Engel. Eine Trilogie (2)

12. September 2017


Der September gilt im Katholizismus traditionell als „Engelmonat“, was daran liegt, dass die Kirche das Fest der drei Erzengel Michael, Gabriel und Raphael am 29. September feiert. In einigen Gemeinden wird daher an den Dienstagen im September („Engeltage“) die Votivmesse für die Engel gelesen. Hier im Blog möchte ich ein wenig zu erklären versuchen, was es mit den Engeln auf sich hat.

Teil 2: Sie sind viele. Engel in der Bibel

Ich hatte in der vergangenen Woche einige Bemerkungen zu Engeln in der Esoterik und Populärkultur gemacht. Nun ist die Bedeutung der Engel für das Christentum zu klären, wie ihn Schrift und Tradition sehen. In diesem Zusammenhang sind vor allem folgende Fragen zu klären: Warum hält die Katholische Kirche an Engeln fest, betont ihre Rolle in jeder Heiligen Messe? Warum feiert sie die Erzengel und die Schutzengel? Warum und wo setzt sie aber auch Grenzen beim Engelglauben? Das sind die Fragen, die uns hier beschäftigen sollen.

Engel sind im Christentum kein entscheidender Bestandteil des Glaubensguts. Man kann an den dreifaltigen Gott glauben, ohne zugleich an Engel glauben zu müssen; umgekehrt ist das – wie im ersten Teil gesagt – theologisch stringent nicht möglich. Martin Luther sah sie – wie die Heiligen – kritisch: „Es ist unser Grundsatz, daß Gottes Wort allein Glaubensartikel aufstellt und sonst niemand, auch kein Engel vom Himmel“ (Schmalkaldische Artikel II, 2, 15). Engel kommen zudem nicht im Glaubensbekenntnis vor, weder im Nicäno-Konstantinopolitanum noch im Apostolicum.

Dennoch: Es gibt mannigfache biblische Grundlagen, den Engeln einen wichtigen Platz im christlichen Glauben zuzuweisen, ohne den Engelglauben zu verselbständigen, das ist immer schlecht, auch bei Maria oder im Personenkult um einzelne Heilige. Das Große Glaubensbekenntnis spricht zwar nicht explizit von Engeln, aber immerhin von der Schöpfung einer „unsichtbaren Welt“. Als deren Bewohner gelten die Engel, Geistwesen, von Gott erschaffen wie Menschen, Tiere und Pflanzen, aber eben nicht als Teil der sichtbaren, sondern einer unsichtbaren Sphäre des Seienden.

Aus dieser wirken sie – immer im Auftrag und unter der Weisung Gottes – in die sichtbare Welt hinein. Die Bibel gibt davon beredt Zeugnis. Wer das Wort „Engel“ in einer Online-Ausgabe der Einheitsübersetzung sucht, erhält 305 Treffer. An den entsprechenden Stellen erscheinen Engel als Wächter des Paradieses (vgl. Gen 3, 24), als Verkünder des göttlichen Gesetzes (vgl. Apg 7, 52-53), als Vollstrecker der Urteilssprüche Gottes (vgl. 2 Mose 12, 23; 1 Makk 7, 41; Apg 12, 23; Offb 15, 6), als Kämpfer gegen böse Mächte (vgl. Offb 12, 1-17), als Bewahrer vor Fehldeutungen göttlicher Weisungen (vgl. Gen 22, 10-11), als Beschützer und Retter von Gott auserwählter Menschen, die bedroht (vgl. Gen 19, 1-11) oder zu Unrecht bestraft werden (vgl. Dan 3, 49-50), als Mutmacher (vgl. Ri 6, 11-12), als Überbringer überraschender positiver Neuigkeiten (vgl. Ri 13, 2-3) und nicht zuletzt als Helfer Jesu Christi (vgl. Mt 13, 41; Mt 16, 27; Mk 8, 38).

