Die Kosten des Kirchentags

5. Juni 2017


„Kritisiert wird, dass der Kirchentag als religiöse Veranstaltung zu einem erheblichen Teil mit öffentlichen Mitteln finanziert wurde.“ – Das ist bereits gut die Hälfte der Kirchentagskritik (also: der Kritik am 36. Deutschen Evangelischen Kirchentag), die auf Wikipedia zu finden ist (die andere Hälfte bezieht sich auf die Sponsorenauswahl). Richtig: Diese Kritik gibt es. Aber: Ist sie auch berechtigt? Wer jetzt „Ja!“ ruft, übersieht zweierlei – erstens: Auch andere Privatangelegenheiten werden staatlich gefördert (als Freund des Steuerzahlers müsste man konsistenterweise auch das kritisieren), zweitens: Unterm Strich ist die Investition für die ausrichtenden Städte eine äußerst lukrative (was man nicht verschweigen sollte, wenn man ehrlich bleiben will).

Ad 1) Ziehen wir mal den Vergleich mit dem Fußball. Auch etwas, das sich der Staat etwas kosten lässt, obwohl es ihn eigentlich nichts angeht. Das Handelsblatt hatte 2012 geschrieben: „Die durchschnittlichen Polizeikosten eines Bundesligaspiels beziffert die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) auf 100.000 Euro. Dabei legt sie einen Wert von 50 Euro pro Stunde und Polizist zugrunde. Müsste die Bundesliga diese Kosten selbst übernehmen, kämen auf die 18 Vereine insgesamt mehr als 30 Millionen Euro pro Saison zu“.

Zusätzliche Kosten entstehen durch den Spielbetrieb in der Zweiten und Dritten Liga sowie in den oberen Amateurligen. Gerade da fallen oft überproportionale Kosten an, weil „verfeindete“ Fangruppen aus der Region aufeinandertreffen. Gerade im Osten ist das ein Problem, das die Kosten für Sicherheit in die Höhe treibt. Wir können für die Gewährleistung der Sicherheit in all diesen Spielklassen sicherlich noch einmal 30 Millionen Euro pro Saison rechnen.

Hinzu kommen dann noch Pokalspiele, Spiele auf europäischer Ebene sowie Länderspiele. Sicher ein Kostenpunkt von 10 Millionen Euro pro Saison. Die jährlichen Kosten, die der Fußball dem Steuerzahler – auch dem, der sich nicht für Fußball interessiert – aufbürdet, liegen also bei jährlich etwa 70 Millionen Euro. Das Geld wird aufgewendet, um zu verhindern, dass zehntausende betrunkende junge Männer (und Frauen) in deutschen Städten randalierend und plündernd allzu großen Schaden anrichten.

Ein Kirchen- oder Katholikentag wird durchschnittlich mit 7 Millionen Euro gefördert – auch jedes Jahr. Dabei sind Katholikentage mit rund 3 Millionen Euro an öffentlichen Zuschüssen besonders günstig für den Staat: der Katholikentag 2014 in Regensburg kostete den Steuerzahler 3 Millionen Euro, der Katholikentag 2016 in Leipzig 4,5 Millionen Euro und der nächste Katholikentag 2018 in Münster soll den Staat (also: den Steuerzahler) nur 2 Millionen Euro kosten (die Stadt Münster stellt lediglich Sachmittel im Gegenwert von etwa 1 Million Euro). Das Geld dient dazu, eine Veranstaltung zu organisieren und durchzuführen, auf der zehntausende Frauen (und Männer) gemeinsam beten und feiern sowie friedlich und mit guten Absichten über Fragen beraten, die die Gesellschaft als Ganzes betreffen.

Also: Der Fußball kostet den Steuerzahler zehnmal mehr als die Kirchen- oder Katholikentage. Wer nun behauptet, der Staat soll sich aus der Finanzierung religiöser Veranstaltungen raushalten, weil Religion nicht zu den förderungswürdigen Staatsangelegenheiten zählt, könnte sich ja auch mal fragen, ob sich der Staat nicht noch viel eher aus sportlichen Veranstaltungen raushalten sollte. Oder ist die Förderung des (Profi-)Fußballs neuerdings Staatsaufgabe? Ich habe bisher selten Kritik an der Finanzierung des Fußballbetriebs duch die öffentliche Hand gelesen – wie gesagt: der einschlägige Artikel im Handelsblatt ist schon fünf Jahre alt.

Ad 2) Kosten stehen bei Veranstaltungen auf der einen Seite, zusätzliche Einnahmen durch höheren lokalen Umsatz auf der anderen. Diese andere Seite wird bei der Kritik konsequent ausgeblendet. Warum eigentlich? Schade ist das allemal, denn ein Blick darauf ist sehr erhellend.

Für den diesjährigen Kirchentag gab Berlin 8,4 Millionen Euro aus. Der Senat rechtfertigte seine Entscheidung damit, die Veranstaltung bringe „für die Berliner Wirtschaft positive Effekte in nicht zu unterschätzender Größenordnung“. Im Klartext bedeutet das, der Senat kalkuliert nach Recherchen des RBB mit zusätzlichen Einnahmen in Höhe von 50 bis 60 Millionen Euro. Das entspräche dem Sechs- bis Siebenfachen des „Einsatzes“. Ein gutes Geschäft.

Und das arme, vor einem Jahr von der reichen Rom-Kirche um 1 Million Euro betrogene Leipzig? Hat es sich mittlerweile davon erholt, von den Katholiken gebeutelt worden zu sein? Der Leipziger Stadtrat hat inzwischen Bilanz gezogen und nennt Gesamteinnahmen in Höhe von 7,5 Millionen Euro – das Siebeneinhalbfache des „Einsatzes“.

Ich kann mir nicht helfen, aber irgendwie erwecken diese „Christentreffen“ den Anschein, für die Ausrichterstädte so etwas wie einen Lottogewinn darzustellen – ohne jedes Risiko. Eine Lizenz zum Gelddrucken. Und das nenne ich mal Win-Win-Win-Situation: Vorher jammern und knausern, danach die Kirche in den Dreck ziehen und am Ende ziemlich fett abkassieren. Das sind geich drei Wünsche auf einmal. Für Veranstaltungsorte von Katholikentagen gehen sie in Erfüllung. Garantiert.

(Josef Bordat)

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