Die „Herder-Korrespondenz Spezial“ widmet sich dem Thema der diesjährigen Woche für das Leben

Vom morgigen Samstag bis zum 6. Mai begehen die Katholische und die Evangelische Kirche in Deutschland die Woche für das Leben. In diesem Jahr lautet das Thema „Kinderwunsch. Wunschkind. Designerbaby“. Dazu passt die jüngste Ausgabe der „Herder-Korrespondenz Spezial“. Unter dem Titel „Kinder, Kinder. Ethische Konflikte am Lebensanfang“ versammelt sie Beiträge aus dem gesamten ökumenischen Spektrum der Bioethik und des Lebensrechts. Zu den Autorinnen und Autoren des Hefts gehören Peter Dabrock, Sophia Kuby, Anton Losinger, Ulla Schmidt, Eberhard Schockenhoff und Katharina von Falkenhayn – bereits an dieser Namensliste wird die Absicht der „Herder-Korrespondenz“ erkennbar, ein möglichst ausgewogenes Angebot an ethischer Orientierung aus Theorie und Praxis zu bieten. Die Problematik der Abtreibung, insbesondere der Schwangerenkonfliktberatung, gehört ebenso zum Thema des Hefts wie die problematischen Diagnoseverfahren PND und PID sowie die ethisch hochproblematische Leihmutterschaft.

Eberhard Schockenhoff kritisiert den Ausstieg der Katholischen Kirche aus der Schwangerenberatung bzw. den Umstand, dass die Katholische Kirche die Arbeit von (katholischen oder säkularen) Beratungsstellen in Deutschland nicht unterstütze, wenn diese den für die Abtreibung erforderlichen Beratungsschein ausstellen. Der Moraltheologe sieht darin eine „Unterwerfung der deutschen Bischöfe unter den Willen Roms“ und fragt angesichts der „erbitterten Auseinandersetzungen, die hinter den Kulissen und in der kirchlichen Öffentlichkeit über den Ausstieg aus der staatlichen Schwangerenkonfliktberatung geführt wurden“, zu wessen Nutzen „dieser Streit mit all seinen persönlichen Enttäuschungen und theologischen Verwerfung“ geführt worden sei, schließlich gäbe es auch „andere theologisch verantwortliche Lösungen“, wie neuerdings das Apostolische Schreiben „Amoris Laetitia“ gezeigt habe. Schockenhoff spielt damit auf die Rolle des Gewissens in der Moraltheologie an.

Andererseits lässt sich – in der Sache – fragen, ob nicht die Entscheidung der Kirche auch vor dem Hintergrund der Rechtslage nachvollziehbar ist – ganz ohne moraltheologische Erwägungen. Schließlich ist die gesetzlich vorgeschriebene Beratung tatsächlich so zu gestalten, dass sie ihren normativ gestifteten Sinn erfüllt: dem „Schutz des ungeborenen Lebens“ zu dienen (vgl. § 219 StGB). Wird man dem Wesen von § 219 StGB gerecht, wenn man nach kurzem Gespräch „den Schein“ ausstellt – und damit niedrigschwelligst auftritt? Oder, wenn man zum Leben rät und für das Leben berät – dabei aber nicht alle schwangeren Frauen im Konflikt erreicht? Was dient eher dem „Schutz des ungeborenen Lebens“? Hinter diese ethische Frage müssen alle anderen Fragen – die ekklesiologischen und die pastoralen – zurücktreten. Die nachdenklichen Ausführungen Schockenhoffs zeigen aber, dass er das Thema nicht nur pastoraltheologisch begreift, sondern das fundamentale ethische Gewicht der Entscheidungsfindung und -begleitung ernst nimmt.

Höchst problematisch ist dagegen die Aufwertung von „Billigkeitserwägungen“ im Zusammenhang mit dem menschlichen Leben, wie sie im Beitrag des evangelischen Theologen Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrats, subtil anklingt. Je mehr Abwägung, desto besser die Entscheidung, je mehr Interessen berücksichtigt werden, desto eher werde man der Sache gerecht, so der Tenor des Beitrags. Dass es gelingt, sich mit dieser konsequentialistischen Methodik der moralischen Wahrheit anzunähern, muss allerdings für den Fall bestritten werden, in dem ein überragendes Interesse eines der Beteiligten auf dem Spiel steht: die Existenz. Auch (und gerade!), wenn sich dieses nicht artikulieren kann und insoweit nur unterstellt werden kann (und muss!), sollte es die Rolle spielen, die es verdient. Es spricht sehr für die Bemühungen der „Herder-Korrespondenz Spezial“ um Ausgeglichenheit im Zugang zur Thematik, auch einen Text aufgenommen zu haben, der die Kompromisslösung zum Schwangerschaftsabbruch (also § 218 StGB) aus christlicher Perspektive affirmativ kommentiert.

