„Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert“

17. Juli 2017


In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Aposteln: Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und die Hausgenossen eines Menschen werden seine Feinde sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig. Wer das Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen. Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat. Wer einen Propheten aufnimmt, weil es ein Prophet ist, wird den Lohn eines Propheten erhalten. Wer einen Gerechten aufnimmt, weil es ein Gerechter ist, wird den Lohn eines Gerechten erhalten. Und wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist – amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen. Als Jesus die Unterweisung der zwölf Jünger beendet hatte, zog er weiter, um in den Städten zu lehren und zu predigen. (Mt 10, 34-42 . 11, 1)

Im heutigen Tagesevangelium kommt eine Stelle vor, die oft zitiert wird, um das inhärente Gewaltpotential des Christentums zu belegen: „Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ (Matthäus 10, 34-35). Der Text geht weiter mit einer eigenartigen Aussage Jesu zum Zweck Seines Kommens, einer düsteren Prophezeiung und steilen Anforderungen an die Jüngerschaft: „Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und die Hausgenossen eines Menschen werden seine Feinde sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig.“ (Mt 10, 36-37)

Was ist damit gemeint? Zur Auslegung – vor allem der Schwertmetapher – schlage ich einen Dreischritt vor: Kontextualisierung, sprachliche Analyse und inhaltliche Deutung.

Der Zusammenhang

Zunächst ist dabei – wie immer, wenn es um die Auslegung von Bibeltexten geht – der Zusammenhang der Rede zu beachten: Es geht um die kommende Verfolgung, die Jesus am eigenen Leib erfahren hat und die sich (bis heute) an seinen „Nachfolgern“ vollzieht (Mt 10, 16-25). Dann macht Jesus den Jüngern (und mit ihnen auch uns) Mut zum Bekenntnis – trotz dieser Verfolgungssituation. Christus gibt uns die Zusagen, dass Er zu denen halten wird, die zu ihm halten, ihm treu bleiben (Mt 10, 26-33). Und dann (in diesem Zusammenhang!) spricht Er vom „Schwert“ (Mt 10, 34; die Konkordanzstelle ist Lk 12, 51).

Schwert – Wort, Begriff, Bedeutung

Sodann müssen wir uns den Begriff „Schwert“ genauer anschauen. An der Rede vom „Schwert“ lässt sich hervorragend die Differenz von wörtlicher und verstehender Bibelexegese aufzeigen, oder einfacher: der Unterschied zwischen einem sprachlichen Bild und dessen Bedeutung.

„Schwert“ könnte wörtlich gemeint ist: als Waffe. Man könnte meinen, Jesus fordere dazu auf: Wert Euch gegen Eure Verfolger, tötet sie (mit dem Schwert). Eine solche wörtliche Deutung läge nahe, wenn in allen Übersetzungen übereinstimmend vom „Schwert“ als Artefakt die Rede wäre. Ein Blick in die Gute Nachricht (GN) – eine deutsche Bibelübersetzung in klarer, einfacher Sprache – zeigt uns, dass dem nicht so ist: Dort steht „Streit“ (Mt-Stelle) bzw. „Entzweiung“ (Lk-Stelle). Auch in der Einheitsübersetzung (EÜ), aus der die oben angeführte Perikope entnommen ist, steht an der Lk-Stelle nicht „Schwert“, sondern „Spaltung“, was etwas weniger missverständlich ist: „Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, nicht Frieden, sondern Spaltung“ (Lk 12, 51).

Nur die Mt-Stelle in der EÜ enthält das Wort „Schwert“. Dort aber steht der gesamte Text (Mt 10, 16-39) unter dem Titel „Aufforderung zu furchtlosem Bekenntnis“, nicht etwa: „Aufforderung zum Waffengang“! Es geht beim „Schwert“ also offenbar um etwas anderes als um eine Waffe. Es handelt sich um eine Metapher, d. h. „Schwert“ ist im uneigentlichen Sinn verwendet. Manchmal nehmen einem da die neueren Übersetzungen wie die GN die Deutungsarbeit dankenswerter Weise schon ab, aber auch in der Mt-Stelle aus der EÜ kann man die Bildhaftigkeit von „Schwert“ erkennen, einfach dadurch, dass man einen Vers weiter liest und Jesus selbst den Begriff ausdeuten lässt: „Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien“ – zu entzweien, nicht etwa: zu „erschlagen“!

