Wer hat die AfD gewählt?

25. September 2017


5.877.094 Deutsche haben gestern AfD gewählt. Um sie zurückzugewinnen für eine vernünftige und zukunftsfähige Politik, ist es wichtig zu wissen, wer diese Menschen sind.

Fest steht: Es waren diesmal nicht nur die üblichen Verdächtigen – in vielerlei Hinsicht benachteiligte junge Männer aus dem Osten -, die ihre Stimme einer rechten Protestpartei mit vornehmlich negativistischem Politikverständnis („muss weg“, „kein/e“, „raus“) gaben, sondern größere Teile der Bevölkerung. Immerhin stimmte jeder achte Deutsche für die AfD.

Die Motive dafür mögen auch in der Programmatik der AfD liegen, doch für rund zwei Drittel ihrer Wähler war eben jene Fundamentalopposition entscheidend, ohne spezielle Erwartungen an die künftige Fraktion. Es „denen“ mal „so richtig“ gezeigt zu haben, reichte gestern vielen AfD-Wählern offenbar aus.

Das ist traurig, aber auch eine Chance: Wahlentscheidungen, die sich in Protest und persönlicher Genugtuung erschöpfen, sind leichter zu revidieren als bewusste, reflektierte und im Ergebnis überzeugte Zustimmung. Dass die Protestler mit „Hauptsache nicht Merkel“ gerade dafür sorgten, dass es bei der Kanzlerin Merkel bleibt, ist hingegen auch klar.

Interessant ist, dass es – entgegen wiederholter Beteuerungen – nicht gelungen ist, die AfD in Bayern dadurch klein zu halten, dass man eine rechtskonservative Alternative zur Alternative aufbietet. Im Gegenteil: Die CSU bricht im Vergleich zur Schwesterpartei überproportional ein und verliert zweistellig, die AfD erhält in Bayern einen etwa so hohen Stimmenanteil wie im Bundesdurchschnitt.

Interessant ist auch, für welche Partei die AfD-Neuwähler bei der letzten Bundestagswahl ihre Stimme abgaben. Wenig überraschend ist, dass fast 1 Million Stimmen aus dem Lager der Unionsparteien kamen. Doch annähernd genauso viele der rund 3,8 Millionen AfD-Neuwähler haben sich 2013 für SPD, Linke oder Grüne entschieden.

Besonders auffällig ist der hohe Anteil an Linke-Wählern, die sich diesmal für die AfD entschieden haben – 400.000. Motto: Hauptsache dagegen. Auch die „Anderen“ speisten die AfD: 690.000 Menschen wechselten von Klein- und Kleinstparteien zur AfD – ein Schelm wer da an die nunmehr bedeutungslosen Rechtsextremisten der NPD (2013: 1,3 Prozent, 2017: 0,4 Prozent) und Co. denkt.

Den größten Zulauf hatte die AfD aber seitens der Nichtwähler: 1,2 Millionen Menschen, die bei der letzten Bundestagswahl zuhause geblieben waren, stimmten für die AfD. Die gestiegene Wahlbeteiligung geht entscheidend hierauf zurück.

Wie kann es nun weitergehen? Berlins Erzbischof Heiner Koch mahnt in einer Pressemitteilung zur gesellschaftlichen Geschlossenheit im „im demokratischen Ringen um ein gedeihliches Miteinander“. Das Wahlergebnis zeige „mit Blick auf Ostdeutschland auch, dass die religiöse Heimatlosigkeit der meisten Menschen oft ihre kulturelle Obdachlosigkeit verstärkt“.

Die Kirche werde sich, so Koch, „einem Auseinanderfallen der Gesellschaft entschieden entgegenstellen“ und sich „in die dringend notwendige Wertediskussion und Wertebegründung öffentlich einbringen“. Das sollten wir wohl alle tun, auch und gerade im Gespräch mit dem einen oder dem anderen jener 5.877.094 Mitbürger, die gestern AfD gewählt haben.

(Josef Bordat)

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