Beten. Aber richtig!

22. Juni 2017


Beten ist ein zentraler Akt der Gottesbegegnung, Beten ist identitätsstiftender Gottesbezug. Von daher beginnt jedes Gebet und jeder Gottesdienst mit dem Grundgebet schlechthin: dem Kreuzzeichen. In ihm kommt das christliche Gottesverständnis zum Ausdruck: Vater, Sohn, Heiliger Geist. Beten ist der Draht zum dreifaltigen Gott, jedes einzelnen Christen und der Gemeinschaft aller Christen, die sich Kirche nennt. Und die christliche Spiritualität ist reich in ihrem Bemühen, diesen Draht glühend zu halten. Doch wie gelingt Beten? Wie betet man richtig?

Zunächst: Wenn man richtig beten kann – kann man dann auch „falsch“ beten? Ja. Es gibt Perversionen des Gebets, die letztlich keine Gebete sind, aber doch dafür gehalten werden. Heuchlerische Gebete etwa, wie sie im Buch Jesus Sirach gerügt werden: „Vergib deinem Nächsten das Unrecht, dann werden dir, wenn du betest, auch deine Sünden vergeben. Der Mensch verharrt im Zorn gegen den andern, vom Herrn aber sucht er Heilung zu erlangen? Mit seinesgleichen hat er kein Erbarmen, aber wegen seiner eigenen Sünden bittet er um Gnade? Obwohl er nur ein Wesen aus Fleisch ist, verharrt er im Groll, wer wird da seine Sünden vergeben?“ (Sir 28, 2-5).

Oder aber lange Erklärungen, weit ausgreifende Reden, ohne Sinn und Verstand Aufgesagtes – „Plappern“, wie Jesus es nennt: „Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen“ (Mt 6, 7). Das sei gar nicht nötig, „denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet“ (Mt 6, 8). Warum dann aber überhaupt noch beten, wenn Gott schon weiß, wie wir beten wollen, bevor wir beten? Weil Gott uns nicht ohne unser Einverständnis und unser Zutun verändern will. Erst, wenn wir in Seinen Willen einwilligen, kann Veränderung geschehen. Erst, wenn wir bereit sind, zu vergeben, können wir Vergebung erfahren. Dieser Wille und diese Bereitschaft müssen im Gebet zum Ausdruck kommen.

Die Jünger bitten Jesus: „Herr, lehre uns beten“ (Lk 11, 1). Und offenbar hat die Unterrichtung im Gebet Tradition („wie schon Johannes seine Jünger beten gelehrt hat“, Lk 11, 1). Jesus berühmte Antwort ist das Vater Unser: „Da sagte er zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht: Vater, dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen. Und erlass uns unsere Sünden; denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist. Und führe uns nicht in Versuchung“ (Lk 11, 2-4). Matthias schließt daran noch „sondern rette uns vor dem Bösen“ an (Mt 6, 13). Und die Mahnung Jesu, dass es bei der Vergebungsbitte auf uns ankommt: „Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben“ (Mt 6, 14-15).

Das Vater Unser enthält die Summe unseres Glaubens, eine Kristallisation christlicher Existenz: verehrende Heiligung Gottes, demütiges Gottvertrauen, Bereitschaft zur Antwort auf die Gnade im Weitergeben der Liebe. Das Vater Unser ist das wichtigste Gebet der Christenheit. Beten wir es – täglich! Bitten, danken und loben wir Gott – im Vertrauen darauf, dass Er uns hört, dass Er uns erhört und dass Er uns gibt, was wir wirklich brauchen! Im Bewusstsein dessen, dass wir als Menschen einander brauchen. So beten wir richtig.

(Josef Bordat)

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