Im Anfang war das Wort

22. Mai 2017


Die deutsche Sprache und die christlich-humanistische Kultur Deutschlands

Die Sprache formt das Denken, das Denken bringt die Kultur hervor. Intellekt verhält sich zu Kultur wie Instinkt zu Natur – sie ist die Triebfeder der kulturellen Kontingenzbewältigung, die in natürlichen Prozessen aufgrund der inhärenten Kausalität nicht nötig ist (zwischen Geschichte und Evolution gibt es diesen prinzipiellen Unterschied). Sie ist also das typisch Menschliche. Ein Tier hat weder Intellekt noch Sprache (mal abgesehen von – sehr erstaunlichen – Verständigungsformen, die instinktiv funktionieren, etwa die „Tänze“ der Bienen oder das „Singen“ der Wale). Sprache und Vernunft hängen schon begrifflich zusammen („logos“); über diesen Konnex lief lange Zeit die Definition kultureller Zugehörigkeit – und die Ausgrenzung der „Barbaren“ als sprachunkundige und daher kulturell inferiore Menschen.

Religion und Philosophie sind Kristallisationspunkte der Kultur. Darum sollte es nicht verwundern, die wichtigsten Etappen auf dem Weg zu einer deutschen Sprache im Christentum und in der preußischen Aufklärung zu finden. In der Kirche und am Katheder wurden zentrale Begriffe gebildet (unter anderen „Begriff“ und „Bildung“), die Theologen und Philosophen heute selbstverständlich benutzen.

Beispiel: Gewissen. Das Wort „Gewissen“ kommt vom althochdeutschen „giwizzani“, aus dem sich das mittelhochdeutsche Wort „gewizzen“ entwickelte. „Giwizzani“ ist eine Lehnübersetzung für den lateinischen Begriff „conscientia“; dieser wiederum ist eine Übersetzung des griechischen „syneidesis“. Das Wort „giwizzani“ taucht um das Jahr 1000 in einer Glosse Notkers III. auf. Notker (Beiname Teutonicus, „der Deutsche“) war ein Benediktinermönch und gilt als einer der Väter der deutschen Sprache. Er versuchte, das lateinische „conscientia“ („Bewusstsein“, „Gewissen“; wörtlich: „Mitwissen“, „Mitwisserschaft“) treffend ins Deutsche zu übertragen. Den Stamm „wizzani“ nimmt Notker von „wizzan“ („wissen“), die Vorsilbe „gi-“, die später zu „ge-“ wird, deutet einerseits darauf hin, dass es um die Gesamtheit des Wissens gehen soll (so wie „Gebirge“ die Gesamtheit der Berge meint oder „Gewässer“ die Gesamtheit all dessen, was Wasser führt), also ein allumfassendes Wissen im Sinne des „Bewusstseins“ gemeint ist, andererseits scheint das Präfix auf eine Intensivierung des Wissens hinzudeuten, also darauf anzuspielen, dass das Wissen des Gewissens ein besonders sicheres, klares Wissen ist, ein im Grade gesteigertes, potenziertes Wissen, ein sehr genau gewusstes Wissen (so wie „Gewitter“ eine starke Form von Wetter ist und der „Gedanke“ das Konzentrat des Denkens). Luther spricht in diesem Sinne davon, dass „wider das Gewissen zu handeln“ nicht „sicher“ sei, weil eben das Wissen des Gewissens ein besonders sicheres ist und uns das Gewissen selbst die Sicherheit gibt, richtig zu liegen.

Schon vom Wort her lässt sich der Grundkonflikt um das Gewissen als „Mit-Wissen“ erkennen. Womit genau teilt man sein Wissen – mit einem autonomen, sich selbst bestimmenden Selbst (Subjektivismus) oder mit einer heteronomen Ordnung, die dem Selbst als Bestimmungsgröße vorgegeben ist (Objektivismus)? Gewissen als die Gesamtheit des Wissens deutet eher auf dieses, Gewissen als Intensivierung des Wissens eher auf jenes. Bereits im Wort „Gewissen“ zeigt sich also die Brisanz der Auseinandersetzung um die Bedeutung des Begriffs.

