Wieder was gelernt

10. Mai 2017


Heute habe ich ein neues Wort gelernt: „Wiederungelernte/r“. Eine Person gilt im Sozialrecht als „wiederungelernt“, wenn sie „zwar über einen Berufsabschluss verfügt, jedoch aufgrund einer mehr als vier Jahre ausgeübten, berufsfremden Beschäftigung in an- und ungelernter Tätigkeit ihren erlernten Beruf voraussichtlich nicht mehr ausüben kann“.

Was dahinter steckt, ist klar: Berufliche Anforderungen verändern sich so rasant, dass eine längere Pause im Job (wodurch die auch immer bedingt sein mag) regelmäßig dazu führt, diesen nicht mehr ausüben zu können. Dann muss man sich weiterbilden oder umschulen oder sonst was (um derlei Angebote und Förderungsmöglichkeiten ging es in der Broschüre dann auch).

Andererseits geht der Begriff weit darüber hinaus. Als wiederungelernter Philosoph habe ich mir nämlich die Frage gestellt, ob das nicht ein Kerncharakteristikum unserer Gegenwartskultur ist: wiederungelernt zu sein. Also Techniken wie In-ganzen-Sätzen-sprechen, einander zuhören (und verstehen wollen), um die Bedeutung von zeitlichen Strukturen (einschließlich Festzeiten, Stichwort: Sonntagsruhe) wissen, ein Problem lösen (nicht die Problemstellung googlen), schweigen – alles Dinge, die wir mal drauf hatten.

Dabei ist das mit dem Verlernen dieser Dinge nur dann bedauerlich, wenn man nichts anderes (möglicherweise „besseres“) lernt, wenn man also das eine vergisst, ohne das andere zu beherrschen. Deshalb ist der Begriff „wiederungelernt“ so sinnfällig: Man steht nicht „umgelernt“ auf einer anderen Stufe (die mag höher oder niedriger sein), sondern am Anfang der Treppe, auf der Suche nach Neuorientierung. Obwohl: Das wäre schon was. Zunächst mal: Orientierungslos. Wieder ungelernt.

Gut, man kann sich jetzt darüber streiten, ob das überhaupt geht: wieder ganz ungelernt zu sein, alles auf Null zu stellen in Kopf, Herz und Händen. Fachspezifische Kenntnisse mögen tatsächlich eine kurze Halbwertszeit haben, aber Methoden und Erfahrungen bleiben lange haften. Insofern sollte man sich das Neue schneller aneignen können. Aber gilt das auch für das Kollektiv? Dann, wenn die Erinnerungen verblassen, wenn Erfahrungen nicht mehr präsent sind?

Interessanterweise gibt es immer wieder Gegenbewegungen, die jedoch das, worauf sie sich richten, durch überzogene Ansprüche fast zur Karikatur werden lassen. Allzu dogmatisch erscheint mir manchmal das Aufgreifen uralter Weisheiten wie der, dass man nicht jeden Tag Fleisch essen sollte, dass Essen ein Luxus ist, den man bewusst und idealerweise in Gemeinschaft genießt, dass echte Liebe warten kann, dass Bewegung gut tut. Alles Dinge, die wir heute wieder lernen. Wie gesagt: Oft mit verbissener Didaktik.

Wiederlernen scheint also ein Thema zu sein, inmitten wiederungelernter Kultur. Wer weiß: Vielleicht gibt es schon bald wieder die ersten S-Bahnfahrgäste, die aus dem Fenster gucken, nicht auf ihr Smartphone. Kann man lernen.

(Josef Bordat)

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: