Das Menschenbild der Edith Stein

9. August 2017


Edith Stein, als Philosophin eine Schülerin Husserls, kommt in ihrem Werk immer wieder auf die menschliche Person zu sprechen. Dabei lehnt sie dualistische Theorien zur Bewältigung des Leib-Seele-Problems ab und möchte streng phänomenologisch vorgehen, um nicht die Verbundenheit, sondern die Einheit von Leib und Seele zu erweisen, denn „die Seele durchdringt den Leib so sehr, daß die organisierte Materie des Leibes zum ,durchgeistigten Leib’ wird. Gleichzeitig aber wird der Geist [als individuierte Seele, J.B.] ,materialisierter und organisierter Geist’“ (Stein 2004, S. 107).

Das Gemeinsame von Leib und Seele ist für Edith Stein die „Lebenskraft“, die durch Erlebnisse gestärkt oder gemindert wird. Zentral ist in ihrer Vorstellung das religiöse Erlebnis, zu dem es neben den seelischen auch leibliche Zugänge gibt. Hinsichtlich der Seele erinnert ihre Darstellung an die mystische Rede von der „Einheit mit Gott“ oder „Gottesgeburt“ in der Seele bzw. dem „Seelengrund“ bei Meister Eckhart. Edith Stein spricht ganz ähnlich von der „Tiefe der Seele“ oder dem „Innersten der Seele“. Bezüglich des Leibes sieht sie in der Askese eine Ausdrucksform körperlich wirkender Gotteserfahrung.

Doch die Realisierung der „leiblich-sakramentalen Dimension“ des Glaubens sei nur dann sinnvoll, wenn sich über sie ein neuer Zugang zum Geistigen entfalte, aus dem der Seele „Kraft-Erneuerung und Gnadenwirkung entgegenkommen kann“ (Stein 1962, S. 177). Askese werde oft als bloßer Befreiungsakt der Seele vom Leib (gedacht als „Gefängnis“ der Seele) missverstanden und nur im negativen Modus der „Abtötung des Körpers“ geübt. Damit werde übersehe, dass in den Sakramenten (etwa der Eucharistie) eine Heilung der Seele nur über den Leib erfolgen könne, freilich nicht ohne Zutun des Seele. Edith Stein spricht von „freiwilliger Öffnung“ der Seele (Stein 1962, S. 180), gleichwohl aber unter Einbindung des Leibes. Die Konstitution des Menschen mache diesen Erlösungsweg – gewissermaßen von außen nach innen – notwendig.

Edith Steins phänomenologische Anthropologie betont die Einheit von Leib und Seele in der menschlichen Person, gegen einen bewusstseinsphilosophisch gewonnenen Dualismus – und erst recht gegen jede Form von Monismus. Sie ist gegen eine leibvergessene oder gar -feindliche Vergeistigung des Menschen gerichtet – und erst recht gegen einen geistlosen Materialismus. Edith Steins Menschenbild ist damit ganz katholisch – und hochaktuell.

Quellen:

Edith Stein (1962). Die ontische Struktur der Person und ihre erkenntnistheoretische Problematik. In: Welt und Person, S. 137-197 (ESGA Bd. 8, Freiburg i. Br. 2008).

Edith Stein (2004). Der Aufbau der menschlichen Person (ESGA Bd. 14, Freiburg i. Br. 2004).

(Josef Bordat)

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