Beispiel: Gelassenheit. Die mittelhochdeutsche Form „gelâzenheit“ ist ein zentraler Begriff der Mystik Meister Eckarts. Als Voraussetzung für die Gottesgeburt in der Seele, also des Eins-Werdens von Gott und Gläubigem, muss der Mensch „gelâzen hân“ (zurück- oder losgelassen haben), um schließlich „gelâzen“ zu „sîn“. Das menschliche Individuum muss sich selbst und die ganze Welt „lassen“. Mit seiner Wortschöpfung „gelâzenheit“ stellte Eckhart der deutschen Sprache ein neues Denk- und zugleich Sprachkonzept zur Verfügung.

Beispiel: Bildung. Meister Eckart meint eine Bildung, die als ganzheitliche Persönlichkeitswerdung den Menschen befähigt, sich zu dem hin zu entwickeln, wie ihn der Schöpfer ursprünglich gemeint hat, sich also dem Bilde Gottes, als das der Mensch äußerlich geschaffen ist, auch innerlich zu nähern. Der Mensch soll wie sein gottgeschenktes Bild werden – „gebildet“ eben. Später sollte Humboldt den Begriff und die Idee Meister Eckharts aufnehmen und das holistische Konzept einer „Bild-Werdung“ des Menschen säkularisieren; der Ursprung von „Bildung“ aber liegt in der Schöpfungstheologie Meister Eckharts.

Beispiel: Einfluss. Das Bild des Flusses hilft Eckhart, Gottes Wirken verständlich zu machen. „Götlicher inflûz“ ist mächtig und wirkungsvoll – wie der dem Leser oder Zuhörer vertraute Wasserstrom. An dieses dynamische Bild sollten wir uns erinnern, wenn wir auch heute noch von „Einfluss“ sprechen. Da geht es um die Kraft eines Flusses, nicht um das „Einfließen“ von ein paar Faktoren.

Was wäre unsere Sprache ohne diese vier Abstrakta: Gewissen, Gelassenheit, Bildung, Einfluss? Nehmen Sie sich mal einen längeren Zeitungsartikel vor und suchen Begriffe aus den vier Wortfamilien heraus. Fest steht: Bildung beeinflusst das Gewissen und gibt Gelassenheit.

Doch der Einfluss (sic! – dahinter steckt jetzt keine besondere Absicht, wirklich nicht) Meister Eckarts geht noch weiter. Eckhart praktizierte die Einheit von „lêre“ und „leben“, die er selbst immer gepredigt hat. Dazu gehörte für ihn auch, dass die Sprache der Lehre aus dem Leben zu kommen hat. So war es nur konsequent, dass Meister Eckhart seine Predigten nicht auf Latein, sondern auf Deutsch hielt, in der Sprache des Volkes. Kennzeichen des von Eckhart geprägten Deutsch ist die Sprache der Metaphorik, d. h. der Bildhaftigkeit – tiefsinnig und zugleich anschaulich konkret. Er lauschte sie dem Leben der Menschen ab, höfischen Episoden und der mittelalterlichen Liebesdichtung, dem Minnesang. Er sprach von Gott als dem „hôhe fürste“, von der Seele als „minnewunt“ (von Liebe wund), und die im Zentrum seiner Predigten stehende Entrückung aus der Welt zu Gott wird zur „hovereise“, zur Reise an den Hof. Die deutschen Wortschöpfungen des volkssprachlichen Predigers Eckhart sind stark und von erstaunlicher Differenziertheit. Überkommenen abstrakten Begriffen wird eine neue Bedeutung zuteil. Integration und Differenzierung, Einheit und Vielschichtigkeit, diese Aspekte der Eckhartschen Lehre konnten nur im Deutschen so vollendet ausgedrückt werden. Mit den Worten des Eckhart-Forschers Josef Quint: „Die Eckhartische Mystik ist das erste große Bad, dem der deutsche Wortschatz vergeistigt entsteigt.“

