Neues vom Herrn Wolf

11. Juli 2017


Vor einigen Wochen habe ich Ihnen Herrn Wolf vorgestellt. Herr Wolf schreibt mir mehrmals täglich E-Mails, in denen er diverse Positionen, die das Bundesverfassungsgericht (Herr Wolf nennt es das „sogenannte Bundesverfassungsgericht“, weil es die Welt nicht so beurteilt wie er, der Herr Wolf) und verschiedene Juristen, Politiker, Autoren etc. zum rechtlichen und moralischen Status des ungeborenen menschlichen Lebens „korrigiert“. Wenn es etwa um den rechtlichen und moralischen Status des ungeborenen menschlichen Lebens geht, so „korrigiert“ Herr Wolf, dass „das Schwangerschaftsgewebe Kein Mensch, KEIN Lebewesen ist, welches denknotwendig NICHT „getötet“ werden KANN“ (Typo- und Orthographie im Original, die logische Inkonsistenz auch). Und im Hinblick auf Entitäten, die nicht getötet werden können, braucht es auch keine rechtlichen und moralischen Statusdebatten. Man muss Herrn Wolf dankbar sein.

Herr Wolf verwendet bei seinen „Korrekturen“ die ebenso einfache wie geniale Formel „Behauptung plus Beleidigung gleich Beweis“. Auch folgert Herr Wolf messerscharf aus der Tatsache, dass ihm keiner der zigtausend stündlich angemailten Personen antwortet, seine Thesen seien unwiderlegbar. Denknotwendig. Ich meine, wenn man einem Geographen schreibt, Köln sei die Hauptstadt von Alaska, und es kommt dann drei Kalendertage keine Antwort. Hm? Na, also! Es könnte (Konjunktiv!) freilich auch noch andere Gründe für das kollektive Schweigen geben, aber: Hej – das ist Herr Wolf! Und Herr Wolf übernimmt dann praktischerweise auch schon mal das Beantworten seiner Fragen selbst. Aus der Sicht der Befragten. Das heißt: Aus des Sicht, die Herr Wolf von der Sicht der Befragten hat. Das ist ein Unterschied. Kann man sich denken. Auch ohne Not.

Jetzt muss ich aber auch mal ein gutes Wort für all diejenigen einlegen, die es nicht schaffen, dem Herrn Wolf zu antworten. Ich meine, es ich physiologisch herausfordernd, mit den Händen vor dem Gesicht eine Computertastatur zu benutzen. Und das mit den Händen vor dem Gesicht, daran ist der Herr Wolf, ich muss das jetzt mal sagen, auch, wenn es hart klingen mag, nicht ganz unschuldig. Ich meine, wenn er, der Herr Wolf, etwa sagt, mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle entstehe kein Leben, sondern „Biomasse“ und man hat (leider, leider!) Griechischkenntnisse, dann – zack: Hände zum Gesicht. Oder, wenn er, der Herr Wolf, das Menschsein einzig am Kriterium „autonome Überlebensfähigkeit“ festmacht und im nächsten Satz einem Neugeborenen Menschsein im Sinne seiner Definition zuspricht. Oder, wenn der Herr Wolf aus dem Umstand, dass sich qua natura nicht jede befruchtete Eizelle auch einnistet und entwickelt, schließt (ohne Notwendigkeit zu denken), man könne mit dem ungeborenen Menschen (dem „Parasiten“) machen, was man will. Hände. Gesicht.

Einige der acht Milliarden Adressaten (ja, es gibt Leute mit zwei E-Mail-Adressen) schicken dem Herrn Wolf, nachdem sie ihre Hände wieder auf die Tastatur zurückgeführt haben, dessen E-Mails mit dem dreisten Hinweis zurück, er möge doch bitte aufhören, ihnen E-Mails zu schicken. Doch auch die irrige Vorstellung, man habe ein Recht darauf, einmal – zumindest an Sonn- und Feiertagen – nicht 57 E-Mails vom Herrn Wolf zu bekommen, wird schleunigst in wolfianischer Manier „korrigiert“: „Ich schicke Ihnen keine weiteren Emails mehr, wenn Sie mir garantieren, dass Sie sich NICHT am sog. „Marsch für das Leben“ beteiligen“. Das klingt auch in den Ohren eines juristischen Laien ein wenig nach Nötigung. Aber der Herr Wolf darf das. Einer ungeprüften Information zufolge gilt: „Auf Unterlassung gerichtete straf- oder zivilrechtliche Schritte dürften zwecklos bleiben, nachdem Staatsanwaltschaft und Amtsgericht Herrn Wolf als schuldunfähig i.S.d. § 20 StGB bzw. prozessunfähig i.S.d. § 52 ZPO einstufen“. Ist natürlich auch lustig: Schuld- und prozessunfähig. Heißt auf deutsch: Machen, was man will. Ätsch. Wirklich das letzte Wort, Rechtsstaat?

Andererseits wäre es schade, wenn man dem Herrn Wolf den Internetanschluss kappen würde (oder was mal halt so macht, wenn sich jemand so verhält wie Herr Wolf). Ich jedenfalls lerne aus den Mails eine ganze Menge. Denn der Herr Wolf macht eigentlich nichts anderes, als die sattsam bekannten und widerlegten „Argumente“ der „Abtreibungsgegner-Gegner“ (Herr Wolf nennt sich übrigens so, wie ich freiwillig Niemanden nennen würde: „Abtreibungsbefürworter“) aneinanderzureihen, sie verbal zuzuspitzen und sie völlig enthemmt weiterzuspinnen. Was dabei herauskommt, ist erschreckend. Erschreckend dämlich. Und erschreckend erschreckend. Aber sagt er, der Herr Wolf, damit nicht nur das, was die „Szene“ insgeheim denkt, sich aber (aufgrund bestehender Schuld- und Prozessfähigkeit) nicht zu sagen getraut? Dann wären die Mails des Herrn Wolf tatsächlich das, was sie sein wollen: Aufklärung.

(Josef Bordat)

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