Fronleichnam

14. Juni 2017


Es ist gut, dass es Fronleichnam gibt. Denn der Leib des Herrn, den wir heute in den öffentlichen Raum tragen, erteilt uns eine Lehre, die weit über die Inhalte des katholischen Glaubens hinausweist. Denn jede Fronleichnamsprozession, jede Eucharistiefeier, jeder Kommunionempfang macht uns klar, was der wesentliche Unterschied zwischen dem Geist und der Materie ist.

Wenn der Priester uns die Hostie spendet und sagt „Der Leib Christi“, dann erkennen wir: Die Gaben des Geistes sind unendlich. Sie reichen nicht nur für mich, sondern für alle, die kommen. Mehr noch: Sie vermehren sich und steigern ihren Wert, wenn man sie teilt. Die materiellen Güter hingegen sind endlich und auch nur endlich oft teilbar, ehe sie wertlos werden. Ein Brot, das man wieder und wieder teilt, ist irgendwann ein Haufen Brösel, die keiner mehr essen mag.

Es kann also nicht des Brotes wegen um das Brot gehen, beim Leib Christi, sondern um die Substanz, die sich durch das kleine Stück Brot über uns alle ausbreitet, die uns erfüllt und von der selbst im kleinsten Partikel der Hostie noch alles da ist. Das ist das tiefe Geheimnis der Gegenwart Gottes unter der Gestalt des Brotes. Transsubstantiation, so heißt die Deutung des Wandlungsgeschehens auf philosophischer Ebene, doch das Geheimnis des Glaubens ist tiefer. Das Ausbreiten des neuen Lebens in uns, das Erfülltwerden mit Christus selbst, das kann auch der nicht restlos ausdeuten, der es erfährt.

Die hoffnungsfrohe Botschaft von Fronleichnam ist: Gott ist mit uns, bei uns und unter uns, auch, wenn wir ihn nicht sehen. Wenn er sich verhüllt in der Gestalt des Brotes und in der Gestalt des Weines. Das ist schwer zu verstehen, zumal in einer Sinnenwelt wie der unseren, in der Sehen und Gesehen werden alles ist. Doch auch im Mittelalter, zu der Zeit als Fronleichnam sich als Fest mit feierlicher Prozession etablierte, hat es angesichts der „tief verborgenen Gottheit“ Erklärungsbedarf gegeben. Thomas von Aquin hat dies in „Adoro te devote“ poetisch verdichtet, im festen Glauben daran, dass einst in Gottes Licht „die Schleier fallen“.

Als Kind dachte ich immer, wir feiern „Froh-Leichnam“. So ganz falsch ist das, wie mir heute scheint, nicht: Wir dürfen uns in der Tat des eucharistischen Herrn freuen und froh durch die Städte und Dörfer tragen, was uns trägt: Jesus Christus als Brot des Lebens.

(Josef Bordat)

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