Das zweite Bad – in gewisser Hinsicht eine Grundreinigung mit dem Hochdruckwasserstrahler – hat dem Deutschen dann ein Mann beschert, auf den wir in diesem Jahr besonders schauen: Martin Luther. Auf die Wartburg verbracht – Sie werden die Hintergründe, wie es dazu kam, kennen – beginnt Luther als „Junker Jörg“ mit der Übersetzung der Bibel in sein „geliebtes Deutsch“. Trotz „vielfacher Belästigungen durch den Teufel“ übersetzt er in knapp drei Monaten das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche. 1522 geht es als so genannte „Septemberbibel“ in den Druck. Obwohl die Auflage (3000 Exemplare) und der Preis (1,50 Gulden) hoch lagen, war sie rasch vergriffen. Das mag Luther angespornt haben, sogleich mit dem weit umfangreicheren Alten Testament fortzusetzen, das er von 1523 bis 1534 übersetzte und kommentierte. Zur Michaelismesse im Oktober 1534 konnte Luther seine „Biblia, das ist, die gantze Heilige Schrifft, Deudsch“ vorlegen.

In seinen „Summarien über die Psalmen und Ursach des Dolmetschens“ (1533) gibt Luther Auskunft über sein Übersetzungsprinzip, das seiner theologischen Haltung geschuldet ist: größtmögliche Verständlichkeit bei größtmöglicher Nähe zum Ursprungstext. Das fordert einerseits einen reichen differenzierten Wortschatz für eine treffende Ausdrucksweise und eine große Kreativität, um durch Sprachschöpfungen vorhandene Lücken zu schließen, andererseits eine Beachtung der Umgangssprache, also „dem Volk aufs Maul zu schauen“, wie Luther es ausdrückte. Manchmal bringt Luther spielerisch Regionales im Text unter und erreicht damit eine besondere Präzision. In Lukas 21, 2 übersetzt er die kleine Opfergabe der armen Witwe mit „Scherflein“ – der Scherf war eine Erfurter Münze. Doch der Text musste die Sprachgrenzen regionaler Idiome überschreiten, um überall verstanden zu werden, durfte also nicht zu sehr von der Herkunft des Verfassers geprägt sein. Dies gelingt Luther, obwohl das „Meißner Kanzleideutsch“ seinen Sprachduktus geformt hat – und damit letztlich auch unsere gemeinsame deutsche Sprache.

Luthers Einfluss auf das Deutsche als Volkssprache ist kaum zu überschätzen. Auch wenn vor ihm Deutsch gesprochen und geschrieben wurde, wird er mit seiner Bibelübersetzung zum größten Förderer einer einheitlichen neuhochdeutschen Schriftsprache. Hinsichtlich Lautstand, Orthographie, Flexion und Syntax hat er einen Mittelweg zwischen den bestehenden Schreibdialekten gefunden. Und die Bibel war nicht irgendeine Abhandlung, die nur eine Handvoll Gelehrte interessiert hätte. Das „Buch der Bücher“ wurde in allen Schichten mit Interesse und Aufmerksamkeit gelesen. Über Jahrhunderte war es in vielen Familien sogar das einzige verfügbare Buch. Dadurch konnte sich die deutsche Sprache allmählich einheitlich etablieren, auch im Rheinland und in Bayern, wo die regionalen Idiome noch länger vorherrschten, vor allem deshalb, weil diese Gebiete traditionell katholisch geprägt sind. Im protestantischen Norden und Osten Deutschlands setzte sich das „Lutherdeutsch“ hingegen rasch durch.

Luther hat die heutige deutsche Standardsprache zwar nicht erfunden, sie aber entscheidend geprägt, auch durch seine „Tischreden oder Colloquia“ und das geistliche Liedgut („Ein feste Burg ist unser Gott“), vor allem jedoch durch seine Bibelübersetzung. Im wesentlichen ist die Lutherbibel stets nur orthographisch der jeweils gültigen Schreibweise angepasst worden. Die textliche Grundlage bildet dabei die Fassung von 1545, die so genannte „Biblia Germanica“, eine Überarbeitung der ersten Ausgabe von 1534, bei der Luther ein Jahr vor seinem Tod noch selbst mitgewirkt hat. Die Stuttgarter Jubiläumsbibel von 1912, die Lutherrevision von 1964 und die gegenwärtige Fassung der Lutherbibel von 1984 orientieren sich an ihr.

In einer Zeit, in der das von Luther „geliebte Deutsch“ in seiner Eleganz und Trefflichkeit von Anglizismen ausgehöhlt wird, gibt es immer mal wieder die Eine oder den Anderen, der sich typisch lutherischer Wendungen bedient, gerade auch in der Politik. Bundeskanzlerin Angela Merkel, zur Uni-Zeit in der Evangelischen Studentengemeinde aktiv, verwendet gerne das lutherische „e“ und spricht von „unserem Lande“, während Innenminister Wolfgang Schäuble anlässlich eines Kolloquiums zum 80. Geburtstag des ehemaligen Bundesverfassungsrichters Ernst Benda nicht zu sprechen begann, sondern zu sprechen „anhob“. „Er hob an zu reden“, heißt es an vielen Stellen in der Lutherbibel. Schäuble: „Bevor ich anhebe, über das Thema ,Notstandsrecht und Terrorismusbekämpfung’ zu sprechen, möchte ich …“ Luther lässt grüßen! Auch dann, wenn diesen oder anderen Spitzenpolitikern bei den nächsten Wahlen der eine oder andere „Denckzedel“ (Luthers Übersetzung für die Tefillin, die Gebetsriemen der Juden) verpasst wird.

Ferner gibt sich die Werbung – wohl ohne es zu ahnen – lutherisch. Der Slogan „Des Wodkas reinste Seele“, mit dem ein Getränkehersteller seit Jahren auf sein Produkt aufmerksam macht, ist grammatikalisch reinster Luther, bei dem „der Gottlosen Weg vergeht“ (Psalm 1, 6) – und nicht „der Weg der Gottlosen“. Und das aus der Perspektive einer christlichen Soziallehre unsägliche „Geiz ist geil!“ greift auf eine Art „Lieblingsbegriff“ Luthers zurück: „geil“. Wo die „Einheitsübersetzung“ zaghaft von „erwachenden Begierden“ (Römer 13, 14) oder „Leidenschaft“ (1. Timotheus 5, 11) spricht, setzt Luther das Wörtchen, bei dem jeder weiß, was Sache ist. Leider ist es nach der Revision von 1964 aus der Lutherbibel gestrichen worden. Zu finden ist es im Original von 1534. Geil.

Gerade weil in einer Offenbarungs- und Buchreligion wie dem Christentum die Sprache so wichtig ist (schließlich glauben wir Christen daran, dass „am Anfang“ das „Wort war“ und an das „Wort, das Fleisch wurde“), ist es auch für die Verkündigung des Glaubens wichtig, eine deutliche, klare Sprache zu finden. Notger, Eckhart und Luther haben auf ihre Weise dazu beigetragen, dass sich in unserem deutschen Kulturraum eine solche entwickeln konnte.

Der Wert der deutschen Sprache für die Philosophie (und umgekehrt) zeigt dann in der Aufklärung, etwa beim vielschreibenden und breitgefächerten Gelehrten Christian Wolff, einem der wichtigsten Philosophen in der Zeit zwischen Leibniz und Kant. Wolff gilt als derjenige, der das von Leibniz errichtete philosophische System aufgriff und dessen Thesen zur Metaphysik und Ethik verbreitete. Dazu ordnet er Leibnizens disparates Gedankengut und kleidet es in ein strengeres terminologisches Gewand. Wolff bereitet so die reiche Ideenwelt des letzten Universalgenies Leibniz für die akademische Lehre auf und macht sie für die interessierte Öffentlichkeit verfügbar. Wie? Unter anderem dadurch, dass er auf deutsch schrieb. Er entwickelte sprachlich und inhaltlich das Konzept der „Welt-Weisheit“ als diejenige Philosophie, die sich mit allgemein interessierenden Themen beschäftigt. Wolffs Welt-Weisheit popularisiert somit die akademische Philosophie und trägt sie ins Volk hinein. Der Halenser will dabei ein humanistisches Bildungsideal verwirklicht sehen, dass die gesamte Gesellschaft durchdringt. Insoweit musste er sich der Sprache des Volkes bedienen, um für dieses verständlich zu sein.

Doch er tut dies nicht nur notgedrungen. Er war grundsätzlich der Meinung, dass „unsere Sprache zu Wissenschafften sich viel besser schickt als die lateinische“. In einer Rechtfertigung, „warum der Autor deutsch geschrieben“, sagt Wolff in seiner „Welt-Weisheit in deutscher Sprache“, dass er die Zuhörer nicht „von der Erlernung der Wissenschafften wegtreiben wollte, weil sie das Unglück gehabt in ihren Schul-Jahren in der Latinität versäumet zu werden“. Doch nicht nur mangelnde Lateinkenntnisse, selbst fehlende Bildung sollen kein Hemmnis, keine unüberwindbare Zugangsbarriere mehr darstellen, denn Wolff weiß, „wie sich aus deutschen Schrifften auch andere erbauen, welche nicht studiret haben. Und auf diese richtete ich zugleich mein Absehen […]“. Selbstbewusst resümiert Wolff, dass „ich in diesem Stücke meinen Zweck erreicht habe“.

Allein das ist schon aller Ehren wert. Doch auch inhaltlich gewinnt die Philosophie durch Wolffs landessprachlichen Weltweisheitsansatz. So stammt das Meta-Konzept „Bedeutung“ von ihm, der damit dem Sprachphilosophen Ludwig Wittgenstein die Vorlage für seine These lieferte, die Aufgabe der Analytischen Philosophie sei es, zu klären, was Bedeutung bedeute. Wolff bildete eine Fülle deutscher Kunstwörter als Verdeutschung vorhandener lateinischer Begriffe. Er selbst charakterisiert sein Vorgehen so, „daß ich die deutschen Wörter in ihrer ordentlichen Bedeutung nähme und darinnen den Grund der Benennung zu dem Kunstworte suchte. Denn auf solche Weise ist mein Kunst-Wort rein deutsch, weil ich deutsche Wörter in ihrer eigentlichen Bedeutung brauche und indem ich sie zu einem Kunst-Worte mache, auf Sachen ziehe, darinnen etwas anzutreffen so durch das Wort in seinem eigentlichen Verstande genommen und angedeutet wird. […] Ferner ist zu merken, daß ich […] die deutschen Kunst-Wörter nicht aus dem Lateinischen übersetzt habe, sondern sie vielmehr so eingerichtet, wie ich es der deutschen Mund-Art gemäß gefunden, und wie ich würde verfahren haben, wenn auch gar kein lateinisches Kunst-Wort mir wäre bekannt gewesen“. Auf diese Weise gelingt ihm eine sinnvolle Übertragung und er umgeht gleichsam die Gefahr einer direkten Übersetzung der Fachtermini, was manchmal eigenartige Begriffe hervorbringt. So ersetzt er „Ontologie“ nicht etwa durch das, was es ist, nämlich eine „Dinglehre“, sondern fragt nach der eigentlichen Semantik des Begriffs und kommt auf „Grund-Wissenschaft“. Teilweise erweitert er den Bedeutungsgehalt fremdsprachlicher Begriffe auf eine höchst fruchtbare Weise. So erscheint in seinem Deutsch die lateinische „causa“ je nach Verwendungszusammenhang als „Grund“ oder als „Ursache“.

Wolff hatte mit seiner Terminologie großen Einfluss auf Kant, dessen „Ding an sich“ nicht möglich gewesen wäre, ohne Wolffs Bestimmung des Terminus „an sich“. Zudem hatte Wolffs Sprachkritik über ihre Verbreitung in den „Moralischen Wochenschriften“ großen Einfluss auf die Sprache der Poesie und Poetologie, etwa auf Johann Christoph Gottscheds „Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen“. Dennoch: Das Deutsche darbte trotz Wolff dahin. So schreibt Johann Friedrich Heynatz 1774 – zwanzig Jahre nach Wolffs Tod –, dass „die deutsche Sprache nicht recht emporkommen will“. Seine These in „Briefe die deutsche Sprache betreffend“ ist bestechend und verblüffend aktuell: „Was ist nun unausbleiblicher, als daß die Sprache zurückbleibt, da der edelste Theil der Nation sich ihrer nicht annimmt“.

Der „edelste Theil der Nation“, das sind Politiker, Medienvertreter, Wirtschaftsführer, Künstler und Wissenschaftler. Vielleicht ja auch Priester. Ihre Aufgabe ist es heute, diese Sprache zu pflegen und – wo verloren gegangen – wiederzufinden, um theologische und philosophische Einsichten verständlich zu halten bzw. zu machen. Es wäre geradezu tragisch, wenn ausgerechnet die Kirche „an ihrer Sprache verreckt“, wie Buchautor Erik Flügge meint. Und das auch noch im Lutherjahr.

(Josef Bordat)

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