Leben in Fülle

7. Mai 2017


Amen, amen, das sage ich euch: Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber. Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe. Ihm öffnet der Türhüter und die Schafe hören auf seine Stimme; er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus. Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat, geht er ihnen voraus, und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme. Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern sie werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme des Fremden nicht kennen. Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus; aber sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte. Weiter sagte Jesus zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen. Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe haben nicht auf sie gehört. Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden. Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben. (Joh 10, 1-10)

Haben Sie gerade gelesen, was uns verheißen ist? Ein Leben in Fülle! Das ist kein Scherz, sondern eine ganz zentrale biblische Botschaft: Gott will, dass wir ein Leben in Fülle haben. Jesus ist dafür zu uns gekommen und bildet als Guter Hirte das Gegenstück zu Räubern, Dieben und anderen Menschengruppen, die es nicht gut mit uns meinen. Gott aber meint es gut mit uns.

Dennoch haben viele Menschen kein Leben in Fülle. Sie leiden Mangel, während andere Menschen ein Leben in Überfülle haben. Um das festzustellen brauchen wir gar nicht auf die globalen Differenzen, auf den Hunger in der Welt, auf die himmelschreiende Ungerechtigkeit zu schauen. Wer mit offenen Augen durch die Straßen von Berlin oder Wien geht, sieht bereits, in welchem Kontrast das übervolle Leben der einen mit der Not der anderen steht.

Zudem ist es, so denke ich, wichtig, die „Fülle“ nicht nur materiell zu verstehen. Man kann sich mit wertvollem Schmuck behängen und mit teurer Technik umgeben – und dennoch innerlich leer sein, vereinsamt, zurückgewiesen, unverstanden. Umgekehrt kann die Liebe der Familie und der Freunde über manchen materiellen Mangel hinweghelfen. Wir müssen beides im Auge haben, wenn wir das Leben in Fülle für alle Menschen anstreben: die materielle und die spirituelle Not.

Das Leben in Fülle für alle Menschen zu gewährleisten, das kann jedoch nur dann gelingen, wenn diejenigen, die in der Überfülle leben, nicht warten, bis Räuber und Diebe kommen, sondern, wenn sie sich dem Hirten anvertrauen, der oft genug von der Bedeutung des Teilens spricht, der Mut macht, sich des Anderen anzunehmen. Leo Nowak, emeritierter Bischof von Magdeburg, hat dazu einmal gesagt: „Das Leben in Fülle hat schon längst begonnen. Überall, wo sich Gutes zeigt und Gutes getan wird, da leuchtet es auf, dieses so andere Leben, das sich in Jesus, dem Christus, so wunderbar gezeigt hat.“

Leben in Fülle ist also ein „anderes Leben“. Jedenfalls ist es anders, als wir es gewohnt sind.

(Josef Bordat)

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