Handbuch des Wutbürgertums

2. Juni 2017


Pierre Stutz erklärt, was hinter negativen Emotionen steckt – und welchen Sinn sie haben

Ärger, Zorn und Wut sind offensichtlich weit verbreitete Gefühlslagen. Die Aggressionen finden durch das Internet immer öfter ungefiltert ihren Weg in die breite Öffentlichkeit. Die für ein konfliktfreies Miteinander in der Gesellschaft verantwortliche Politik will diesem Phänomen nun sogar mit neuen Gesetzen gegen „Hate speech“ beikommen. Das Pikante: Wut ist nicht nur ein Gefühl, dass unser Zusammenleben stört, es ist auch eine zutiefst irrationale, weil selbstzerstörerische, am Ende nicht die gewünschte Veränderung herbeiführende Emotion. „Wut festhalten“, so wird in esoterischen Kreisen Buddha zitiert, sei so, als ob man „Gift trinkt und darauf wartet, dass der Andere stirbt“.

Dass die Ärger, Zorn und Wut aber auch einen Sinn, ja, eine „spirituelle Botschaft“ vermitteln, macht der bekannte Autor Pierre Stutz deutlich. Nach seinem Ausscheiden aus dem Priesteramt (2002) hat er sich aufs Schreiben von spiritueller Ratgeberliteratur verlegt und hat damit großen Erfolg. Sein neustes Buch „Lass dich nicht im Stich – Die spirituelle Botschaft von Ärger, Zorn und Wut“, erschienen im Patmos-Verlag, reiht sich in die Ratgeberreihe ein. Stutz greift damit, wie schon erwähnt, ein sehr aktuelles Thema auf. Ob seine Thesen überzeugen können, zumal diejenigen, die von Ärger, Zorn und Wut angefüllt sind, darf bezweifelt werden. Sein Buch setzt zumindest Offenheit für eine selbstkritische und schonungslose Situationsanalyse voraus, insbesondere ein waches Bewusstsein für die eigenen Grenzen.

Dabei predigt Stutz kein passives Ertragen von Unrecht – im Gegenteil: Auch er meint, dass Widerstand manchmal nötig ist, schon, um mit sich selbst im Reinen zu bleiben oder ins Reine zu kommen. Einer, der diese Kraft des Widerständigen vorbildlich aktiviert habe, sei Jesus gewesen. Theologisch fragwürdig ist in diesem Zusammenhang jedoch die Leugnung des Sühneopfers im Kreuzestod Jesu durch den Autor („Jesus ist nicht in der Opferrolle geblieben, darum kann und will ich auf keinen Fall ‚du Lamm Gottes‘ beten“), der an dieser Stelle die semantische Vielschichtigkeit des Opferbegriffs verkennt.

Die analytische Abhandlung wird immer wieder durch kurze meditative Betrachtungen in Gedichtform unterbrochen. Das lockert den Gedankengang auf, in dem Stutz sich aus dem Fundus der Weisheitsliteratur ebenso bedient wie aus dem Schatz eigener Erfahrungen, die den Wert eines bewussten Umgangs mit negativen Emotionen authentisch belegen sollen („Seit ich mir erlaube, Aggression, Ärger und Wut in meinen spirituellen Weg hineinzuweben, als Verwandlungspotenzial, bin ich weniger depressiv“). So ergibt sich ein abgerundeter Ratgeber, der seine Zielgruppe sicher finden wird. Ob jedoch durch die spirituelle Hilfe dieses Buches allein das Wutbürgertum unserer Tage zum Mutbürgertum mutiert, bleibt abzuwarten.

Bibliographische Angaben:

Pierre Stutz: Lass dich nicht im Stich – Die spirituelle Botschaft von Ärger, Zorn und Wut.
Ostfildern: Patmos 2017.
208 Seiten, € 20.
ISBN 978-3-8436-0950-0.

(Josef Bordat)

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