Bunt, mit leichter Tendenz ins Neongrelle

30. September 2017


Wie sich Olivier Ndjimbi-Tshiende, der Pfarrer von Zorneding, die Kirche der Zukunft denkt

Wer als katholischer Priester wegen seines Engagements für Flüchtlinge rassistisch angefeindet und schließlich mit Gewalt und Mord bedroht wird, hat allen Grund, frustriert und verbittert zu sein. Anders Olivier Ndjimbi-Tshiende, der Pfarrer von Zorneding, den der Zorn einiger Menschen aus der bayrischen Gemeinde zum Amtsverzicht trieb. Er ging und blickt nun zurück, aber nicht im Zorn. Sondern mit dem Ruf nach Toleranz und Barmherzigkeit, den er bis zuletzt an seine Gemeinde gerichtet hat und nun an die Kirche insgesamt richtet, in seinem jüngst erschienenen Buch „Und wenn Gott schwarz wäre…“ (Untertitel: „Mein Glaube ist bunt!“).

Bevor das „Was wäre, wenn…?“-Spiel in Sachen Ekklesiologie losgeht, berichtet Ndjimbi-Tshiende über seine Zeit als Pfarrer in Zorneding und wie es dazu kam, dass es dort nicht mehr weiterging. Zuerst klingt alles ganz normal: 1949 in der Demokratischen Republik Kongo geboren, Studium der Philosophie und Theologie, 1979 zum Priester geweiht und seit 2005 als solcher in Deutschland tätig, ab 2012 in Zorneding. Auch dort ist die bayrische Welt zunächst noch in Ordnung. Man zweifelt zwar an seinen Sprachkenntnissen, aber geschliffene Predigten belehren die, die es wissen wollen, eines Besseren.

Dann, drei Jahre später, kommen Menschen ins Land, die nicht bei allen Zornedingern willkommen sind. Auch die CSU-Ortsvorsitzende Sylvia Boher hat – höflich ausgedrückt – Vorbehalte. Sie spricht in einem Parteiblatt davon, Bayern werde „überrannt“, es sei eine „Invasion“ im Gange. Die Not der Flüchtlinge spielt sie gegen die Not bedürftiger Deutscher aus und unterstellt, die Solidarität mit jenen verhindere eine Verbesserung der Lage für diese. Pfarrer Ndjimbi-Tshiende erinnert daraufhin die Politikerin höflich, aber bestimmt an das christliche Bekenntnis ihrer Partei und kritisiert ihre Einlassungen als „weder auf wahre historische noch aktuelle Tatbestände bezogen“. Ihre Position speise sich aus „Emotionen aufgrund falscher Wahrnehmung“.

Das löst erboste Reaktionen aus, zunächst innerhalb der CSU (in der es jedoch zugleich auch Kritik an Bohner gibt), dann in der Bevölkerung. Am Ende landen Briefe auf seinem Schreibtisch im Pfarrbüro, die ihn, den „Negger“(sic!) nach Auschwitz wünschen. Die Bedrohungen werden immer konkreter und „in einer Nacht-und-Nebel-Aktion“ im Frühjahr 2016 verlässt Ndjimbi-Tshiende Zorneding, geht für zwei Monate in den Kongo und tritt dann eine Forschungsstelle an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt an – am Zentrum für Flucht und Migration.

Und er schreibt sein Buch, zusammen mit dem erfahrenen Journalisten Christoph Fasel. Darin geht es vornehmlich um Kirche und Glauben. Das ist zwar von Politik und Gesellschaft nicht fein säuberlich zu trennen und man kann – was der Verfasser in Zorneding tat – politische und soziale Entwicklungen aus dem Glauben der Kirche heraus betrachten, doch gibt es dem Texte noch einmal eine andere als die zu erwartende Note. Zum einen geht es um die Kernkompetenz des habilitierten Theologen, zum anderen um mehr als die Aufarbeitung eines schlimmen Einzelschicksals. Denn aus der gesammelten persönlichen Erfahrung entwickelte Ndjimbi-Tshiende nicht weniger als die Vision einer Kirche, in der um Liebe und Barmherzigkeit willen vieles anders läuft.

Anders als jetzt, aber nicht wesentlich anders als in der Vorstellung vieler innerkirchlicher Erneuerungspapiere pastoraltheologischer Provenienz: Priesteramt für Frauen, Priester dürfen heiraten, Geschiedenen und Wiederverheirateten wird es erlaubt, die Kommunion zu empfangen, „Dogmatismus, Engstirnigkeit und Unbarmherzigkeit“ werden zurückgewiesen, „äußerliche Riten“ durch „innere Verbundenheit“ ersetzt. Es darf wieder gelacht werden.

