Kapitale Verbrechen und Katholische Moral

10. November 2017


Der Katechismus der Katholischen Kirche behandelt im Dritten Teil („Das Leben in Christus“) unter anderem die Zehn Gebote. Darunter auch das Fünfte Gebot: „Du sollst nicht morden“ (Ex 20, 13).

Mord wird dabei als absichtliche Tötung unschuldigen menschlichen Lebens begriffen. Ausgangspunkt dabei ist die schöpfungstheologische Anthropologie der Katholischen Kirche: „Das menschliche Leben ist heilig, weil es von seinem Beginn an ‚der Schöpfermacht Gottes‘ bedarf und für immer in einer besonderen Beziehung zu seinem Schöpfer bleibt, seinem einzigen Ziel. Nur Gott ist der Herr des Lebens von seinem Anfang bis zu seinem Ende: Niemand darf sich, unter keinen Umständen, das Recht anmaßen, ein unschuldiges menschliches Wesen direkt zu zerstören“ (Nr. 2258). Worum geht es also?

1. Es geht um Menschen.
Derart schöpfungstheolgisch begründet ist die Ethik des Lebens, die vom Fünften Gebot ausgeht, eine auf den Menschen beschränkte. Es geht nicht um das Töten von Tieren oder das Sterben von Pflanzenarten. Die katholische Moral des Lebensschutzes ist auf biblischer Grundlage anthropozentrisch, zumindest dort, wo – wie hier – Normen mit absolutem Geltungsanspruch formuliert werden.
Diese anthropozentrische Perspektive auf ethische Konzepte wie „Leben“ ist heute begründungspflichtig. Die Schöpfungstheologie ist ein religiöses Argument, das von vielen nicht anerkannt wird. Was sich jedoch anschließt ist der Gedanke, dass wir für absolute Normen einen Geltungsgrund im Absoluten brauchen – Gott. Ganz säkular betrachtet sollte es für alle einsichtig sein, dass wir in derart absoluter Weise nur von uns selbst sprechen können. Wir können als Menschen nicht so sehr aus unserer Haut, dass wir uns total mit der Natur als solcher identifizieren und ihr die moralischen Ansprüche und Rechte zuschreiben könnten, die sich tatsächlich aus ihren Interessen ergeben.

2. Es geht um den Lebensanfang.
„Das menschliche Leben ist vom Augenblick der Empfängnis an absolut zu achten und zu schützen. Schon im ersten Augenblick seines Daseins sind dem menschlichen Wesen die Rechte der Person zuzuerkennen, darunter das unverletzliche Recht jedes unschuldigen Wesens auf das Leben“ (Nr. 2270). Das bedeutet, dass alles, was darauf hinwirkt, das entstandene Leben zu beenden, also die Abtreibung, immer unsittlich ist.

Mit der Abtreibung, der systematischen Einrichtung zur Tötung des eigenen Nachwuchses, steht alles zur Disposition. Wenn schon das Lebensrecht des ungeborenen und insoweit unschuldigsten Menschen Gegenstand eines Abwägungsprozesses sein kann, wenn sich der Mensch für oder gegen das Leben entscheiden darf (wohlgemerkt: mit Wirkung auf Dritte), dann ist nichts mehr sicher. Die heilige Mutter Teresa drückte oft ihre Verzweiflung darüber aus, dass ein Kind heutzutage nicht einmal mehr im Mutterleib sicher sei.

3. Es geht um das Lebensende.
Auch Sterbehilfe ist „sittlich unannehmbar“, denn: „Eine Handlung oder eine Unterlassung, die von sich aus oder der Absicht nach den Tod herbeiführt, um dem Schmerz ein Ende zu machen, ist ein Mord, ein schweres Vergehen gegen die Menschenwürde und gegen die Achtung, die man dem lebendigen Gott, dem Schöpfer, schuldet. Das Fehlurteil, dem man gutgläubig zum Opfer fallen kann, ändert die Natur dieser mörderischen Tat nicht, die stets zu verbieten und auszuschließen ist“ (Nr. 2277).

Der heilige Johannes Paul II. bestätigt in seiner Enzyklika Evangelium vitae (1995) „in Übereinstimmung mit dem Lehramt meiner Vorgänger und in Gemeinschaft mit den Bischöfen der Katholischen Kirche, dass die Euthanasie eine schwere Verletzung des göttlichen Gesetzes ist, insofern es sich um eine vorsätzliche Tötung einer menschlichen Person handelt, was sittlich nicht zu akzeptieren ist. Diese Lehre ist auf dem Naturrecht und auf dem geschriebenen Wort Gottes begründet, von der Tradition der Kirche überliefert und vom ordentlichen und allgemeinen Lehramt der Kirche gelehrt“ (Nr. 65).