Auch, wenn er in die Irre geht. Es mag ja sein, dass die von Dabrock kritisierte katholische Linie eindeutig und insoweit rigoristisch ist, aber diese Feststellung ist kein ethisches Argument an sich. Eine Norm, die ohne jede Ausnahme verbietet, Menschen zu Unterhaltungszwecken zu foltern, ist auch rigoristisch – und trotzdem völlig richtig. Hier eine größere „Ambiguitätssensibilität“ zu entwickeln und etwa auch die Interessen der TV-Anstalten, die das Ganze (als Steigerung von „Big Brother“) übertragen wollen, für eine gute Entscheidung ebenfalls zu berücksichtigen, wäre vielleicht akademisch interessant, bliebe aber dennoch moralisch in jedem Falle falsch. Auch bei der Frage der Abtreibung ist es moralisch fragwürdig, das Recht der Frau gegen das Recht des ungeborenen Kindes derart auszuspielen, dass am Ende die Tötung menschlichen Lebens als eine hinzunehmende Möglichkeit gilt, ja, dass sie als regulärer Ausgang des Konflikts standardisiert, institutionalisiert und allgemein finanziert wird. Das kann moralisch aus Sicht der christlichen Ethik nicht das letzte Wort zur Problematik sein.

Dabrock hat allerdings Recht, wenn er die Differenz von PND und PID dekonstruiert, denn es ist ethisch mit Blick auf den moralischen Wert des Ziels der Untersuchung – die Gesundheit des Embryos festzustellen bzw. bei einem Mangel an Gesundheit „Konsequenzen“ zu ziehen – nicht relevant, ob die Untersuchung intrakorporal (PND) oder extrakorporal (PID) stattfindet. Es stellt sich immer die Frage, die Weihbischof Anton Losinger in seinem Beitrag aufwirft, nämlich „wie es um das Verhältnis von elterlichem Kinderwunsch und dem embryonalen Lebensrecht steht“. Schlecht, möchte man meinen, wenn der Grundsatz vorherrscht, man könnte beliebig oft versuchen, sich den Wunsch zu erfüllen, ohne Rücksicht auf das Lebensrecht der „Fehlschläge“.

Und ohne Rücksicht auf die Mittel zum Zweck. Ein weiteres Kontroversthema – ganz eng mit den Fortschritten in der Reproduktionsmedizin verknüpft -, ist die Leihmutteschaft. Auch dazu kommen unterschiedliche Positionen zu Wort. Während die CDU-Familienpolitikerin Katharina von Falkenhayn und ihr Kollege Marcus Weinberg für eine Beibehaltung des Verbots von Leihmutterschaften plädieren („Die Entwicklung der Persönlichkeit eines Menschen beginnt bereits im Mutterleib. Die Weggabe des Kindes an andere Eltern ist ein Bruch im Vertrauen auf die normalerweise lineare Entwicklung eines Kindes in der Nähe seiner leiblichen Mutter“), unterscheidet die Historikerin Katja Patzel-Mattern zwischen gewerbsmäßigen und freiwilligen Formen der Leihmutterschaft, die sie zwar als problematische, grundsätzlich aber zulässige „Austauschbeziehung“ betrachtet (vergleichbar dem Ammenwesen im 17. und 18. Jahrhundert), wobei es heute neben Frauen in „wirtschaftlich prekären Situationen“ auch die „Wunschkinder“ zu schützen gelte, die in einem „Dazwischen“ lebten, solange Rechtsunsicherheiten bestehen (etwa hinsichtlich der Anerkennung einer Elterschaft der Auftraggeber bei im Ausland durch eine Leihmutter geborenen Kindern).

Die Fragen rund um das Thema der Woche für das Leben sind schwierig und komplex. Sie verdienen Antworten, die bei aller Klarheit möglichst viele Dinge berücksichtigen, die jedoch bei aller Abwägung von Gründen nie aus dem Auge verlieren, welchen überragenden Wert das Leben des Menschen von Beginn an hat. Es bedarf bei allen Diskursteilnehmern der fundierten Information, um zu einer informierten Argumentation zu gelangen. Die „Herder-Korrespondenz Spezial“ bietet beides – und damit ein hervorragendes Begleitheft in dieser wichtigen Woche.

Bibliographische Angaben:

Herder Korrespondenz Spezial: Kinder, Kinder. Ethische Konflikte am Lebensanfang.
Freiburg i. Br.: Herder 2017.
68 Seiten, € 9,95.
ISBN 978-3-451-02728-4.

(Josef Bordat)

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