Frau. Kirche. Bildung

13. Juli 2017


Die Reformation steht gemeinhin für Bildung und Fortschritt, gerade auch für Frauen. Die Katholische Kirche hingegen für Wissenschafts- und Frauenfeindlichkeit. Katholische Frauen hatten keine Chance auf Bildung und Emanzipation. Luther hingegen ebnete den Frauen einen Weg in die Akademie. Am Ende stehen evangelische Bischöfinnen, während die rückständige katholische Kirche immer noch über Diakoninnen diskutiert. Also: Für Frauen ist evangelisch „hui“, katholisch „pfui“.

So lautet eine Große Erzählung der europäischen Kulturgeschichte. Der Haken an der Sache: Sie stimmt so nicht. Maria Anna Zumholz widerlegt sie in ihrem Buch „Das Weib soll nicht gelehrt seyn“. Konfessionell geprägte Frauenbilder, Frauenbildung und weibliche Lebensentwürfe von der Reformation bis zum frühen 20. Jahrhundert. Eine Fallanalyse am regionalen Beispiel der Grafschaft Oldenburg und des Niederstifts Münster, seit 1774/1803 Herzogtum Oldenburg.

Die Historikerin zeigt den Verlagsangaben zufolge (ich habe das Buch nicht gelesen), dass weibliche Lebensentwürfe im Protestantismus auf Ehe und Familie unter der Geschlechtsvormundschaft von Ehemännern beschränkt wurden, verbunden mit einer Geringschätzung der Mädchen- und Frauenbildung, während der Katholizismus es Frauen ermöglichte, zwischen der Ehe und einem ehelosen, eigenverantwortlichen berufstätigen Leben wählen zu können und zudem in Orden und Kongregationen eine bedeutende Mädchenbildungstradition begründete.

Methodisch scheint das Buch einwandfrei („An impressive wealth of new information is offered, based on primary sources, and on a wide range of secondary reading“, Peter Matheson, in: Theologische Literaturzeitung, April 2017, Sp. 402-404). Zur Bestätigung ihrer Thesen liefert Zumholz reichlich empirisches Material (Matheson: „Most illuminating are the statistical tables on the provision of teacher training and hospitals in the Catholic South of Oldenburg, and tables comparing school attendance, confessional identity, and single or married status with that in the Protestant North“).

In einer Besprechung des Buchs für die Kirchenzeitung des Bistums Münster nennt Franz Josef Scheeben einige der Fakten, die Zumholz zusammengetragen hat: „Im katholischen Molbergen etwa besuchten 1970 doppelt so viele Mädchen wie Jungen Realschule oder Gymnasium, im evangelischen Brake nur gleichviel. Es müsste aber, allen Vorurteilen nach, genau umgekehrt sein“. Und während die Frau nach Luther nur eine gottgewollte Rolle einnehmen könne, die als Ehefrau und „mütterliche Gehilfin“ des Mannes, habe es im Bistum Münster „durch eine Bildungsreform schon früh Ansätze zur Berufstätigkeit katholischer Frauen“ gegeben.

Für Frauen ist evangelisch „hui“, katholisch „pfui“? Sollte man drüber nachdenken. Und frau auch. Maria Anna Zumholz hat dazu den Anstoß gegeben.

(Josef Bordat)

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