Deutliche Worte zur rechten Zeit

21. Juli 2017


G20-Gipfel, Ehe für alle, Türkei. Es ist nicht gerade wenig und es ist nicht gerade leicht, was die Bürgerinnen und Bürger in diesen Wochen zu verarbeiten haben. Betrachtet man das Panorama der letzten Monate und Jahre, werden Themen wie Terror, Klimawandel, Islam, Flüchtlinge und Gender sichtbar – und die Verarbeitung nicht einfacher. Einiges wird sich rasch wieder einrenken, anderes zeigt tiefe moralische Verwerfungen als Ausdruck eines längerfristigen Wertewandels.

Wie dem auch sei: den Überblick zu behalten fällt schwer, eine Einordnung noch schwerer. Um beides zu bewältigen, ist es hilfreich, innezuhalten und einen Schritt zurück zu treten. Und nachzudenken. Dabei hilft gute Literatur. In dem soeben bei Media Maria erschienen Buch Freiheit ohne Gott. Kirche und Politik in der Verantwortung von Werner Münch liegt ein Stück guter und hilfreicher Literatur vor.

Münch ist Politologe, Münch ist Politiker, Münch ist nicht zuletzt katholischer Christ. Als solcher analysiert er mit der Präzision des Akademikers und mit seiner großen praktischen Erfahrung aktuelle Politikfelder aus christlicher Perspektive. Der Titel muss dahingehend verstanden werden, dass Münch der säkularen Gesellschaft unterstellt, ohne Gott frei und glücklich leben zu wollen und genau daran zu scheitern. Dem stellt er methodisch und inhaltlich ein dezidiert christliches Verständnis entgegen.

Der Verfasser greift Themen auf, die in den tagespolitischen Debatten zu kurz kommen, gleichwohl sie deren Grundlage bilden bzw. bilden sollten. Die Naturrechtsthematik wird anhand der Bundestagsrede Benedikts vom September 2011 rekonstruiert, das für die Politik maßgebende Menschenbild anhand christlicher Deutungsmuster. Daraus entwickelt Münch sein Verständnis von Familie, seine Position zum Islam und Anregungen für eine – aus seiner Sicht – realistischere Migrationspolitik.

Nicht in jedem Punkt gelingt die Ableitung des konkreten politischen Handlungsbedarfs aus den überpositiven moralischen Bedürfnissen gleichermaßen überzeugend (aus christlicher Sicht lassen sich auch andere Umgangsformen mit geflüchteten Menschen begründen – hier flankiert Münch seinen verhältnismäßig restriktiven Ansatz auch vielmehr mit rechtlichen Bestimmungen als mit moralischen Gestimmtheiten), doch es ist von überragender Bedeutung, überhaupt einmal vorpolitische Grundlagen der staatlichen Ordnung zu benennen und ernsthaft ihrer Spur bis in aktuelle Fragen hinein zu folgen. Natürlich fällt dieser Prozess der Selbstvergewisserung leichter, wenn man an Gott glaubt. Doch auch die säkulare Gesellschaft hat hier Klärungsbedarf.

Im Ergebnis der Essays steht eine Mahnung an Politik und Kirche, sich ihrer Verantwortung zu stellen, über die Frist einer Wahlperiode, über die Seelsorge der wenigen verbliebenen Intensivchristen hinaus. Dabei muss es ans Eingemachte gehen, an eine Gestaltung der Gesellschaft unter Berücksichtigung der anthropologischen Vorgaben christlich-abendländischen Denkens und des Mandats naturrechtlicher Evidenz.

Der Hypothese des Buchs ist insoweit uneingeschränkt zuzustimmen: Wer um der Freiheit und des Glücks willen das Wesen des Menschen verleugnet, wie die Kirche es schöpfungstheologisch und christologisch bezeugt (hat), wird alles mögliche ernten, aber keinen Zuwachs an Freiheit und Glück. Münch spricht Klartext, als Wissenschaftler, als Politiker, als Christ. Vor allem aber als Mensch, der sich mit seinem gesunden Verstand nicht beirren lässt.

Werner Münchs Buch kommt gerade rechtzeitig, mitten im sommerlichen Wahlkampf zur Bundestagswahl im September. Man sollte es von Amts wegen der Wahlbenachrichtigung beifügen, damit nicht nur medial überbelichtete Momentaufnahmen die Entscheidung beeinflussen, sondern kluge Gedanken zum Zeitgeschehen, die weit darüber hinausweisen. Lesenswert!

Bibliographische Angaben:

Werner Münch: Freiheit ohne Gott. Kirche und Politik in der Verantwortung.
Illertissen: Media Maria 2017.
176 Seiten, € 16,95 (D), € 17,40 (A).
ISBN 978-3-9454013-8-5.

(Josef Bordat)

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