Soll man immer die Wahrheit sagen?

17. Oktober 2017


Was für eine Frage – na, klar! Du sollst nicht falsch Zeugnis geben, so lautet das Achte Gebot. Ziemlich eindeutig. Die Lüge zerstört Vertrauen, die Basis des Miteinanders. In bestimmten Situationen kann eine Lüge nicht nur amoralisch sein, sondern auch strafrechtliche Konsequenzen haben, etwa dann, wenn sie unter Eid erfolgte. Welche Probleme kann es also diesbezüglich überhaupt noch geben?

Es kann Umstände geben, wo das Aussprechen der Wahrheit unerwünschte, sagen wir ruhig: böse Folgen hat. Ein klassischer Fall: Nazis klopfen an, um nach im Haus versteckten Juden zu fragen. Für den Fall, dass man tatsächlich Juden versteckt hat, offenbart sich die Brisanz des Dilemmas: Sage ich die Wahrheit, werden sie festgenommen und ermordet. Das Wissen um diese Konsequenz für Würde und Leben der versteckt gehaltenen Juden wird vorausgesetzt. Nota bene: Hier zeigt sich, dass eine situative moralische Entscheidung durch den Zugewinn an Information über die Situation und ihre möglichen Konsequenzen tendenziell nicht leichter, sondern schwerer wird. Eine Paradoxie, die im „Informationszeitalter“ auch bei außermoralischen Entscheidungen zu Tage tritt. Aber das ist ein anderes Thema.

Das Dilemma führt uns in die Tiefen der Debatte um moraltheoretische Begründungsfiguren (Deontologie vs. Teleologie, Prinzip vs. Konsequenz, Orientierung an der Absicht vs. Orientierung an den Folgen einer Handlung). Klar ist, dass man, handelte man wie ein pflichtschuldiger Normerfüllungsautomat, mit der Situation kein Problem hätte: Fiat iustitia, et pereat mundus. Ich mache alles richtig, ich bin gerecht. Welche Folgen mein Handeln im Einzelnen hat, braucht mich nicht zu interessieren.

Ich kenne keinen Menschen, der so denkt. Es scheint, dass Immanuel Kant so dachte. Der Kategorische Imperativ sagt uns, dass wir – so wir keine unwahrhaftigen Gesetze wollen – selbst stets in Wahrheit wandeln und handeln sollen. Das ist unsere Pflicht, ohne Wenn und Aber. Doch erstens ist der Kategorische Imperativ viel weicher als es die Rede vom Handeln „aus Pflicht“ nahe legt (man könnte sich sehr wohl Fälle überlegen, in denen es moralisch geboten sei, dass auch die Jurisdiktion des Staates systematisch „lügt“), zweitens will Kant ja, dass sich alle an den Kategorischen Imperativ halten – auch Nazis. Eine solche Situation würde demnach gar nicht erst entstehen.

Mit der Rückbindung der persönlichen Handlungsmaxime an allgemein gültige Gesetze will Kant eine Welt erreichen, in der es am Ende gar nicht mehr notwendig ist zu lügen, weil es keine Not zu wenden gibt, jedenfalls nicht durch eine Lüge. Der klassische Einwand ist freilich: „Unsere Welt ist nicht so – so gut. Es gibt Menschen, zum Beispiel Nazis, die bewusst das tun, was wir böse nennen“. Darauf wird dann meist erwidert: „Eben, weil niemand den Kategorischen Imperativ strikt befolgt. Wenn man immer weiter lügt, wird es die gute Welt nie geben. Sie könnte aber so sein – so gut“.

Solche Diskussionen sind fruchtlos. Ihr Ertrag: Sie markieren sehr deutlich die Grenze zwischen ethischem Idealismus und ethischem Realismus, zwischen deontologischen und teleologischen Moraltheorien. Das hilft, um Positionen zu verschiedenen moralischen Praxisproblemen einzuordnen.

Eine Formel könnte sein, dass man dann unter keinen Umständen lügen darf, wenn der Andere ein moralisch legitimes Recht auf die Wahrheit hat, einen Anspruch darauf, dass er nicht belogen wird. Das hat der anklopfende Nazi im Fallbeispiel gerade nicht! Ein solches Urteil setzt aber eine verbindliche Werthierarchie voraus, etwa der Art: „Leben retten“ ist moralisch (immer!) wichtiger als „Wahrheit sagen“ (Nicht nur dann, wenn mir das spezielle Leben in einer bestimmten Situation die Rettung wert ist!).

Diese verbindliche Werthierarchie ist also einem abstrakten Abwägungsprozess erwachsen, sie bildet sich nicht spontan aus persönlichen Motiven und situativen Befindlichkeiten. Die Lüge bleibt Lüge. Die Handlung bleibt schlecht, sie wird nicht durch die Umstände gut. Das zu sehen ist wichtig.

Ferner ist beim Abwägungsprozess zu beachten, dass man – zumindest aus christlicher Sicht – nicht alles abwägen darf, dass es also absolute Werte gibt. Die Menschenwürde ist solch ein Wert, aber auch das Prinzip des Lebensschutzes. Gerade diese absoluten Werte werden von den anklopfenden Nazis offenbar nicht geachtet. Mit Hilfe einer wahrheitsgemäßen Antwort bedrohten sie die Würde und das Leben von Menschen. Die Wahrheit zu sagen, bedeutete mithin, an Verletzung der Würde und des Lebensrechts von Menschen mitzuwirken. Wenn diese Mitwirkung nur durch eine Lüge abgewendet werden kann, durch eine „Notlüge“, dann hielte ich das für moralisch vertretbar – auch aus christlicher Sicht.

(Josef Bordat)

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: