Kulturgeschichte der Katze

20. Oktober 2017


„Katzencontent“ – wer das hört, denkt an belanglose Fotos und Videos, mit denen wir uns vom grauen Alltag ablenken können, ohne viel nachdenken zu müssen. Das geschieht insbesondere mit Hilfe von Katzen – daher der Name. Offenbar teilen viele Menschen diese Leidenschaft – das bisher erfolgreichste Katzenvideo bekam über 140 Millionen Klicks.

Dass man auch eine Kulturgeschichte der Katze als Haustier und Begleiter des Menschen schreiben kann, die sich über etwa 300 Seiten zieht, zeigte Abigail Tucker, mit ihrem 2016 erschienenen Werk „The Lion in the Living Room“. Das Buch wurde in den USA zum Bestseller und liegt nun auch in deutscher Sprache vor: „Der Tiger in der guten Stube“, Dank der Übersetzung von Martina Wiese, Monika Niehaus und Jorunn Wissmann. Es ist vor einem Monat im Darmstädter Theiss Verlag erschienen.

Darin geht die Autorin – nicht nur eine mehrfach ausgezeichnete Journalistin, sondern selbst eine große Katzenliebhaberin – der Faszination dieser Tiere nach. Für ihre Darlegung interviewte Tucker Biologen, Katzenzüchtern, Umweltaktivisten und Historiker. Die Leitfrage lautet: Wie konnte die Katze ihre globale Dominanz entwickeln – trotz ihres vergleichsweise geringen praktischen Nutzens für den Menschen und trotz ihrer mangelnden Eignung zur Domestizierung?

Der Schlüssel, den Abigail Tucker identifiziert, liegt in der Beziehungsfähigkeit der Katze: „Wir wurden ebenso sehr ihre Geschöpfe wie sie die unseren“. Dabei spielt auch das „niedliche“ Aussehen eine Rolle, vor allem die dem „Kindchenschema“ nahekommende Kopfform, was Katzen gerade bei Frauen beliebt mache. Im Internet erfährt dieser Oxytocinaktivator eine universelle Steigerung. Daher geht Tucker ausführlich auf das Phänomen des „Katzenvideos“ ein und stellt skurrile Fakten der „Fan-Szene“ vor.

Die Autorin hält viel Information bereit, über natürliche und kulturelle Aspekte des einzigartigen Siegeszugs der Katze, über Rassen und Zuchttendenzen, über Wert und Bedeutung. „Katzencontent“ der anspruchsvolleren Art. Man erfährt, welche Rolle Katzen im Mittelalter bei der Folter spielten, welche positive Wirkung ihr Schnurren auf Astronauten hat und dass Menschen eine Zeit lang versucht waren, die Katze für den Krieg abzurichten. Ein Buch mit dem Zeug zum Standardwerk für Katzenliebhaber – und solche, die es werden wollen.

Bibliographische Angaben:

Abigail Tucker: Der Tiger in der guten Stube. Wie die Katzen erst uns und dann die Welt eroberten. – Aus dem Englischen von Martina Wiese, Monika Niehaus und Jorunn Wissmann.
Darmstadt: Theiss Verlag 2017.
304 Seiten, € 19,95.
ISBN 978-3-8062-3647-7.

(Josef Bordat)

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: