Ora et labora

10. Juli 2017


Wie Benedikt uns Arbeit gab

Wir wissen heute oft gar nicht mehr, wie sehr unsere Kultur
vom Christentum geprägt ist. Beispiel: Arbeit. Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Arbeit ganz wichtig ist und hohe Wertschätzung erfährt. Wenn man ein Gespräch beginnt, dann geht es oft um die Arbeit. Wenn man fragt, was der andere macht, nennt er meistens seinen Beruf und beschreibt seine Tätigkeit. Arbeit ist das halbe Leben.

Das war in der Antike völlig anders. Erst durch den Mönchsvater Benedikt, der Gebet und Arbeit auf eine Stufe stellte (ora et labora), wurde die verpönte Arbeit, die man zuvor den Sklaven überlassen hatte, zu einem wichtigen Bestandteil des menschlichen Lebens, so wichtig wie das Gebet, das in der Antike Aufgabe der Priester war.

Der Priester steht in der Nachfolge Christi auf einer Stufe mit dem Sklaven. Er soll dienen. Das ist die theologische Botschaft des ora et labora, das Benedikt den Mönchen auftrug. Die gesellschaftliche Botschaft lautet, dass man auch durch Arbeit heilig werden kann. Nichts beförderte den Fortschritt der europäischen Kultur mehr als dieser benediktinische Gedanke.

Freilich hat die moderne Arbeitsgesellschaft ihre monastischen Wurzeln längst gekappt. Das ora ist mit der Zeit weggefallen. Was blieb ist labora, als Lohnarbeit, unter den Bedingungen des Kapitalismus vielfach zur bloßen Erwerbstätigkeit degradiert, die allein dem Überleben dient. Zunehmend wieder in Form von Sklaverei. Nicht nur im 19. Jahrhundert, in den Kohlegruben Englands, sondern auch heute, in den Textilfabiken Asiens und den Goldminen Afrikas.

Hierzulande sinkt Arbeit im Wert zugunsten von Beschäftigung. Es geht in der Postmoderne wieder um Sinn. Der Sinngehalt der Religion, des religiösen Ritus, also: ora, ist zwar vielen Menschen verloren gegangen, mit dem verbliebenen labora allein will man sich aber nicht mehr begnügen. Work-Life-Balance sagt man heute. Benedikt sagte: Ora et labora.

(Josef Bordat)

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