So, wie es nicht der Würde des Menschen entspricht, vor der Zeit getötet zu werden, so entspricht es auch nicht seiner Würde, wenn er als biologisches System über seine Zeit hinaus am „Leben“ gehalten wird. Denn der Mensch ist mehr als sein Körper und das Leben mehr als biologische Existenz. Es kann Situationen geben, in denen es gerade die Würde des Menschen ausmacht, wenn man ihn sterben lässt, also „passive Sterbehilfe“ leistet. Das sieht auch der Katechismus so: „Die Moral verlangt keine Therapie um jeden Preis. Außerordentliche oder zum erhofften Ergebnis in keinem Verhältnis stehende aufwendige und gefährliche medizinische Verfahren einzustellen, kann berechtigt sein. Man will dadurch den Tod nicht herbeiführen, sondern nimmt nur hin, ihn nicht verhindern zu können“ (Nr. 2271).

4. Es geht um die Zeit zwischen Anfang und Ende.
Bioethische und moraltheologische Fragen konzentrieren sich oft auf Anfang und Ende. Geschützt ist das menschliche Leben aber nicht nur am Anfang und am Ende, sondern von Anfang bis Ende. Zwischendrin also auch. Ein weites Feld tut sich auf, das von dem Grundsatz bestimmt wird: „Niemand darf sich, unter keinen Umständen, das Recht anmaßen, ein unschuldiges menschliches Wesen direkt zu zerstören“ (Nr. 2258).

5. Es geht um die Unschuld der Opfer und die Intention der Täter.
Das gilt absolut: „niemand“, „unter keinen Umständen“. Es gibt mithin keine legitime Macht, die das Töten gerechtfertigt in Auftrag geben könnte. Nun findet so etwas aber ständig statt, auch in christlich gesprägten Ländern: Polizeimaßnahmen, bei denen Rechtsbrecher erschossen werden, Kriege, in denen gezielte Angriffe auf Soldaten des Feindes unternommten werden, die Todesstrafe.

a) Unschuld
Die Einschränkung „unschuldig“ schafft grundsätzlich den sprachlogischen Raum für Dinge wie den finalen Rettungsschuss, einen Kriegseinsatz und auch die Todesstrafe.

In Nr. 2266 heißt es: „Der Schutz des Gemeinwohls der Gesellschaft erfordert, daß der Angreifer außerstande gesetzt wird zu schaden. Aus diesem Grund hat die überlieferte Lehre der Kirche die Rechtmäßigkeit des Rechtes und der Pflicht der gesetzmäßigen öffentlichen Gewalt anerkannt, der Schwere des Verbrechens angemessene Strafen zu verhängen, ohne in schwerwiegendsten Fällen die Todesstrafe auszuschließen. Aus analogen Gründen haben die Verantwortungsträger das Recht, diejenigen, die das Gemeinwesen, für das sie verantwortlich sind, angreifen, mit Waffengewalt abzuwehren.“

Die Analogie von innerer und äußerer Sicherheit kann mit Blick auf die Praxis nicht überzeugen, die Rechtsfiguren, die im bellum iustum-Topos noch herausragen, Selbstverteidigung und Nothilfe, verfangen im Verhältnis von Justiz und Straftäter einfach nicht. Das betont auch der Heilige Johannes Paul II. in der Enzyklika Evangelium Vitae (1995), wenn er sagt, es müssten, „um alle diese Ziele zu erreichen“, insbesondere der Schutz der Gesellschaft, „Ausmaß und Art der Strafe sorgfältig abgeschätzt und festgelegt werden“. Sie „dürfen, außer in schwerwiegendsten Fällen, das heißt wenn der Schutz der Gesellschaft nicht anders möglich sein sollte, nicht bis zum Äußersten, nämlich der Verhängung der Todesstrafe gegen den Schuldigen, gehen“ (Nr. 56).

