Bergpredigt und Staatsgeschäft

4. November 2017


Christliche Politik – was ist das?

Die Bundestagswahl ist nun schon über einen Monat her, das Ergebnis beschäftigt uns aber immer noch. Die Union hat zwar erneut die meisten Stimmen erhalten, allerdings bei starken Verlusten. Gerade mal ein Drittel der Deutschen vertrauen den Unionsparteien. Nicht wenige Katholiken, die sonst ihr Kreuz selbstverständlich bei der CDU oder der CSU gemacht haben, an deren “C” sich die Erwartung einer “christlichen” Politik knüpft, blieben diesmal der Wahl fern oder wählten andere Parteien.

Es ist Zeit, einen Schritt zurückzutreten und genauer zu fragen, welche Bedeutung das “C” im Namen der Unionsparteien hat und was das für die Regierungsarbeit in den nächsten vier Jahren bedeutet. Woran soll man sie und ihre Politik messen können? Am christlichen Menschenbild? An der Bergpredigt? An der Feindesliebe Jesu?

Recht schnell wird klar, dass man an einer pragmatischen Depotenzierung der hehren Grundsätze nicht vorbeikommt, wenn man ein Land regieren will, das zuerst geteilt ist, das dann – wieder vereinigt – zur Großmacht wird (politisch wie wirtschaftlich) und global Verantwortung übernehmen soll, im Kampf gegen Armut, Hunger, Terror, Finanzkrisen und Klimawandel.

Ich glaube, Jesus würde unsere Politiker heute zunächst auf den Unterschied zwischen Moral und Heil hinweisen, d. h. darauf, dass Seine Bergpredigt auf das Reich Gottes zielt, nicht das menschliche Reich einer Konföderation befriedeter Völker oder das menschliche Reich einer gewaltlosen und prosperierenden Gesellschaft.

Mit der Bergpredigt, so hat es der Bischof von Erfurt, Joachim Wanke, einmal sinngemäß gesagt, ist kein Staat zu machen. Das bedeutet eben umgekehrt, dass durch Staat und Gesellschaft, so moralisch gut sie auch funktionieren mögen, nicht der Himmel anbricht. Das Heil kommt nicht von der Partei, der Gewerkschaft oder dem Militär. Frieden auf Erden ist ein Anliegen Gottes und damit eines des Christentums, doch Frieden im Herzen ist dessen eigentliches Ziel.

Darum geht es Jesus in der Bergpredigt. Es geht um das Heil des Einzelnen, dessen „Seligkeit“, wie es immer wieder heißt. Erst in zweiter Linie geht es um moralische Implikationen, die wir jedoch gerne in den Vordergrund rücken, wenn wir uns ethische Dilemmata unserer Lebenspraxis anschauen, an denen die Bergpredigt scheinbar scheitert.

Was bedeutet das wiederum für die Politik? Hände weg von der Bergpredigt – Einsatz nur in Sonntagsreden? Auch das wäre falsch. Denn man kann mit ihr zwar keinen Staat machen, aber, so denkt Bischof Wanke weiter, man kann mit ihr einen Staat menschlicher machen.

Jemand, der diese Überlegung für sich ernst genommen hat, war der Sozialdemokrat Johannes Rau, der auch in höchsten Amt (von 1999 bis 2004 war er Bundespräsident) nicht diejenigen vergessen hat, die sich oft vergessen fühlen. Für ihn war Politik im Geiste der Bergpredigt kein Hirngespinst, sondern der erste und wichtigste Wählerauftrag. Rau holte Sanftmut und Barmherzigkeit ins politische Geschäft. Also genau dahin, wo sie hingehören, damit der einzelne Mensch wieder zählt. Und er zeigte, dass man damit als Politiker nicht zum zaudernden Gefühlsdusel wird, sondern gerade dadurch beherzt Entscheidungen zu treffen vermag, Entscheidungen, zu denen man auch morgen noch stehen kann.

Wochenkommentar für Radio Horeb vom 28. Oktober 2017.

(Josef Bordat)

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