Christliche Gemeinden beklagen Missstände im Tiergarten

18. Oktober 2017


Pfarrerin Sabine Röhm von der Evangelischen Kirchengemeinde Tiergarten und Pfarrer Dr. Ernst Pulsfort von der Katholischen St. Laurentiusgemeinde trafen sich am 13. Oktober 2017 zum ökumenischen Pfarrgespräch. Thema: Die Situation der Obdachlosen im Tiergarten. Allerdings ging es auch um die Konsequenzen für die beiden christlichen Gemeinden im Kiez. Sabine Wendt fasst die Ergebnisse des Gesprächs zusammen.

Der Bezirk Moabit mit dem Tiergarten und kleinem Tiergarten ist seit Jahren sommers wie winters auch Aufenthaltsbereich von Obdachlosen und anderen Randgruppen. Am Hansaplatz und dem dazugehörigen U-Bahnhof, der zeitweilig von der Kältehilfe als Stützpunkt genutzt wurde, sowie im angrenzenden Bereich des Tiergartens Richtung Siegessäule und Zoologischer Garten treten seit einiger Zeit besondere Probleme auf.

Hier im Tiergarten mischen sich bestehende Obdachlosigkeit, Drogen und Prostitution mit ungebremsten Neuzugängen von „Abgehängten“, vorwiegend aus Osteuropa. Das beeinträchtigt mittlerweile deutlich sichtbar und wirkt sich auch auf die beiden benachbarten Kirchengemeinden aus. Sowohl die katholische St. Laurentius Gemeinde als auch die Evangelische Kirchengemeinde Tiergarten bieten seit vielen Jahren, zum Teil gemeinsam, mehrschichtige Hilfen für die Betroffenen an fast allen Wochentagen an. So werden im Schnitt rund 450 Bedürftige wöchentlich erreicht und versorgt.

Im Verlauf der vergangenen 2-3 Jahre aber sind die Gemeinden und auch deren Pfarrer an Grenzen geführt worden von einer neuen Realität, dass sowohl Obdachlose wie auch Stricher oder Drogenverstrickte die kirchlichen Hilfs – und Seelsorgeangebote zunehmend zurückweisen oder sogar öfter aggressiv reagieren. Zudem treten Verständigungsschwierigkeiten auf. Gelegentlich wurden auch schon deutlich überspitzte (Geld-)Forderungen gegenüber den Gemeindeverantwortlichen erhoben und bei Nichterfüllung u.U. mit Aggressionen quittiert. Dabei werden aber die Kirchengrundstücke als Schlaf- und Aufenthaltsquartiere dauerhaft genutzt.

Die Gemeinden erleben außer den wachsenden Müll- und Fäkalienproblemen auch Störungen ihrer Veranstaltungen bis hin zu gewaltsamen Übergriffen wie Einbrüchen, Überfällen oder allgemein Diebstahl. Allerdings ist völlig unklar, ob solche gewaltsamen Übergriffe auch einen Zusammenhang mit den Obdachlosen haben oder von anderen Personen begangen werden.

Für eine derart schwierige und sensible Problematik fehlen in Gemeinden und Pfarreien besonders geschulte Mitarbeiter oder auch Räumlichkeiten. Neben Sprachbarrieren frustriert auch die Ablehnung der machbaren Hilfsangebote durch die Betroffenen und setzt enge Grenzen.

Es fehlt an Geld und Reinigungspersonal, um z.B. als Gemeinde neben den bestehenden Hilfsangeboten vor Ort weitere Maßnahmen wie Notunterkünfte aufzubauen. Die nächst erreichbare Notunterkunft fasst ca. 70 Schlafplätze und befindet sich in der Franklinstraße nahe der Gotzkowskybrücke. Auch die Bahnhofsmission bietet Unterkünfte, die aber von Betroffenen im Tiergarten aus verschiedenen Gründen wenig angenommen werden.

Unsere Gemeinden erkennen die Notwendigkeit, dass neben den diakonischen Angeboten, die die Kirche bereits jahrelang leistet, die Stadt in dieser zugespitzten Situation endlich mit geeigneten Maßnahmen Verantwortung übernimmt. Besonders geschulte Sozialarbeiter vor Ort würden zusammen mit nachbarschaftlich gelegenen Notunterkünften und Toiletten möglicherweise relativ rasch geordnetere Zustände zur Folge haben.

Trotz aller bisher geleisteten diakonischen Hilfsmaßnahmen sind die Gemeinden im Tiergarten an den Standorten Kaiser-Friedrich-Gedächtnis und St. Laurentius selbst mittlerweile schwer in Mitleidenschaft gezogen und außerstande, die derzeit zugespitzte Situation aus eigener Kraft zu mildern. Seitens der städtischen bzw. staatlichen Stellen kann nur mit eilends übernommener Verantwortung den Missständen umfassend begegnet und Mässigung und Linderung erreicht werden.

Sabine Wendt

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