. Infolge brach die Azhar die Beziehungen zum Vatikan ab“. Pikant – wenn man als Azhar doch so vehement gegen Gewalt ist und hier eine Gemeinsamkeit mit dem Vatikan sieht. Was darauf aber folgt, ist kein Nachhaken, etwa dahingehend wie denn die Azhar zur jüngsten Gewaltwelle gegen Kopten stehe, sondern die Frage nach den „Beziehungen der Institutionen zueinander heute“, in der dann Franziskus als Retter erscheinen darf (unter ihm wurden die Beziehungen wieder aufgenommen) – und Benedikt als Buhmann.

Soweit, so schlecht. Ansonsten bietet das Interview aber vielfältige Ansätze für den Dialog, zum Teil auch überraschende Einigkeit, etwa beim Thema Klimaschutz. Franziskus sollte Scheich Khaled Omran und die anderen Gelehrten des „Islamischen Vatikan“ beim Wort nehmen. Und sich gerade deshalb auch explizit für die Gleichberechtigung der Kopten einsetzen. Denn dass die Islam-Gelehrten der Azhar für ein Ende der Gewalt sind, ist gut und richtig, kann aber nur der allererste Schritt sein. Es geht jetzt auch darum, sich gegen die Alltagsdiskriminierung koptischer Christen zu wenden, die mehrheitlich den Eindruck haben, vom Staat im Stich gelassen zu werden, wenn es ernst wird. Um wirklich ein von Respekt geprägtes Miteinander zu ermöglichen, müssen Kopten die gleichen Chancen haben wie Muslime, an Bildung und Arbeit, Politik und Kultur teilzunehmen. Und diese Gleichberechtigung von Muslimen und Kopten ist in der Gesellschaft Ägyptens nicht gegeben.

(Josef Bordat)

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