Veganismus als Weltanschauung

24. Mai 2017


Der 36. Deutsche Evangelische Kirchentag. Eine dialektische Programmheftanalyse

Wer sich in diesen Tagen dem Berliner Messegelände nähert, könnte den Eindruck bekommen, die BSR veranstalte ihre Jahreshauptversammlung. Aber, nein: Das Orange ist die Farbe des Evangelischen Kirchentags. Warum auch immer. War das Violett lange das Erkennungsmerkmal des Protestantismus, ist es nun das Orange. Wahrscheinlich ist violett nicht auffällig genug. Und auffallen muss man, in einer pluralen, ja, bis ins Atomare fragmentierten Gesellschaft, in der divergierende Lebensentwürfe das einzig Verbindende sind. Zur Andersartigkeit gibt es keine Alternative.

Wer dann das Programmheft zur Hand nimmt, könnte weiterhin den Eindruck bekommen, die Organisatoren des Kirchentags hätten sich bemüht, all diesen 79.576.394 Lebensentwürfen Raum zu geben. Niemand soll zurückbleiben. Alle sind eingeladen. Zum Fest des… Ja, und jetzt wird es schwierig. Was feiern wir eigentlich? Kirchentag? Reformation? Evangelisch? Evangelium? Deutsch? Nein. Der Deutsche Evangelische Kirchentag feiert im Reformationsjahr die Vielfalt. Multikulturalität und Dialogorientierung sind an allen Ecken und Ende des Programms spürbar. Und das ist gut so.

Das heißt: Es wäre noch besser, wenn die Kerninterpretamente christlichen Glaubens und christlicher Gegenwartskultur nicht auch vor der universal-verbindlichen Vielfaltsfolie verhandelt würden, so sie nicht gleich ganz wegfallen. Das Thema Religionsfreiheit etwa kommt vor allem hinsichtlich der zu bestimmenden Grenzen des Begriffs vor („Religionsfreiheit oder Hassrede? Herausforderungen für LSBTTIQ* weltweit“ – „Wieviel Religion verträgt der Staat?“) bzw. in seiner negativistischen Deutungsvariante als Recht auf Freiheit von Religion („Werden nichtreligiöse Menschen diskriminiert?“). Einer (dem Anspruch nach) christlichen Großveranstaltung, die just am „Weltgebetstag für China“ beginnt, hätte man insgesamt mehr zugetraut.

Das Wort „Christenverfolgung“ – eines der größten humanitären Probleme unserer Zeit – kommt auf den 576 Seiten des Programmhefts nicht vor. Zu hoffen bleibt, dass der koptisch-orthodoxe Bischof Angaelos (Stevenage, Großbritannien) das Schicksal der Christen in Nordafrika sowie im Nahen und Mittleren Osten bei der Veranstaltung „Religionsfreiheit ist Menschenrecht“ zumindest anschneiden darf. Am Ende gerne auch ohne das unerwünschte Wort.

Überhaupt: Im Anfang war das Wort. Die Begriffe im Programmheft bleiben oft schwammig und stereotyp, so dass sich Veranstaltungstitel zum Verwechseln ähneln. „Sag‘ mir, wie hältst du’s mit der Religion?“ (S. 375) behandelt den Fußballgott, „Wie hältst du es mit der Religion“ (S. 234) die Islamfeindlichkeit. Von Christentum ist wenig, von Religion viel die Rede. Sprachliche Inklusion zulasten der Klarheit. Alles ist Religion: Veganismus („Christenpflicht oder Ersatzreligion?“ – Zentrum Weltanschauungen), „Feminist*innen aller Religionen“ (sollen sich vereinigen) und „Blasphemie! – Ein Religionsgespräch zu Gilbert and George“.

Dann gibt es noch einen „Ich-kann-nicht-singen-Vormittag“. Gut so. Das zentrale Wort des Kirchentags ist ohnehin „ich“ (also: nach „Luther“ und „Klima“). Der Subjektivismus hat die Reformation seit Kant fest im Griff. Das wissen wir. Das Programm des 36. Deutschen Evangelischen Kirchentags (Leitwort: „Du siehst mich“) darf ab sofort in Bachelorarbeiten als Beleg genannt werden. „Selbstbestimmte Sexualität?“, „Transhumane Revolution. Die Selbsterschaffung des unsterblichen Menschen“, „Ich bin so frei“, „Hier stehe ich“. Selbst bei Aufgaben, für deren Bewältigung Christus persönlich die Gemeinschaft von mindestens Zweien empfiehlt, schlägt das nicht-feststellbare Subjekt durch: „Was ist meine Mission?“ (Thementag „Glauben in einer pluralen Welt“).

„Lasst die Welt ruhig plural sein, wir glauben an Jesus Christus, den Sohn des lebendigen Gottes – Wort und Wahrheit, Hoffnung und Heil! Kommt, wir bezeugen Ihn!“ – Denkste, Puppe! Doch, halt – es gibt ja noch den „Markt der Möglichkeiten“ auf dem Messegelände. Hier hat dann wieder die Vielfalt in alle Richtungen Platz, auch evangelikale Gemeinschaften und katholische Einrichtungen, selbst Lebensrechtsinitiativen. Und dass die Veranstalter den Dialog mit Andersgläubigen und Andersdenkenden aufnehmen, dass sie nicht nur über Rechtspopulismus sprechen lassen, sondern auch die AfD zum Mitreden einluden, dass auch die Ökumene eine Rolle spielt – das macht dann doch Lust auf viereinhalb Tage Kirchentag. Ich jedenfalls gehe hin. Ist ja wohl meine Sache. Und schließlich sollte man einen Kirchentag nicht schon aufgrund des Programmhefts be- und verurteilen. Vielleicht ist es ja doch alles ganz – anders.

(Josef Bordat)

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