Zum Reformationstag

31. Oktober 2017


Ja, wir feiern gemeinsam. Heute. Vielerorts finden ökumenische Gottesdienste und Veranstaltungen wie Konzerte und Lesungen statt. Es gibt Kaffee und Kuchen. Manchmal ist es das erste Mal seit 500 Jahren, manchmal hat das Gemeinsame auch schon Tradition. Es ist viel die Rede vom Verbindenden zwischen den Konfessionen – von der Liebe Gottes, von der Auferstehungshoffnung, vom Versammeln um Christus, von versöhnter Verschiedenheit.

Das ist gut und richtig so. Doch mir stellt sich – auch unter dem Eindruck einer selbst gerade miterlebten Veranstaltung zum Reformationstag (ökumenischer Gottesdienst und Orgelkonzert) – die Frage, ob das Miteinander, das heute – Gott sei Dank! – möglich ist, nun eher Ergebnis von verschiedenen Versöhnungsschritten der letzten 500 Jahre ist oder vielleicht doch eher vom fortschreitenden Bedeutungsverlust dessen zeugt, worüber man nicht mehr streiten will. Oder kann.

Wo ist eigentlich das Problem – beim Abendmahl? Warum kann man da nicht einfach mal zusammen feiern? Wenn wir Versöhnung ernst nehmen, so ein katholischer Pfarrer in seiner Predigt in einer evangelischen Kirche, dann dürfen wir den Zustand der Trennung bei diesem zentralen Element des christlichen Glaubens, dem Zeichen der Gegenwart Gottes in der Welt, nicht hinnehmen. Richtig. Wenn wir aber die Gegenwart Gottes in der Eucharistie ernst nehmen, dann verstehen wir immerhin, warum es hier überhaupt den Zustand der Trennung, vulgo: ein Problem, gibt.

Immer wieder ist die Rede davon, wie wichtig es sei, dass Christen gerade heute zusammenstehen. Ökumene – nicht aus innerer Überzeugung, sondern aufgrund äußeren Drucks? Weil der Islam wächst? Weil man sonst politischen Einfluss verliert? Es wäre eine Ökumene der Schwäche, wenn zwei, die meinen, allein keine Bedeutung mehr zu haben, sich nur zusammentun, um zumindest auf dem Papier wieder eine Größenordnung in einer religiös indifferenten Gesellschaft darzustellen.

Ich will nicht die große Deutschland-Party sprengen, doch vielleicht brauchen wir ja auch wieder mehr Konflikt. Ich wünsche nicht die Zeit des Kulturkampfs zurück, erst recht nicht die des Dreißigjährigen Kriegs. Doch während dieser auf grausame Weise gezeigt hat, dass man trotz des geteilten Bekenntnisses zu Jesus Christus, dem Friedensfürst, Gewalt gegeneinander auszuüben bereit sein kann, so hat jener doch zumindest noch Inhalte gekannt, um und für die es sich zu kämpfen lohnte. Etwa das jeweilige Verständnis des Abendmahls bzw. der Eucharistie.

Freilich ist es nicht schön, wenn der konfessionsspezifische Ritus gestört wird – erinnert sei an das traditionelle Mistfahren evangelischer Bauern zu Fronleichnam –, aber damals wurde wenigstens noch erkannt, dass da an und in dieser Prozession etwas ist, das anders ist, und dass es eben zu stören gilt, wenn die eigene Deutung triumphieren soll. Das ist, was die Störung selbst angeht, respektlos und albern, was aber das Bewusstsein der Differenz betrifft und die Zuschreibung von Bedeutung zu dem, was da passiert, an Fronleichnam, etwas, das man heute geradezu herbeisehnt.

Das Mistfahren evangelischer Bauern in katholischen Gegenden war nicht nur ein starkes anti-katholisches Zeichen, sondern auch ein mutiger, ja, fast heroischer Akt des zivilen Ungehorsams, der mehr mit Luther zu tun hat, als das heutige gemeinsame Schunkeln zu Gitarrenklängen bekannter Bachkantaten. Wen interessiert das heute noch: Fronleichnam? Sollen sie doch mit einer Scheibe Brot durch die Stadt ziehen. Andere sammeln Schmetterlinge oder spielen Wikingerschach. Sollen sie doch Mist ausfahren. Solange der Nitratgehalt stimmt. Versöhnte Verschiedenheit?

Gleichgültigkeit ist etwas anderes als Toleranz. Toleranz ist etwas anderes als Respekt. Und Respekt – Rück-Sicht – kann ich nur entwickeln, wenn ich mich mit einer Sache beschäftige, sie mir ansehe. Wer die Augen verschließt, wird nicht zurück blicken und auch nicht nach vorne schauen können. Wir müssen die Themen ins Auge fassen, die uns trennen, in einer Weise, die dem Ernst der Sache gerecht wird. Das als Anregung für die nächsten 500 Jahre. Feiern kann man dann immer noch. Der Vorteil wäre, dass man auch weiß, warum.

(Josef Bordat)

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