Man kann aber auf den Bildcharakter von „Schwert“ an dieser Stelle kommen, indem man sich andere „Schwert-Stellen“ sprachlich und inhaltlich anschaut. Wir wissen ja, wie Jesus auf das tatsächliche Schwert, reagiert hat: Bei Seiner Verhaftung – also in ärgster Verfolgungssituation! – sagt Christus nämlich sehr deutlich, was Er vom Schwert als Hieb- und Stichwaffe hält: Nichts. Pack es wieder ein, Petrus. Wir wenden keine Gewalt an! (vgl. Joh 18, 10-11). Hier steht dann auch in der GN wieder „Schwert“, eben weil es ein Schwert ist. Es muss also das tatsächliche Schwert (des Petrus) vom theologischen Schwert (des Jesus) unterschieden werden. Sein „Schwert“ ist ein Bild, das „Spaltung“ bedeutet.

Jesus hat ein unmissverständliches Verhältnis zur Gewalt: Er lehnt sie ab. Als die Hüter des mosaischen Gesetzes eine Frau steinigen wollen, hält Er ihnen den Spiegel vor. Als die Apostel mal an einem Ort negative Erfahrungen machen und daraufhin den Zorn Gottes herabrufen wollen, weist Er sie zurecht. Und als Petrus Ihn mit einem (echten) Schwert verteidigen will, ruft Er ihn zur Ordnung. Keine Gewalt! Das ist die Losung Jesu für das Christentum. Daran müssen wir festhalten, soweit uns das möglich ist.

Spaltung und Verfolgung

Spaltung und Streit – das hat sich ja bewahrheitet. Über keinen Menschen wird soviel gestritten, auch 2000 Jahren nach seinem irdischen Leben, wie über Jesus aus Nazareth. Und die Verfolgung derer, die zu ihm halten, reißt in der Tat Familien auseinander, heute mehr denn je.

Christen unter Verfolgung (und deren Vorstufen) die personale Integrität als Ergebnis des Festhaltens am Glauben geradezu aufzunötigen (so sie denn „würdige Christen“ sein wollen – also ernsthaft in Seiner Nachfolge stehend und ihr Kreuz tragend), scheint geradezu ein Zweck der Menschwerdung Gottes zu sein. Man könnte sagen: Mit Christus kommt der Gedanke der „Verfolgung um Gottes Willen“ als besonderer Ausdruck religiöser Identität in die Welt, und zwar als Verfolgung unabhängig von allen anderen Verfolgungsgründen – allein aus dem einen Grund: „weil ihr euch zu mir bekennt“ (Mk 13, 13).

Damit ist es wohl so, dass Jesus von uns fordert, Spannung und Spaltung zu ertragen, wenn es um den Kern dessen geht, der uns als Person ausmacht: um den Glauben. Geht es dabei um den Glauben an Christus, scheint dieser unmittelbar, ja geradezu konstitutiv an Verfolgung gebunden, weil Jesus selbst durch Verfolgung zum Christus wurde.

Der christliche Glaube ist also in sehr eigentümlicher Weise vital abhängig davon, dass es die Chance gibt, sich in der Verfolgung um des Glaubens Willen und um Gottes Willen zu bewähren. Entsprechend ist die Rede Jesu zwar nicht in normativer, aber doch in teleologischer Diktion gehalten („um… zu“). Zugleich gibt Gott uns Kraft, dies zu verstehen und durchzustehen – durch den Beistand, den Heiligen Geist, der uns in der Gemeinschaft der Gläubigen, in Seiner Kirche, immer wieder neu die Liebe Gottes vermittelt, durch die Sakramente.

Wir sind also nicht allein auf uns gestellt. Im Glauben werden wir getragen, auch wenn wir wegen dieses Glaubens in Schwierigkeiten kommen. Hier zeigt sich die geheimnisvolle Beziehung von Leid und Heil, die das Christentum im Kern ausmacht. Das heißt auch: In jedem Christen, der verfolgt wird, ist das Kreuz erkennbar, in jedem Martyrium, aber auch in jeder Beleidigung, jedem Ausdruck von Spott und Verhöhnung, jeder Benachteiligung schwingt das Geschehen auf Golgatha nach. Manchmal bis nach Berlin.

(Josef Bordat)

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