Auf der letzten Etappe

30. Oktober 2017


„Sterben und Tod“ – dieses Thema ist, mal abgesehen vom Tatort am Sonntag, in unserer auf Jugend, Gesundheit und Diesseits dressierten Gesellschaft ein Tabu. Und wer sich mit Menschen trifft, um sich gepflegt zu unterhalten, wird es nach Möglichkeit aussparen.

Anders Nikolaus Schneider. Der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland traf sich mit mehr oder minder prominenten Zeitgenossen zum Gespräch, in dem es auch und gerade um genau dieses Thema ging. Die Gesprächspartner – Politiker, Kirchenvertreter, Bestseller-Autoren – sind, wie Schneider selbst, im Rentenalter und blicken auf ein langes, bewegtes Leben zurück.

In dem Buch Als flögen wir davon, erschienen im Kreuz-Verlag, erzählen sie freimütig vom Lebensgefühl auf der letzten Etappe des irdischen Wegs, von den Beschwerlichkeiten, den „Wehwehchen“ (Christine Bergmann), dem „Sehnsuchtsschmerz“ (Bärbel Wartenberg-Potter), der Einsicht in „Ganzheitsillusionen“, nach der das Leben letztlich „Fragment“ bleibe (Fulbert Steffensky), vor allem aber von ihrer Hoffnung – oft verbunden mit dem christlichen Auferstehungsglauben, dessen Wirkkraft sich deutlich zeigt.

Der Titel des Buchs ist Psalm 90 entnommen, in dem von der Vergänglichkeit des Lebens gesungen wird. Das aber macht es kostbar und lässt den, der es erlebt hat, dankbar sein. Schneiders Gesprächspartner zeichnen der Nachwelt einige Hinweise ins Stammbuch, damit diese einst ähnlich positiv und dankbar auf das Leben zurückschauen kann. Es gehe etwa darum, so Franz Alt, nach zwei Jahrhunderten wissenschaftlich-technischem Fortschritt, nun auch zu spiritueller Reife zu gelangen, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern.

Dabei spielt der Glaube eine zentrale Rolle. Kein Widerspruch zur Moderne, findet Norbert Blüm: „Je mehr Wissenschaft, desto mehr wird Gott weggedacht. Aber so weit ich sehe, haben die großen Wissenschaftler alle die Lücke erkannt“. Die „Lücke“, an die der langjährige Bundesarbeitsminister denken mag: Wissenschaft kann nicht, was Religion kann – Sinn stiften, Hoffnung geben, Trost spenden. Über den Tod hinaus.

Ein Buch, das auf ganz besonders intime Weise mit Persönlichkeiten der Zeitgeschichte bekannt macht, sie über Existenzielles zu Wort kommen lässt. Ein Buch, das Mut macht, lebensfroh und hoffnungsvoll alt zu werden. Ein lesenswertes Buch.

Bibliographische Angaben:

Nikolaus Schneider (Hg.): Als flögen wir davon. Über die letzte Wegstrecke.
Hamburg: Kreuz Verlag 2017.
208 Seiten, € 20.
ISBN 978-3-946905-10-3.

(Josef Bordat)

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