Wahrheit und Toleranz

3. Mai 2017


Unter den Ich bin-Worten ist es sicherlich dasjenige mit dem weitreichendsten Anspruch und damit das theologisch Anspruchsvollste: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14, 6). Christus bezeichnet sich hier u.a. als „die Wahrheit“. Da die Kirche von Christus gestiftet wurde, nimmt sie für sich in Anspruch, dass ihre Lehre wahr ist. Eine häufig formulierte Kirchenkritik lautet nun, dass dieser Wahrheitsanspruch nicht nur epistemisch unhaltbar (so etwa Hans Küng in seiner Anfrage an die Unfehlbarkeit), sondern dass er auch ethisch gefährlich sei, da er zur Intoleranz führe. Mit dem zweiten Aspekt möchte ich mich etwas genauer beschäftigen.

Zunächst einmal fällt bei einem Blick in die Ideengeschichte auf, dass es die Christen waren, die Toleranz zu einem Prinzip zwischenmenschlicher Beziehungen erhoben. Das Dulden und Aushalten (tolerare) ist bei den Römern auf Situationen bezogen (etwa: im Krieg in einer schwierigen Schlachtkonstellation dem Feind standhalten, Schmerz oder Hunger aushalten, in einer Krise durchhalten); so benutzt die Naturwissenschaft das Toleranzkonzept bis heute (Laktoseintoleranz, Frustrationstoleranz). Erst das Christentum bezieht den Begriff der Toleranz auf Personen und entwickelt daraus eine Tugend der Geduld gegenüber abweichendem Verhalten.

Es ging den Kirchenvätern nämlich darum, eine Ethik zu entwickeln, mit der die innere Vielgestaltigkeit der frühen Christenheit ausgehalten und ausgeglichen werden konnte. Diese musste die menschliche Person (in ihrer Gottebenbildlichkeit) vor Unduldsamkeit schützen und von jeder theologischen Disposition ausnehmen. Sie musste, kurz gesagt, dafür sorgen, dass die Ermahnung des Paulus an die Gläubigen der Gemeinde in Korinth, einander in Liebe zu ertragen (vgl. 1 Kor 13, 7), in der ganzen Kirche Beachtung und Befolgung findet.

Sodann ist der Umgang mit Andersdenkenden und -glaubenden ein Prüfstein der Toleranz. In der Betrachtung des Umgangs der Kirche mit denen, die aus ihrer Sicht Irrlehren verbreiteten, betreten wir den Bereich, in dem sich die Christenheit phasenweise wohl am weitesten vom christlichen Ideal, vom wahren Christentum entfernt hat. Dass Ketzern nicht nur widersprochen wurde, dass es nicht bei Maßregelungen und Ausschlüssen aus der Gemeinschaft blieb (im Sinne des anathema nach Gal 1, 6-9), dass trotz der Maßgabe des Evangeliums (vgl. Mt 13, 24-30), inmitten der Weizenfelder auch das „Unkraut“ zu tolerieren („wachsen zu lassen“ – bis zur „Ernte“) – ein Bild, das die christliche Theologie der Spätantike (Augustinus, Johannes Chrysostomus) zu beachtlichen Toleranzkonzepten inspiriert hatte –, Gewalt angewendet wurde gegen Abweichler, das ist eine schwere historische Hypothek für die Kirche.

Und ein kirchenhistorisches Problem: Denn wenn Toleranz eine „altchristliche Hervorbringung“ war (so die Einschätzung des Münsteraner Historikers Arnold Angenendt), wenn die alte oder junge – je nach dem – Christenheit mit ihrem Verzicht auf Körperstrafen „von der einhelligen Praxis der Antike“ abwich (nochmal Arnold Angenendt) – warum dann die Tötung von Ketzern anstelle ihrer Duldung? Blieb die christliche Theorie in der kirchlichen Praxis grundsätzlich wirkungslos? Nein, wie das Beispiel der ersten dokumentierten Hinrichtung eines Häretikers deutlich zeigt: Als 385 in Trier der spanische Asket Priscillian von Ávila zum Tode verurteilt wurde, protestierten neben Martin von Tours und Ambrosius von Mailand auch der damalige Papst Siricius. Warum aber dann diese Entwicklung?

Arnold Angenendt nennt in seinem Buch Toleranz und Gewalt (Besprechung) zwei Aspekte der mittelalterlichen Kirche, die – bei grundsätzlicher Beibehaltung des Anspruchs, tolerant zu sein – die Tötung von Ketzern ermöglichte.

Zum einen hat die scholastische Theologie Aspekte des Evangeliums in den Vordergrund gestellt, die dem Grundgedanken der liebevollen Duldsamkeit widersprachen, etwa das Gastmahl-Gleichnis (Lk 14, 15-24). Zudem wurde das Bild vom Weizen und vom Unkraut auf dem „Acker Gottes“ nunmehr so gedeutet, dass die (wahre) Theologie die (unfehlbare) Kirche selbst zur „Ernte“ bereit mache, weil sie ihr ermögliche, das Unkraut zweifelsfrei zu identifizieren. Einer der wichtigsten Vertreter der scholastischen Theologie, Thomas von Aquin, billigte in diesem Sinne nicht nur den Ausschluss von Häretikern aus der Kirche, sondern auch deren Hinrichtung durch weltliche Stellen.

Zum anderen hat die Praxis der Überstellung von Ketzern an die weltliche Obrigkeit aufgrund des im Hochmittelalter wachsenden Einflusses der Legisten innerhalb der Kirche einen negativen Einfluss gehabt. Hatte die Kirche bis zum 11. Jahrhundert Häresie und Ketzerei mit Buße und Verbannung, Haft und Enteignung einzudämmen versucht (nicht jedoch mit Hinrichtungen, obgleich der „Volkszorn“ diese zunehmend verlangte), wirkten Kirche und „Staat“ fortan zum Zweck der Ketzerverfolgung zusammen, denn für die weltliche Macht stellte Ketzerei ebenfalls ein Problem dar, rechnete der Herrscher doch mit göttlicher Strafe im Falle einer Duldung von „Gottesfeindschaft“ in seinem Einflussbereich. Hatte die Kirche einen Ketzer identifiziert, wurde dieser zur Bestrafung an den „weltlichen Arm“ überstellt, der dann nach seinen Regeln vollstreckte – einschließlich der Todesstrafe. In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts nahm die weltliche Obrigkeit immer stärker selbst die Verfolgung auf, ohne auf kirchliche Anzeigen zu warten. Der englische Historiker Robert Moore stellt dieses Vorgehen in einen Zusammenhang mit der beginnenden Staatenbildung aus den bestehenden Stammesgesellschaften heraus: für die zentrale Bündelung von staatlicher Gewalt und zur Sicherung des „Allgemeinwohls“ habe es aus Sicht der Herrscher auch gewaltsamer Methoden bedurft.

Und heute? Beruhigend zu wissen, dass etwas vom Gedanken der christlichen Toleranz gegenüber dem Menschen, der sich anders verhält, als man selbst und als man es gut heißt, fest in der Christenheit verwurzelt zu sein scheint. Eine Allensbach-Studie aus dem Jahr 2008 zeigt den erheblichen Toleranzvorsprung überzeugter Christen gegenüber Konfessionslosen. Das Ergebnis lässt sich auf folgenden Nenner bringen: Der gläubige, praktizierende Christ liebt den Menschen und hasst die Sünde, beim überzeugten Konfessionslosen ist das umgekehrt. Man mag nun selbst entscheiden, auf welcher Seite eher Toleranz zu finden ist.

(Josef Bordat)

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