Es gibt ja viele mehr oder weniger gelungene Versuche, den Lebensschutz in die „rechte Ecke“ zu stellen (warum er da nicht hingehört, habe ich vor einiger Zeit in der Tagespost erläutert). Ein ganz besonderer Ansatz ist der, unter historischen Verweisen auf die Nazi-Zeit Denktraditionen zu konstruieren und so dem gemeinen Lebensschützer eine rechte Gesinnung zu unterstellen. Dieser Ansatz geht haarscharf am Thema vorbei und stammt – muss ich es eigens erwähnen? – vom berühmten Herrn Wolf, dessen Expertise es ist, am Thema vorbei zu denken. Nicht immer nur haarscharf.

Herr Wolf argumentiert etwa so: Da einige Lebensschützer den Anatomieprofessor Erich Blechschmidt zitieren („Der Mensch entwickelt sich als Mensch, nicht zum Menschen!“), der u.a. in der Nazi-Zeit lebte und forschte (allerdings auch lange Zeit danach – er starb 1992) und dabei auch an den sterblichen Überresten von Nazi-Opfern experimentierte, sind sie, die Lebensschützer, Nazis. Das ist zwar so, als mache man jemanden, der in Berlin ein Grillhähnchen isst, für die Vogelgrippe in Malaysia verantwortlich, aber so ist er nun mal, der Herr Wolf.

Sodann macht der Herr Wolf Blechschmidt gleich zum „Chefideologen“ der Lebensschützer, was etwas vermessen sein dürfte. Testfrage: Wer hatte – Hand aufs Herz – bis vor fünf Minuten den Namen Erich Blechschmidt schon mal gehört? Herr Wolf behauptet in diesem Zusammenhang, Blechschmidts Forschungsarbeit sei durch die Zeitumstände so belastet, dass ihre Resultate (in einer Weise, die sich wohl nur Herrn Wolf erschließt) „nichtig“ seien. Herr Wolf zieht für diese Einschätzung das BGB heran.

So weit, so wirr. Man könnte es dabei belassen.

Ich möchte aber doch noch drei Dinge loswerden.

1. Bei aller Sympathie für ein Primat der Forschungsethik im Kampf um wissenschaftliche Fortschritte: Auch ethisch auf „unsittliche“ Weise zustandegekommene Forschungsresultate sind und bleiben naturwissenschaftlich gültig, wenn sie sich im Rahmen bestätigter Theorien bewähren. Dass dem jungen Isaac ein Apfel auf den Kopf fiel (wenn es denn so gewesen ist), was sicherlich auch unangenehm war, spricht ja auch nicht gleich dafür, die hinter dem unglücklichen Vorgang vermutete Gravitationstheorie sei „nichtig“. Von Herrn Wolf in diesem Kontext gerne belastete Analogien zur „sauberen“ Beibringung von Beweisen im Strafprozess sind abwegig – der Rechtsweg und die wissenschaftliche Forschung sind soziale Systeme mit ganz unterschiedlichen Regeln und Rahmenbedingungen. Wäre dem nicht so, dass auch unmoralische Forschung gelten dürfe, wären wir in der Wissenschaft um Jahrhunderte zurück. Medikamente und Impfstoffe – vieles von dem, was wir heute selbstverständlich nutzen, ist unter moralisch verwerflichen Bedingungen entwickelt und erprobt worden. Es ist die Aufgabe der Wissenschaft, sich selbst einer Ethik zu unterwerfen, die unmoralische Forschung unmöglich macht oder zumindest erschwert. Die Resultate dieser Forschung, so sie denn gültig sind und einen Fortschritt bringen, allgemein zu ignorieren, wäre dennoch falsch (wenn das überhaupt ginge). Ob man individuell auf Leistungen und Errungenschaften der Medizin verzichten will, soweit diese auch auf Menschenversuchen in der Nazi-Zeit basieren, ist eine Frage des Gewissens.

2. An Leichen hingerichteter Menschen zu experimentieren, ist medizingeschichtlich nicht ungewöhnlich, im Gegenteil: Es war über Jahrhunderte ganz selbstverständlich, an den Leichen Hingerichteter zu experimentieren. Die Medizin hat hierdurch wesentliche Fortschritte erzielt. Wie damit umzugehen ist: siehe Punkt 1. Die meisten der Hingerichteten würden nach heutigen Rechtsmaßstäben nur gering oder sogar gar nicht bestraft werden (Diebstahl war etwa lange Zeit ein Delikt, auf das die Todesstrafe stand, ebenso Gotteslästerung). Mittlerweile ist die Todesstrafe bei uns – Gott sei Dank! – abgeschafft. Soll man jetzt die Medizingeschichte und ihre Erträge für „ungültig“ erklären? Herr Wolf?

3. Blechschmidt war Embryologe. Er experimentierte an Embryos. Daher seine Erkenntnisse zur Embryogenese, auf die sich (einige) Lebensschützer (manchmal) beziehen. Diese Embryos stammten aus Abtreibungen, hauptsächlich aus Zwangsabtreibungen. Das ist in der Tat ein Umstand, der einen Lebensschützer schlucken lässt, auch wenn Blechschmidt dadurch zu seiner bahnbrechenden und (gerne mal) zitierten Erkenntnis gelangte, der Mensch entwickle sich nicht zum Menschen, sondern als Mensch, die ihn übrigens zu einem entschiedenen Abtreibungsgegner machte. Doch: Abtreibungen sind ja Herrn Wolfs Ansicht nach ethisch völlig irrelevant, weil das, was dabei getötet wird, in seinen Augen keinerlei moralische Relevanz hat und daher keinerlei Rechtsschutz genießt („Zellklumpen“ – sein Ausdruck.). Blechschmidt hat also in der Terminologie des Herrn Wolf mit „Zellklumpen“ experimentiert, die, folgt man Herrn Wolf weiterhin, noch nicht einmal „Lebewesen“ waren, bevor sie abgetrieben wurden. Warum der gleiche Herr Wolf nun gerade im historischen Kontext an der Stelle ein moralisches und rechtliches Fass aufmacht, an der er in Gegenwart und Zukunft überhaupt gar kein Problem erkennt, und sich damit (mal wieder) selbst widerspricht, bleibt – wie so vieles im Leben – ein Rätsel. Oder liegt die Lösung vielleicht darin, dass aus einer falschen Annahme selten etwas Vernünftiges folgt?

Ich gehe nicht davon aus, dass ich Herrn Wolf in irgendeiner Weise beeindrucken kann, dergestalt, dass er den Text seiner E-Mail nun änderte. Aber vielleicht hat ja die eine Leserin oder der andere Leser etwas davon.

(Josef Bordat)

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