Ohnehin begleiten Engel das Leben und Wirken des Gottessohns auf Erden vom Anfang bis zum Ende. Zentral ist die Rolle Gabriels, eines der drei Haupt- oder Erzengel, bei der Verkündigung an Maria, dass sie den Sohn Gottes zur Welt bringen werde (vgl. Mt 1; Lk 1); die Kirche erinnert mit dem Angelus-Gebet daran, täglich um 12 Uhr mittags. Zur Geburt Christi erscheint „ein großes himmlisches Heer“ (Lk 2, 13), das zum Lobpreis Gottes die berühmten Worte spricht: „Verherrlicht ist Gott in der Höhe und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade“ (Lk 2, 14). Engel dienen Jesus nach dessen Zeit in der Wüste, gleich nach den (vergeblichen) Anläufen des Teufels, den Herrn in Versuchung zu führen (vgl. Mk 1, 13; Mt 4, 11). Ein Engel stärkt Jesus in der Stunde tiefster Anfechtung im Garten Gethsemane (vgl. Lk 22, 43). Dann sind es Engel, die den Stein des Grabes wegrollen und den am leeren Grab trauernden und verängstigten Frauen die Auferstehung Jesu verkünden (vgl. Mt 28, 2-5). Engel sind es auch, die Christi Himmelfahrt deuten und die Wiederkunft des Herrn ankündigen (vgl. Apg 1, 10-11). Und schließlich werden sie Christus dabei begleiten (vgl. Mt 25, 31).

Die katholische Theologie hat auf der Basis der biblischen Überlieferung neun Kategorien von Engeln definiert, so genannte „Engel-Chöre“: die Seraphim, die Cherubim und die Throne, die Herrschaften, die Gewalten und die Fürsten sowie die Mächte, die Erzengel und die einfachen Engel. Bereits die Patristik, namentlich Augustinus und Gregor der Große, hat diese Einteilung vorgenommen. Die Seraphim sind die in Liebe zu Gott Entflammten (vgl. Jes 6, 1-7), die Cherubim wachen über das Heilige (vgl. Gen 3, 24), die Throne dienen am Thron Gottes (vgl. Kol 1, 16). Die zweite Gruppe, die Herrschaften, die Gewalten und die Fürsten, übernehmen als Verwalter Gottes all das, was mit der Natur in Verbindung steht (vgl. Kol 1, 16). Der dritte Chor, die Mächte, Erzengel und Engel dienen dem Menschen nach Gottes Willen (vgl. Ex 23, 20-22).

Engel – nach biblischer Überlieferung von großer, unüberschaubarer Zahl, „Myriaden“ (Hebr 12, 22 – Elberfelder Bibel) oder „zehntausendmal zehntausend und tausendmal tausend“ (Off 5, 11), und dennoch individuell und einzigartig – sind dabei den Menschen an Gnade (vgl. 18, 10) und Stärke (vgl. 2 Petr 2, 10b) überlegen, sie sind als Geistwesen zudem bereits unsterblich geschaffen (vgl. Lk 20, 36), sie sind, so könnte man vielleicht sagen, „näher dran“ am Schöpfer, an Gott. Sie sind aber Geschöpfe wie wir. Und sie sind für uns da. Sie tragen uns durchs Leben, wie es der Psalmist ausdrückt: „Denn er befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten auf all deinen Wegen. Sie tragen dich auf ihren Händen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt“ (Ps 91, 11-12). Sie unterstützen lebensmüde Propheten (vgl. 1 Kön 19) oder solche, die in argen Schwierigkeiten stecken (vgl. Dan 6), ebenso die Apostel Petrus und Paulus – jenen in der Gefangenschaft (vgl. Apg 12, 7), diesen in Seenot (vgl. Apg 27, 23). Von daher kann man verstehen oder zumindest nachvollziehen, dass auch menschliche Helfer in der Not gerne als „Engel“ bezeichnet werden, auch in einer säkularen Gesellschaft, die von Gott nichts wissen will.

(Josef Bordat)

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