300 Jahre Schulpflicht in Preußen

28. September 2017


Vor dem „Recht auf Bildung“ stand die Pflicht zum Schulbesuch. Am 28. September 1717 wurde ein Meilenstein deutscher Bildungspolitik gesetzt: die Einführung der Allgemeinen Schulpflicht in Preußen mit dem „Edikt zur Förderung des Volksschulwesens“.

Friedrich Wilhelm I., der Soldatenkönig, wollte damit die preußischen Mädchen und Jungen zur Schule schicken. Alle fünf- bis zwölfjährigen Kinder sollten fortan in den Wintermonaten jeden Tag und im Sommer mindestens einen oder zwei Tage in der Woche am Unterricht teilnehmen.

Maßgebend für diesen Durchbruch war der universale Bildungsbegriff der Frühaufklärung: Bildung sollte für alle sein, nicht nur für eine bestimmte gesellschaftliche Schicht, für den Adel oder für den (künftigen) Klerus, denen sie in Gestalt des Erwerbs von Lese- und Schreibkompetenz über Jahrhunderte vorbehalten war.

Allerdings ist Papier bekanntermaßen geduldig, und das gilt auch für das Schuledikt von 1717. Die Gründung von Schulen und der Unterrichtsbetrieb selbst laufen nur sehr schleppend an. Es fehlt am Umsetzungswillen und an Geld. Den Durchbruch schaffte erst der Sohn des Soldatenkönigs, Friedrich II. (der Große), mit seinem „Generallandschulreglement“ von 1763.

Bildung wurde dabei im 18. Jahrhundert sehr utilitaristisch verstanden: Sie sollte dazu dienen, den Menschen moralisch zu bessern und die Gesellschaft voranzubringen. Bildung übernahm damit gleichsam die Funktion einer „Religion des Fortschritts“.

Im 19. Jahrhundert wurde dieser Zugang zu Bildung in Frage gestellt. Wilhelm von Humboldts Bildungsreform (1809: dreigliedriges Schulsystem; 1810: Gründung der Berliner Universität, der heutigen Humboldt-Universität, 1812: Vereinheitlichung der Hochschulreife [Abitur], 1816: Lehrplan für Gymnasien) sorgte für eine Abkehr vom aufklärerischen Gedanken der Nützlichkeit von Wissen.

Wilhelm von Humboldt wollte eine Wende hin zum humanistischen Konzept der allgemeinen Menschenbildung („Humboldtsches Bildungsideal“), die das autonome Individuum zum „Weltbürger“ machen sollte. Dieser Gedanke ist gerade heute, im globalisierten Zeitalter, ein ganz entscheidender.

Allerdings erleben wir heute eine bildungspolitische Rolle rückwärts: Bildung wird wieder funktionalisiert. Die Schule ist (nur) ein Erfolgsfaktor der akademischen Laufbahn und diese eine erste Stufe der beruflichen Karriere. Dabei sollte die Schule den Menschen bilden – nach dem Abbild Gottes.

So zumindest verstand der Schöpfer des Bildungsbegriffs, Meister Eckhart, sein neues Wort: Bildung. Da steckt Bild drin – gemeint ist das Bild, nach dem Gott uns schuf. Diesem Bild soll der Mensch wieder ähnlich gemacht werden – durch den Prozess der Bildung. Diese beinhaltet dann das Erklären der Welt, das Verstehen der Kultur, aber auch eine Entwicklung hin zu menschlicher Reife.

(Josef Bordat)

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