Am Weihnachtswendepunkt

23. Juni 2017


Genau auf halber Strecke zwischen zwei Weihnachtsfesten feiert die Kirche Johannes den Täufer. Dieses liturgische Detail hat biblische Grundlagen: Johannes ist etwa ein halbes Jahr älter als Jesus. Als Maria ihre Tante Elisabeth besuchte, kurz nachdem ihr vom Engel Gabriel verkündet worden war, sie werde Jesus zur Welt bringen, da befand sich Elisabeth mit Johannes schon im sechsten Schwangerschaftsmonat (vgl. Lk 1, 36).

Johannes steht am Wendepunkt der Weltgeschichte. Er ist der letzte Prophet des Alten Bundes, noch ganz in der Tradition der Mahner und Bußprediger, die dem Volk Israel seit Jahrhunderten ins Gewissen redeten. Und er deutet auf den Neuen Bund: das Lamm Gottes, Jesus. Er nimmt sich ganz zurück, lässt dem Cousin den Vortritt und erlangt gerade damit heilsgeschichtliche Größe. Jesus wiederum lässt sich von Johannes taufen – gegen dessen Widerstand (Mt 3, 14-15).

Johannes war ein mutiger Mensch. Er redet nicht nur abstrakt den Normalbürgern ins Gewissen, belässt es nicht bei allgemeinen Ermahnungen – bessert euch, ändert euch, empört euch –, nein: Er nimmt sich auch die Herrschenden vor. Die religiösen Führer, Pharisäer und Sadduzäer, zum Beispiel, die er „Schlangenbrut“ nennt (in Mt 3, 7 werden sie explizit genannt; in Lk 3, 7 ist dagegen allgemein vom „Volk“ die Rede).

Oder auch die politischen Machthaber, etwa Herodes. Johannes macht ihn auf einen Naturrechtsgrundsatz aufmerksam, der durch das mosaische Gesetz explizite Normativität erlangt. Im Neunten Gebot Gottes heißt es: „Du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen.“ Genau das hatte Herodes getan: Nach der Frau seines Nächsten verlangt, nach der Frau seines Bruders. Johannes hatte Herodes daraufhin zur Rede gestellt und seinen Akt sexueller Selbstbestimmung mit dem ewigen Gottes- und Naturrecht konfrontiert (vgl. Lk 3, 19; Mt 14, 3-5; Mk 6, 17-18).

Er macht ihn auf eine Selbstverständlichkeit aufmerksam, die jedoch den Plänen des Königs quer liegt. Herodes argumentiert nicht etwa dagegen – er ist sich bewusst, dass es hier nichts zu argumentieren gibt –, sondern will Johannes – und damit sein Gewissen, das ihn in gleicher Weise informiert wie der Prophet – zum Schweigen bringen. Er will ihn töten lassen. Dann – so meint Herodes – sei das Problem aus der Welt. Schließlich lässt er Johannes enthaupten. Als Jesus davon erfährt, zieht er sich erst einmal zurück (Mt 14, 13).

Jesus hielt auf seinen älteren Cousin große Stücke: „Unter allen Menschen gibt es keinen größeren als Johannes“ (Lk 7, 28), ohne einen Personenkult zuzulassen: „doch der Kleinste im Reich Gottes ist größer als er“ (Lk 7, 28). Jesus selbst wird für den auferstanden Johannes gehalten (Mt 14, 2; Lk 9, 7; Mk 6, 14), so erklärt man sich die besondere Kraft, mit der er auftritt. Die Menschen haben offenbar gespürt, dass Jesus noch größer ist als Johannes. Nichts anderes hatte dieser immer prophezeit: „Ich bin nicht der Messias, sondern nur ein Gesandter, der ihm vorausgeht“ (Joh 3, 28), „ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe aufzuschnüren“ (Joh 1, 27). Aber er war es wert, ihn zu taufen – Johannes. Der Täufer.

(Josef Bordat)

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