Bitte und Dank

8. Oktober 2017


Heute lässt die Leseordnung einige Varianten zu: Regulär wäre das Gleichnis von den bösen Winzern aus dem Matthäus-Evangelium an der Reihe (Mt 21, 33-43), doch wenn das heutige Erntedankfest in der Heiligen Messe gefeiert wird, dann kann sich der Zelebrant auch für eine von zwei Stellen aus dem Lukas-Evangelium entscheiden, für die Erzählung vom reichen Narren (Lk 12, 15-21) oder für die vom dankbaren Samariter (Lk 17, 11-19). Ich möchte mich auf das Thema Ernten und Danken einlassen.

Wir ernten, um davon zu leben, jetzt und in der nächsten Zeit. Klar, wir müssen Vorräte aufbauen, um den Winter zu überstehen. Das mussten schon die Menschen vor 2000 Jahren und auch wir sind auf Tiefkühltruhe und (etwas traditioneller) auf Einmachgläser angewiesen, um in den nächsten Wochen und Monaten über die Runden zu kommen, ehe die Natur wieder soweit ist, neue Früchte abzuwerfen.

Dennoch sollen wir uns bei all unserer Planung und Vorsorge nicht zu sicher fühlen. Wir müssen die Macht des Augenblicks anerkennen. Es ist nicht möglich, uns dieser Macht zu entziehen. Daher beten wir auch nicht nur einmal um ein gutes Auskommen in Zukunft, sondern immer wieder um das „tägliche Brot“, das uns „heute“ geschenkt werde. Morgen beten wir erneut um das morgige Brot. Doch heute ist heute. Wir müssen im gegenwärtigen Augenblick bleiben, sonst leidet unsere Beziehung zu Gott.

Gott weiß das und gibt uns gerade so viel, wie wir zum Leben brauchen. Das Manna, das Er Seinem Volk in der Wüste regnen ließ, reichte immer nur für einen Tag. Dann war wieder das Vertrauen zu Gott gefragt, zu Gott, der uns genug gibt. Er gibt uns genug. Dass Menschen hungern, liegt nicht daran, dass es insgesamt zu wenig Nahrung gäbe, sondern daran, dass die Nahrungsmittel ungleich und ungerecht verteilt sind. Die Erde aber trägt genug für alle Menschen. Es ist also gar nicht nötig, dass wir die Früchte der Erde horten.

Zumindest nicht über Gebühr. Die neue, größere Scheune ist gerade das Problem des reichen Narren, sein Gedanke, damit zur Ruhe zu kommen und das Leben fortan mühelos gestalten zu können. Diese Haltung löst die heftige Reaktion Gottes aus. Statt unsere Pfründe zu sichern, sollten wir dankbar sein – wie der Samariter, der zu Jesus zurückkehrt, sich in seinem Dank noch einmal an Ihn wendet, nachdem er Ihn mit den anderen Aussätzigen um Sein Erbarmen angefleht hatte.

Beides – Bitte und Dank – geschieht aus Glauben. Jesus erkennt das ausdrücklich an. Auch die Kirche kennt in Bezug auf die Ernte beides: die Bitte, die sich traditionell in den drei Tagen vor Christi Himmelfahrt an Gott richtet, und den Dank, der heute zum Erntedankfest ausgesprochen wird. Beides – Bitte und Dank – sollte in unserem Beten einen festen Platz haben.

(Josef Bordat)

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