Ich denke, dass „der Schutz der Gesellschaft“ immer auch „anders möglich sein sollte“ als durch Beseitigung des Verbrechers. Fälle, in denen das nicht möglich ist, sind auch nach Evangelium Vitae „heutzutage infolge der immer angepaßteren Organisation des Strafwesens schon sehr selten oder praktisch überhaupt nicht mehr gegeben“ (Nr. 56). Und wenn ich dazu KKK, Nr. 2267 lese („Soweit unblutige Mittel hinreichen, um das Leben der Menschen gegen Angreifer zu verteidigen und die öffentliche Ordnung und die Sicherheit der Menschen zu schützen, hat sich die Autorität an diese Mittel zu halten, denn sie entsprechen besser den konkreten Bedingungen des Gemeinwohls und sind der Menschenwürde angemessener.“), dann wird mir klar, dass es sich bei der Todesstrafe aus katholischer Sicht um eine rein theoretische Option handelt, die für Extremfälle vorgesehen ist, auf einer Ebene etwa mit dem Konzept des „Tyrannenmords“ im Grundgesetz, das damit ja auch dem Mord nichts von seinem Schrecken nimmt. Damit ist das Töten nicht moralisch rehabilitiert (man kann auch sinnvoll gegen die Tötung eines Tyrannen argumentieren, soweit dieser ja ein Mensch ist), sondern lediglich als ultima ratio ins Arsenal an rechtlich möglichen Umgangsformen aufgenommen.

b) Intention
Die Einschränkung „direkt“ ermöglicht Maßnahmen mit Doppelwirkung, bei der nicht die Tötung eines Menschen, sondern die Rettung eines anderen beabsichtigt ist, die Tötung dabei aber nicht ausgeschlossen werden kann.

Hierbei geht es nicht um Instrumentalisierung des Lebens (Leben gegen Leben), der Mensch wird nicht Mittel zum Zweck, dient nicht der Erreichung des Ziels, sondern kommt gewissermaßen am Rande unbeabsichtigt zu schaden, insoweit er beteiligt und betroffen ist. Ein typischer Fall ist die Notwehr (Nr. 2263 ff.), aber auch die medizinische Indikation bei der Abtreibung und die indirekte Sterbehilfe, ein irreführender Begriff, weil nicht beim Sterben geholfen wird, sondern bei der Bewältigung der Schmerzen – den rascheren Tod in Kauf nehmend, aber nicht anstrebend.

6. Es geht auch um mich selbst.
Schließlich verurteilt der Katechismus explizit den Selbstmord: „Der Selbstmord widerspricht der natürlichen Neigung des Menschen, sein Leben zu bewahren und zu erhalten. Er ist eine schwere Verfehlung gegen die rechte Eigenliebe. Selbstmord verstößt auch gegen die Nächstenliebe, denn er zerreißt zu Unrecht die Bande der Solidarität mit der Familie, der Nation und der Menschheit, denen wir immer verpflichtet sind. Der Selbstmord widerspricht zudem der Liebe zum lebendigen Gott“ (Nr. 2281).

Der Suizid ist gerade nicht das, als was er gerne betrachtet wird, nämlich ein Ausdruck von Freiheit. Er ist vielmehr ein Bruch mit einem Grundprinzip von Freiheit, das besagt, dass zur Freiheit auch Grenzen gehören, Bedingungen, dass dazu Verantwortung gehört und dass dazu schließlich Klarheit und Vernunft gehört. Das alles fehlt im Entscheidungsmoment, so berichten Menschen, die einen Selbsttötungsversuch überlebt haben.

7. Es geht um die Kultur.
Wenn wir von der absoluten Maßgabe des Katechismus abwichen, dann wäre das der totale Sieg des liberalistischen Utilitarismus‘, der alles mit einem Preisschild versieht, der in der praktischen Konsequenz seiner Maxime vom größtmöglichen Nutzen zwischen Opportunismus und Egoismus oszilliert.

In diesem Szenario gibt es keine absoluten Werte mehr, keine unbedingte Pflicht. Moralische Maßstäbe gehen verloren, Gut und Böse verlieren ihre Bedeutung. Denn wo sonst ist die Zuschreibung zeit-, raum- und kulturübergreifend so eindeutig wie beim Lebensrecht des Menschen beziehungsweise beim Tötungsverbot? Wer dafür ist, handelt gut, wer dagegen handelt, ist böse. Das steht nun in Frage. Die philosophische Ethik heute versucht ohne sie, ohne Gut und Böse auszukommen, sucht die Moralität „jenseits“ der grundlegenden Werturteile (Nietzsche), analog zur Epistemologie, die vor 80 Jahren das Konzept „Wahrheit“ verabschiedet hat. Der Subjektivismus hat auf beiden Gebieten eine Wüste der Beliebigkeit hinterlassen. Unsere Vernunft und unser Gewissen, menschliche Instanzen, die hierbei die rettende Oase bilden sollten, sind überfordert und unvorbereitet. Es gibt in dieser Wüste kein Wasser des Lebens.

Manuskript eines Beitrags für Radio Horeb.

(Josef Bordat)

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