Was ist los in Katalonien?

12. September 2017


Es kann einem schon etwas spanisch vorkommen: Mitten in Europa strebt ein Volk nach Unabhängigkeit. Katalonien (das Gebiet um das zuletzt so leidgeprüfte Barcelona) will von Spanien unabhängig sein. Am 1. Oktober soll dazu ein Referendum durchgeführt werden. Madrid will das verhindern und pocht auf die nationale Einheit.

Dabei ist Spanien kein Nationalstaat, sondern ein in Laufe der Jahrhunderte zusammengewachsenes Gebilde aus verschiedenen Volksgruppen mit je eigener Sprache und eigener Kultur. Die Basken, die Galizier und die Katalanen im Norden und Osten gehören genauso zum heutigen Spanien wie die Kastilier im Zentrum des Landes oder die Andalusier im Süden. Ein Alltagsbeispiel: Auf einer Milchpackung stehen die Hinweise zu den Inhaltsstoffen in vier Sprachen: spanisch, katalanisch, galicisch und baskisch. Wir sehen Spanien von außen gerne als eine Einheit, die in Spanien lebenden Volksgruppen sehen sich jeweils als eigenständigen Teil des Ganzen – und manchmal noch nicht einmal mehr das, wie die Basken und die Katalanen zeigen.

Sie verstehen sich als eigene Nationen, mit eigener Geschichte, eigener Kultur und eigener Sprache. Sie sind sehr stolz auf ihre kulturelle Eigenständigkeit und ihre Wirtschaftskraft. Leider führt das manchmal dazu, dass man auf weniger leistungsstarke Regionen Spaniens herabschaut. Sie unterscheiden sich in der Tat durch die identitätsstiftenden und nationenbildenden Aspekte Geschichte, Kultur und Sprache. Das sind dann auch die dauerhaft treibenden Kräfte der Unabhängigkeitsbewegung. Das kennt man aus Belgien, wo holländisch sprechende Flamen und französischsprachige Wallonen zusammenleben – und sich ebenfalls Stimmen erheben, die diese Sprach- und Kulturunterschiede betonen. Im Moment hat Katalonien den Status einer »autonomen Region«, was allerdings viele Katalanen nicht bzw. nicht mehr zufrieden stellt. Sie wollen raus aus dem »Vielvölkerstaat« Spanien, sie wollen eine »autonome Nation« sein.

Mittlerweile geht es wirklich ums Ganze, also um einen eigenen Staat. Sicherlich hat die Unabhängigkeitsbewegung enormen Aufwind bekommen durch die Wirtschafts- und Finanzkrise, so dass ein geschickteres Verhalten Madrids in den letzten Jahren einen Teil der Katalanen hätte besänftigen können. Fiskalpolitische Zugeständnisse könnten auch jetzt noch den Wind aus den Segeln der Separatisten nehmen. Aber zum einen scheint Madrid dazu nicht bereit und zum anderen ist für viele Katalanen das Tischtuch längst zerschnitten. Die Zeichen stehen auf Unabhängigkeit. Und damit auf Konflikt.

Die Frage ist: Hätte ein unabhängiger katalanischer Staat übehaupt Zukunft? Das ist umstritten. Sicher wäre ein katalanischer Staat überlebensfähig – irgendwie. Aber ob es den Katalanen in 20 Jahren wirklich besser gehen würde als es ihnen heute geht, das ist die Frage. Auch für das verbleibende Rest-Spanien wäre ein Verlust Kataloniens wirtschaftlich eine Schwächung: jeder fünfte Euro wird in Katalonien verdient. Auch der Export hängt stark von Katalonien ab: ein Viertel der Ausfuhren kommt von katalanischen Firmen. Barcelona ist einer der wichtigsten Häfen Europas. Für den Tourismus ist die Region extrem wichtig.

Eine andere Frage ist jedoch, wie es mit einer EU-Mitgliedschaft Kataloniens aussähe, das als neuer Staat neu aufgenommen werden müsste. Sperrt sich Spanien, bleibt Katalonien draußen und müsste einen Status anstreben wie ihn die Schweiz hat. Nur hat die Schweiz doch noch mal ganz andere wirtschaftliche Voraussetzungen. Mal abgesehen davon, dass ich die kulturelle Eigenständigkeit Kataloniens anerkenne und schätze, bin ich nicht sicher, ob es politisch und wirtschaftlich klug wäre, die Unabhängigkeit wirklich zu realisieren.

Man muss bei all dem jedoch sagen, dass die Katalanen ihr Anliegen zwar mit einer zunehmenden Vehemenz, aber – im Gegensatz zu den Basken – äußerst friedlich vortragen. Ich konnte bei einer Großdemonstration in Barcelona am 11. September 2014 zum 300. Jahrestag des Verlusts der Eigenständigkeit im Spanischen Erbfolgekrieg die positive, fröhliche Stimmung großer Teile der Bevölkerung selbst miterleben. Der Wille zur Nation ist da, ein Nationalismus ist dabei nur ganz unterschwellig spürbar, wenn etwa abfällig über andere Regionen gesprochen wird oder Pauschalurteile über »die« (gemeint sind die »Spanier«) gefällt werden. Das ist dann schon etwas schärfer als wenn die Bayern über die Preußen ihre Witze machen (oder umgekehrt), aber es bleibt im Rahmen dessen, was ein Ablösungsprozess eben mit sich bringt.

