Überlegungen zum „Verhaltenskodex zu Religionsausübung an der Universität Hamburg“

3. November 2017


Ein Gastbeitag von DrBo

Zu meinem Artikel „Universität Hamburg regelt die Religionsausübung“ vom 22. Oktober 2017 erreichte mich ein Leserbrief, den ich hier gerne als Gastbeitag veröffentliche.

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Die Universität Hamburg hat einen Verhaltenskodex erarbeitet zum Umgang mit Religion in der Universität.

Einerseits will die Universität ihre Weltoffenheit betonen, andererseits muss sie Grenzen setzen für das Verhalten innerhalb der Institution; dieses Ziel ist verständlich. Doch im Text sind einige Fallen, ich will nur auf zwei eingehen.

Zunächst fällt auf, dass in dem Text Religionsfreiheit immer mit dem Hinweis auf den Unglauben verbunden ist: Glaube und Unglaube werden in dem Text konsequent parallel benutzt. Doch gleichzeitig werden ausschließlich religiöse Verhaltensweisen sanktioniert (Rituelle Waschungen, religiöse Feiertage etc.). Das klingt so, als seien nur Ungläubige durch Religiöse gestört. Man kann von einer „Viktimisierung der Ungläubigen“ sprechen; die Ungläubigen erscheinen als Opfer von Übergriffen Gläubiger.

Entscheidender als dieser Hinweis ist meiner Meinung nach eine Reflexion über den zweiten Satz dieses Verhaltenskodex. Ich will ihn hier zitieren: „Sie ist eine säkulare, auf Pluralität in weltanschaulichen Fragen verpflichtete Institution, die den Methoden und Standards wissenschaftlicher Forschung und Lehre verpflichtet ist.“ Diese Aussage ist in sich nicht logisch konsistent, denn sie enthält die drei Begriffe „säkular“, Pluralität“ und „wissenschaftliche Forschung“; drei Begriffe, die nicht zusammen sinnvoll benutzt werden können.

Dies liegt an der doppelten Bedeutung des Wortes „säkular“: Einerseits kann „säkular“ bedeuten: Nicht an den letzten Dingen interessiert. Diese Bedeutung hat das Wort zum Beispiel in der Rede vom „säkularen Staat“. Ein säkularer Staat kümmert sich nicht um die letzten Dinge; zum Beispiel kümmert er sich nicht darum, wie Menschen beerdigt werden, oder ob sie getauft sind. Er kümmert sich nicht darum, weil es nicht seine Aufgabe ist. Andererseits kann „säkular“ bedeuten: Die Einstellung oder Weltanschauung, dass es keine letzten Dinge gibt. So wird das Wort zum Beispiel von den „Säkularen“ gebraucht, die sich von den Religiösen unterscheiden.

Wenn die Universität Hamburg den Begriff „säkular“ im ersten Sinne gebraucht, dann ist sie nicht wissenschaftlich: Sie schließt einen Bereich der Wirklichkeit aus ihrem Bemühen aus. Darüber hinaus entspricht diese Begriffsverwendung nicht den Tatsachen, denn die Universität Hamburg hat einen evangelisch-theologischen Fachbereich und ein katholisch-theologisches Institut. Meint sie „säkular“ im zweiten Sinne, dann ist sie nicht plural, sondern ideologisch, da sie sich an einer Weltanschauung ausrichtet, nämlich der säkularen Weltanschauung. Das mag für technische und naturwissenschaftliche Lehre und Forschung nicht weiter von Bedeutung sein; philosophische, soziologische und andere geisteswissenschaftliche Forschung wird durch so eine ideologische Ausrichtung jedoch stark beeinflusst.

Dass die Universität keine Störung in ihrem Betrieb haben will, durch „wissenschaftsfremde Einflüsse“, wie sie betont, ist für mich als Angehöriger einer anderen deutschen Universität ein Anliegen, dass ich grenzenlos teile. Doch wenn ich „wissenschaftsfremde Einflüsse“ höre, dann denke ich eher an Drittmittelorientierung und Exzellenzinitiativen, nicht an Religion.

DrBo

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Ich danke DrBo für seine luziden Ausführungen. Beide Aspekte waren mir bei der Lektüre der Richtlinien nicht aufgefallen. Umso mehr freut mich, dass sich dazu ein Leser weiterführende Gedanken gemacht hat.

(Josef Bordat)

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