Völkerapostel im Theologenstreit

1. Juni 2017


Da Paulus aber wusste, dass der eine Teil zu den Sadduzäern, der andere zu den Pharisäern gehörte, rief er vor dem Hohen Rat aus: Brüder, ich bin Pharisäer und ein Sohn von Pharisäern; wegen der Hoffnung und wegen der Auferstehung der Toten stehe ich vor Gericht. Als er das sagte, brach ein Streit zwischen den Pharisäern und den Sadduzäern aus, und die Versammlung spaltete sich. (Apg 23, 6-7)

In der Lesung zum heutigen Tage (Donnerstag der 7. Woche im Osterkreis) geht es hoch her: Pharisäer gegen Sadduzäer. Paulus nutzt die Gespaltenheit des Hohen Rates aus, indem er sich auf eine Seite schlägt, auf die der Pharisäer. Ein Streit bricht aus, der so heftig wird, dass Paulus gewissermaßen zum Schutz aus der Versammlung gebracht wird („Als der Streit heftiger wurde, befürchtete der Oberst, sie könnten Paulus zerreißen. Daher ließ er die Wachtruppe herabkommen, ihn mit Gewalt aus ihrer Mitte herausholen und in die Kaserne bringen“, Apg 23, 10). Worum ging es?

Pharisäer und Sadduzäer waren beide einflussreiche religiöse Parteien im jüdischen Staat Israel, beide formalistisch und streng, aber doch mit unterschiedlichen Glaubenslehren.

Das Programm der Pharisäer geht auf Exodus 19, 6 zurück: „Ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein“. Es ging ihnen also darum, die Differenz zwischen auf der einen Seite Klerus und den Laien auf der anderen Seite zu überwinden und die Heiligung des Alltags durch die Tora zu befördern, konkret dadurch, dass die Reinheits- und Speisegebote nicht nur für Priester, sondern für das ganze Volk gelten sollten.

Das bedeutete dann natürlich, eine geeignete Form der Verkündigung finden zu müssen. Heraus kam dabei eine passgenaue Deutung des Gesetzes für das Alltagsleben, die so genannte „mündliche Tora“. Damit sollte für alle auftretenden Fälle der Lebenspraxis eine jüdische Lösung gefunden werden, also eine Lösung, die gesetzeskonform ist. Daraus resultiert eine Kasuistik mit klaren Handlungsanweisungen, die dann von Jesus für einzelne Fälle in ihrer Starrheit kritisiert wird. Jesus hebt dabei die Gesetze nicht auf, er führt ein neues Deutungsprinzip ein: die Liebe.

Das Gesetz muss immer in Liebe ausgelegt werden und verlangt eben eine gewisse Flexibilität in der Deutung, denn das Gesetz sei für die Menschen da, betont Jesus – und lebt es in verschiedenen Situationen vor, wenn er etwas das Sabbatgebot bricht, um Menschen zu heilen. Bei den Pharisäern ist der Mensch für das Gesetz da, weil das Gesetz unmittelbar mit Gott in Verbindung gebracht wird und quasi übersehen wird, dass Gott zuerst und vor allem die Liebe ist. Daher rühren die Spannungen zwischen Jesus und den Pharisäern, mal ganz abgesehen davon, dass Jesus ihnen vorwirft, sich selbst nicht immer an ihre eigene Deutungsweise zu halten.

Die Sadduzäer wiederum lehnten dieses Popularisierungsverfahren der Pharisäer ab. Im Gegenteil: Sie stärkten die Eigenverantwortlichkeit der Gläubigen durch die Vorstellung einer ausschließlich innerweltlichen Kompensation der Verhaltens. Man erhält in ihren Augen bereits im irdischen Leben Lohn und Strafe für seine Taten, für deren moralische Qualität man selbst Sorge trägt, orientiert am Gesetz natürlich. Deswegen gab es in ihrer Deutungsform des Gesetzes mehr Berührungspunkte zur Ethik Jesu.

In einer anderen Frage stand Jesus hingegen auch mit dieser Gruppe in harter Auseinandersetzung. So glaubten die Sadduzäer nicht an die Auferstehung („Die Sadduzäer behaupten nämlich, es gebe weder eine Auferstehung noch Engel noch Geister, die Pharisäer dagegen bekennen sich zu all dem“, Apg 23, 8). Jesus ist die Auferstehung in Person, die Auferstehung und das Leben. Paulus verkündet Jesus als den Auferstandenen (nur so kennt er ihn ja), daher ist es für ihn klar, auf welche Seite er sich stellen muss: auf die der Pharisäer. Damit fordert er die Sadduzäer natürlich heraus. Und der Streit ist da.

(Josef Bordat)

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