Zwischen Feuersgluten und Gluten

13. Juli 2017


Es gibt wieder einmal Streit um einen sehr katholischen Sachverhalt: die Beschaffenheit der Hostie. Die Sakramentenkongregation des Vatikan hat betont, dass „auf die Qualität von Brot und Wein, die für die Eucharistie bestimmt sind“, unbedingt zu achten sei. Glutenfreie Hostien seien daher abzulehnen. Bei aller Wertschätzung der Liturgie im Allgemeinen und des zuständigen Dikasteriums im Besonderen halte ich das für keine gute Entscheidung.

Zunächst ist klar, dass momentan die Regelung eindeutig ist: „Das Brot muß aus reinem Weizenmehl bereitet und noch frisch sein, so daß keine Gefahr der Verderbnis besteht“ (Kanon 924 § 2, CIC). Und in der Allgemeinen Einführung in das Römische Messbuch lesen wir entsprechend: „Das Brot zur Feier der Eucharistie muß aus reinem Weizenmehl bereitet und noch frisch sein und, nach dem Brauch der lateinischen Kirche, ungesäuert“.

Einerseits steht hier die biblische Überlieferung Pate (Das Brot, das Jesus beim Letzten Abendmahl den Jüngern brach, wird aller Wahrscheinlichkeit nach aus Weizenmehl gebacken worden sein), andererseits aber auch der „Brauch der lateinischen Kirche“, die sich damit von der Orthodoxie absetzt, in deren Gottesdiensten gesäuertes Brot verwendet wird.

Doch diese Regelung aus Überlieferung und Tradition steht in der Kritik. Weizen enthält Gluten. Dagegen sind einige Menschen allergisch, weil sie unter Zöliakie, einer Gluten-Unverträglichkeit, leiden. Soll man diese Menschen nun von der Kommunion ausschließen? Oder aber sie durch die Teilnahme an der Kommunion einer gesundheitlichen Gefährdung aussetzen?

Nein, sagt die Kirche. In einem Schreiben der Kongregation für die Glaubenslehre an die deutschen Bischöfe aus dem Jahr 2003 wird Gemeinden mit betroffenen Personen die Verwendung von Hostien erlaubt, die nur sehr wenig Gluten enthalten und daher medizinischen Gutachten zufolge von zöliakiekranken Menschen problemlos verzehrt werden können. Gänzlich glutenfreie Hostien sind hingegen laut Glaubenskongregation keine „gültige Materie“. Dies hat die Sakramentenkongregation nun bestätigt.

Man könnte hier aber noch einen Schritt weiterdenken. Was ist der Sinn der Tradition? Geht es nicht darum, das am leichtesten verfügbare Getreide zu verwenden? Wenn dem so ist, dann wäre es dem Sinn der Tradition entsprechend, wenn man mit ihr der Form nach bricht und in Asien Hostien aus Reis- und in Mexiko Hostien aus Maismehl zuließe.

Doch gerade umgekehrt wird die Regelung heute von Theologen ausgelegt: Auch wenn sich zeigte, dass Jesus – aus welchen Gründen auch immer – Maisfladen verwendet hat, bliebe es bei der Weizen-Vorschrift – aus Tradition. Das ist nicht einzusehen, wenn es doch im Kern um einen Gottesdienst geht, bei dem aus den einfachsten Dingen der Schöpfung Zeichen der Erlösung erwachsen.

Tradition in einem christlichen Sinne ist mehr als das Festhalten an Überlieferung, mehr als die Reproduktion von Ideen, bis dauerhafte Denkmuster entstanden sind, und auch mehr als die Wahrung institutioneller Kontinuität. Tradition schreibt das Wesentliche unter veränderten Kontextbedingungen fort, ohne an starren Formen festzuhalten. Was Zeiterscheinung ist, darf in der jeweiligen Zeit bleiben. Was aber wesentlich ist, muss erhalten werden für die Zukunft: „Prüft alles und behaltet das Gute!“ (1 Thess 5, 21).

Dass der Traditionsbegriff in der Katholischen Kirche so in Verruf gekommen ist, liegt auch daran, dass man denen die Deutungshoheit überträgt, die theologischen Objektivismus und liturgischen Formalismus für das Bewahrenswerte halten, und dabei leicht übersehen, welch lange biblische und theologische Tradition etwa der Gewissensbegriff hat und dass es niemand Anderer als Jesus selbst ist, der mit Formen sehr selektiv umgeht. Tradition kann auch daran anknüpfen, selbst Subjektivistisches und Formloses hat – wohldosiert – im Christentum Tradition. Entscheidend ist für die Kirche, dass der Heilige Geistes in ihr brennt. Feuersgluten sind wichtiger als Gluten.

(Josef Bordat)

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: