Der gute Systemadministrator

8. Mai 2017


Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe. Der bezahlte Knecht aber, der nicht Hirt ist und dem die Schafe nicht gehören, läßt die Schafe im Stich und flieht, wenn er den Wolf kommen sieht; und der Wolf reißt sie und jagt sie auseinander. Er flieht, weil er nur ein bezahlter Knecht ist und ihm an den Schafen nichts liegt. Ich bin der gute Hirt; ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne; und ich gebe mein Leben hin für die Schafe. Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind; auch sie muß ich führen, und sie werden auf meine Stimme hören; dann wird es nur eine Herde geben und einen Hirten. Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu nehmen. Niemand entreißt es mir, sondern ich gebe es aus freiem Willen hin. Ich habe Macht, es hinzugeben, und ich habe Macht, es wieder zu nehmen. Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater empfangen. (Joh 10, 11-18).

Im heutigen Evangelium stellt sich uns Jesus – wie implizit an vielen anderen Stellen – als der „gute Hirt“ vor und eröffnet uns, welche Bedeutung dieses Bild hat. Das Bild des Hirten, das Jesus aufgreift, ist uralt. Er kann damit an eine lange Tradition anknüpfen. Schon im Alten Testament wird das Bild des Hirten als Metapher fürsorglicher Leitung auf Gott bezogen: „Der Herr ist mein Hirte“ (Ps 23, 1). Zudem wird es auf menschliche Führungskräfte übertragen, auch, um sie von daher kritisieren zu können, denn was einen Hirten auszeichnet, das war dem Volk bekannt („Weh den Hirten Israels, die nur sich selbst weiden. Müssen die Hirten nicht die Herde weiden?“, Ez 34, 2).

Auch Gott gibt Hirten eine besondere Bedeutung. Ihnen offenbart der Engel des Herrn die Ankunft des Messias, die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus. Ihnen zeigt sich die Mutter Jesu, Maria, die Gottesgebärerin, Mutter des menschgewordenen Gottes, in Fatima: Jacinta Marto, Francisco Marto, Lúcia dos Santos. Ihnen fällt es in Person eines Beduinen zu, die Schriftrollen von Qumran zu finden, die aus Sicht der theologischen Forschung so wichtig sind, weil sie die christliche Deutung zentraler Begriffe der Bibel bestätigen und die Wahrheit des Evangeliums unterstreichen.

Das Bild entstammt einer Kultur, in der Hirten als fürsorgliche Leiter eine besondere Rolle im Alltag spielten. Sie waren omnipräsent, man wusste um ihre Bedeutung. Ohne sie war die Existenz des Gemeinwesens in Gefahr. Man verband damit Dinge, die auch für Gott, für Jesus gelten: Liebe, Treue, Sorge, Vertrauen, Beziehung, Ordnung, Einfachheit, Demut. Die Beziehung Gottes zum Menschen wird in Christus zur Beziehung des Hirten zu seiner Herde. Die ersten Darstellungen Christi sind die des guten Hirten, der ein Schaf auf seinen Schultern trägt; das Kruzifix kam erst Jahrhunderte später.

In der Nachfolge Christi geht das Bild auf Priester, Bischöfe und den Papst über: „Pastor“ heißt Hirte. Jesus erteilt Petrus den Auftrag zur Kirchenkonstruktion in damals zeitgemäßer Metaphorik: „Weide meine Schafe!“ (Joh 21, 16 und 17). Der Klerus steht zum Kirchenvolk bzw. zum einzelnen Gläubigen wie der Hirte zur Herde bzw. zum einzelnen Schaf. Vielleicht würde sich Jesus heute als der gute mittelständische Unternehmer, der gute Eventmanager oder der gute Systemadministrator vorstellen, heute, da Hirten exotisch geworden sind, zurückgedrängt in die romantische Folklore einer längst vergangenen Zeit.

In der Tat: Das Bild des Hirten ist heute nicht unproblematisch, vor allem wird seine Verwendung von zwei ekklesiologischen Missverständnissen begleitet. Das erste Missverständnis betrifft die Hierarchie von Hirt und Herde, das zweite das Herdendasein der Schafe.

Hierarchie. Hirt und Herde, Chef und Schaf, oben und unten. Das scheint für den einzelnen Gläubige wenig schmeichelhaft: Wer will schon gerne Schaf sein, eingepfercht in eine Herde, kontrolliert vom Hirten? Nicht vergessen werden sollte dabei allerdings, dass in dem Bild vom Hirten und seiner Herde ein Ausgleich dadurch gefunden wird, dass beide – Hirte wie Schaf – aufeinander angewiesen sind: Der Hirte lebt von der Herde, die ihn nährt, die Herde lebt Dank des Hirten, der sie schützt.

Selbst die Führung wechselt, denn auch die Führung einer Herde lebt von der vertrauensvollen Beziehung: So führt der Hirte die Herde am Abend kompromisslos in den Stall des Besitzers (und das einzelne Schaf lässt sich darauf ein, weil es durch den guten Hirten eine Ahnung von Stall und Besitzer bekam), doch tagsüber lässt sich der Hirte von seiner Herde zu den besten Futterplätzen und Wasserquellen ziehen, denn er weiß: Dafür hat nur das Schaf den richtigen Sinn.

Herdendasein. Wer die Herde als zu kollektivistisch abwertet und meint, die „dummen Schafe“ ließen sich vom Hirten treiben und einpferchen und müssten daher „vom Herdendasein befreit“ werden, etwa durch „Kunst“ (so Tanja Dückers in einem Beitrag für das Kulturmagazin Zeig Dich zum Evangelischen Kirchentag), hat nicht verstanden, was das Bild der Herde im Zusammenhang mit dem Christentum bedeutet: Gemeinschaft von Individuen. Kein Schaf gleich dem anderen. Das einzelne Schaf verliert in der Herde nicht seine Individualität. Jesus selbst deutet das an, wenn er sagt, der Hirte kenne seine Schafe „einzeln beim Namen“ (Joh 10, 3).

Die Abwertung übersieht ferner, dass es zwischen Gemeinschaft und Individuum einen Ausgleich gibt, einen Kompromiss aus Freiheit und Verantwortung. Denn das Bild von Hirt und Herde beinhaltet die Weisung an die Herde, in Einheit und Liebe zum Hirten und zueinander zu stehen und es richtet zugleich an die Hirten die Mahnung, es dem guten Hirten nachzutun und der anvertrauten Herde treu zu dienen – bis in den Tod.

Die Schafe der Herde zeichnen sich im Willen zur Einheit und gegenseitigen Liebe durch die Gemeinschaft aus, die sie zur Herde macht, durch Gleichheit im Rang, was Gleichwertigkeit bedeutet, nicht Gleichförmigkeit. Christliche Gemeinschaft ist also keine Gleichmacherei – Unterschiede innerhalb der Herde sind möglich und nötig. Das eine Schaf mag mehr Wolle haben, das andere mehr blöken – der Hirte liebt sie alle gleich. Auch, wenn sie nicht gleich sind. Welch ein guter Hirt! Oder Systemadministrator.

(Josef Bordat)

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