Dass sich Ndjimbi-Tshiende bei der Vision einer „Kirche der Zukunft“ so intensiv den Strukturfragen und anderen „Klassikern“ der Kirchenkritik widmet, enttäuscht ein wenig. Auch, dass sein Bild von der Kirchengeschichte ein eher negatives ist, auf zum Teil unsolider Grundlage (die Verfolgung von Hexen war kein exklusiv, ja nicht einmal vornehmlich katholisches Programm; bei den Kreuzzügen ging es zunächst nicht um Eroberung, sondern um Verteidigung; vom „Schweigen der Kirche“ im Zusammenhang mit der NS-Zeit zu sprechen ist erstens zu pauschal und zweitens ohne Nennung von Beweggründen tendentiös). Schließlich, dass der Gewissensbegriff, überall da, wo er nötig wird (Stichwort: barmherziger Umgang mit XY) rein subjektivistisch gedeutet wird. „Nun muss sich jeder auf sein Gewissen berufen“, wird zur bequemen Schlussformel des Diskurses. Zumindest gesteht der Verfasser zu, dass man das Gewissen einbeziehen „muss“ und nicht nur „darf“.

Besonders irritiert, dass Ndjimbi-Tshiende einerseits die (richtige) Ansicht vertritt, einem Sünder könne nicht vergeben werden, wenn dieser sich nicht ändern will, um andererseits wenige Zeilen darauf die Nichtzulassung von Geschiedenen und Wiederverheirateten zur Kommunion als „fatale Unbarmherzigkeit“ zu geißeln, obgleich bei diesen nach katholischer Morallehre gerade jener Fall vorliegt: sündhaftes Verhalten ohne Reue und Änderungsabsicht. Hier erhebt er die menschliche Erfahrung des Scheiterns zur Begründungsfigur kirchlicher Barmherzigkeit – die Reue spielt dabei keine Rolle. So eingängig also manches von dem klingt, was der Verfasser projiziert, so einfach ist es mit Blick auf das fein austarierte Glaubensgerüst der Kirche nicht.

Anderes wiederum liegt nahe: der Ruf nach gesellschaftlichem Engagement, nach dem Einsatz für Schwache, nach Offenheit für Andersglaubende und -denkende, nach einem verstärkten Bemühen um die „Einheit der Kirche im Geist“. Man täte allerdings vielen Menschen in der Kirche heute Unrecht, hielte man diese Vorschläge für die komplette Neuausrichtung einer zukünftigen Kirche. Ebenso ist die „feiernde Kirche“, die Ndjimbi-Tshiende vorschwebt, eher eine Bestandsaufnahme denn eine Vision.

Wichtig hingegen sein Hinweis darauf, die nötigen Korrekturen an dem auszurichten, was Jesus Christus selbst Seiner Kirche in die Wiege gelegt hat. Das spricht für die arme Kirche, die demütig und bescheiden, dienend und solidarisch ist, es spricht auch für eine liebende und gnädige Kirche, für die jedoch – im Geist des Evangeliums – nicht gelten kann, Barmherzigkeit sei ein Synonym für Beliebigkeit. Forderungen nach einer „flexibleren Kirche“ gehen genau in diese Richtung und müssen, da stimme ich dem Verfasser einmal vorbehaltlos zu, „für Dogmatiker […] ein Horror sein“.

Und in noch einem Punkt ist ihm zuzustimmen: Wir brauchen eine Kirche ohne Rassismus, die sich mit Mut und Engagement für alle Menschen einsetzt, ganz gleich, wie dunkel ihre Haut ist oder wie lange sie sich schon im Bereich der Pfarrei oder Diözese aufhalten. Und die auch politisch wird, wenn es um Fremdenfeindlichkeit geht: „Sie [die Kirche, J.B.] muss laut das Unrecht anprangern“. Ja, das muss sie.

„Und wenn Gott schwarz wäre…“ ist ein erweitertes Thesenpapier mit außergewöhnlichem Entstehungskontext und außerordentlicher Brisanz. Vieles darin ist bedenkenswert, einiges problematisch, manches fragwürdig. Ndjimbi-Tshiende schließt mit seiner Vision in zahlreichen Einzelfragen etwas über das Ziel hinaus. Es scheint kaum noch möglich, der Kirche etwas Gutes mit auf den Weg zu geben, ohne zugleich die Glaubensfeste ins Wanken zu bringen. Bedauerlich, dass Olivier Ndjimbi-Tshiende hier keine Ausnahme bildet.

Bibliographische Angaben:

Olivier Ndjimbi-Tshiende: Und wenn Gott schwarz wäre… Mein Glaube ist bunt!
München: Gütersloher Verlagshaus 2017.
192 Seiten, € 17,99.
ISBN 978-3-579-08684-2.

(Josef Bordat)

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