Wie die Nicht-Katalanen in Katalonien die Unabhängigkeitsbestrebungen sehen, ist sehr unterschiedlich. Viele werden zu entschiedenen Verfechtern der Unabhängigkeit (besonders Neu-Katalonier sind oft stolz auf ihre »Identität«), andere tun sich schwer mit den Eigenheiten der Katalanen, besonders mit der Sprache. Ich kenne einige Lateinamerikaner, die es persönlich für sehr problematisch halten, dass ihre Kinder in der Schule in Barcelona auf katalanisch unterrichtet werden, wo doch spanisch eine wichtige Weltsprache ist. Wer aus Peru, aus Mexiko oder aus Argentinien kommt, hat zudem gewisse sozialgeographische Schwierigkeiten mit dem neuen europäischen Separatismus. Da denkt man in anderen Dimensionen und kann nur mit Mühe nachvollziehen, dass jemand unbedingt in einem neuen Staat leben will, der weniger Einwohner hätte als die Hauptstadt des eigenen Landes.

Wenn es zum Referendum kommt, ist der Ausgang ungewiss. Befürworter der Unabhängigkeit weisen immer auf die große Zahl an Demonstranten hin, die an besonderen Tagen wie dem diesjährigen 11. September ihren Willen zur Unabhängigkeit auf die Straße tragen, Gegner (die es auch in Katalonien gibt) verweisen darauf, dass 80 Prozent der Katalanen eben nicht demonstrieren. Bisherige Befragungen sind nicht repräsentativ. Aber zunächst mal ist die Frage, ob das Referendum in dieser Form am 1. Oktober überhaupt stattfinden kann, da es nicht verfassungsgemäß ist. Nach Auffassung Madrids ist es damit illegal. Was am 1. Oktober konkret passiert, kann man also schon von daher nicht sagen.

Es könnte also durchaus so sein, dass das Hick-Hack zwischen Madrid und Barcelona in den nächsten Jahren so weitergeht – und das nicht nur im Fußball. Die einen (Spanien) werden auf die Verfassungslage beharren, die anderen (Katalonien) auf die Unabhängigkeit pochen. Vielleicht gelingt ein Ausgleich, indem Madrid mehr Zugeständnisse macht, so dass sich die Lage beruhigt. In Großbritannien hat das ja wohl funktioniert, im Ausgleich zwischen England und Schottland. Das andere Szenario wäre, dass sich Katalonien die Unabhängigkeit erwirbt, durch ein überzeugendes Ergebnis beim Referendum (wenn es denn stattfindet) und durch ein Einknicken Spaniens. Doch dafür müsste zunächst die Spanische Verfassung geändert werden – die sieht nämlich den Austritt einer Region nicht vor.

Ich persönlich bin der Ansicht, dass eine staatliche Unabhängigkeit ein großes Risiko darstellt – für beide Seiten. Ob Spanien die Kraft hat, ohne Katalonien in die Zukunft zu gehen, ist fraglich, genauso wie es fraglich ist, ob sich Katalonien ohne die EU weiterhin so gut entwickeln wird wie in den letzten Jahrzehnten – mal davon ausgehend, dass das neue Land zunächst nicht EU-Mitglied werden kann, wenn Spanien sein Veto einlegt.

Andererseits hat auch Madrid nichts davon, wenn 15 Prozent der Bevölkerung dauerhaft unzufrieden ist. Kastilien muss Katalonien ernst nehmen, ernster als bisher. Beide Seiten haben sich in der Vergangenheit nicht besonders kooperativ verhalten. Den Ungeschicklichkeiten der Zentralregierung Spaniens, die zu unsensibel mit Katalonien umgeht, folgten Retourkutschen der Katalanen wie jetzt das nicht genehmigte Referendum, was die Fronten weiter verhärtet.

Mein Wunsch wäre mehr Dialog, der den Regionen (nicht nur, aber vor allem Katalonien) mehr Rechte einräumt, gewissermaßen ein föderales System, das Spaniens Völker zusammenhält. Mich treibt nämlich über die Katalonienfrage hinaus die Sorge um, dass der Separatismus in Europa weiter um sich greift und der Kontinent wieder in die Kleinstaaterei zurückfällt. Ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall und dem Beginn der Einigung von Ost und West wäre das meiner Ansicht nach der falsche Weg in die Zukunft, gerade auch für die politische und wirtschaftliche Rolle, die Europa künftig in der Welt spielen kann – oder eben auch nicht.

(Josef Bordat)

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