Findet in Deutschland eine Islamisierung statt, also: Gibt es nicht nur eine steigende Zahl an Muslimen und ein Wachstum der islamischen Kommunitäten in Großstädten (das ist unstrittig), sondern eine signifikant zunehmende Einflussnahme des Islam auf Politik und Gesellschaft? Wenn ja – wie wird diese Islamisierung Deutschland verändern und was sollte getan werden, um zu einem friedlichen Miteinander zu gelangen (Stichwort: Integration)? Fragen, die sich stellen und mit Schlaglichtern wie der Einführung eines islamischen Feiertags, Gebetsräumen an Universitäten oder der Abschaffung des Schweineschnitzels in der Werkskantine eine breite Öffentlichkeit bewegen.

Der Journalist und Buchautor Stefan Schweizer und der Schriftsteller Hubert Michaelis, ein ehemaliger Franziskanermönch, stellen diese Fragen, um sie faktenbasiert zu beantworten. Dabei gilt für sie: Audiatur et altera pars. Muslime kommen mit ihrer Sicht ebenso zu Wort wie Flüchtlinge und kritische Diskussionspartner der Autoren. So gelangen sie in ihrem Buch „Islamisierung Deutschlands? Fakten, Fragen, Lösungsansätze“ zu einer sachlichen und differenzierten Darlegung dessen, was vielen Menschen als „Schreckgespenst“ (S. 13) erscheint: Islam und Islamisierung.

Die Geschichte lehrt uns, die Gegenwart zu verstehen. So widmen sich die Autoren ausführlich der historischen Analyse. Der Blick auf Entstehung und Entwicklung des Islam lässt uns die Wurzeln aktueller Probleme erkennen. So befindet sich der islamistische Terrorismus methodisch in der Spur der „muslimischen Expansion“, die in Gestalt einer „Politik der kleinen Nadelstiche“ erfolgte (S. 19). Jeder Anschlag ist solch ein Nadelstich – die Ähnlichkeit der Ansätze ist offensichtlich.

Die derzeitige „Expansion“ geschieht aber nicht nur gewaltsam, sondern auch lautlos, mitten im Alltag. Die Autoren sehen die Gefahr, „dass in Deutschland Parallelgesellschaften entstehen, die unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung immer mehr in den Würgegriff nehmen könnten“ (S. 55). Einerseits ist der Konjunktiv hier fast schon eine Verharmlosung der realen Gegenwart, etwa in Berliner Bezirken wie Neukölln, andererseits ist damit die Zukunft Deutschlands nicht entschieden, denn ein Blick in die islamisch geprägte Welt zeige, „dass sich der Islam als Religion längst nicht überall in gleicher Intensität in das gesellschaftliche und staatliche Leben einzumischen scheint“ (S. 74).

Ein Problem, das den Islam insgesamt betrifft, ist jedoch der Umstand, dass es dort „offenbar wirklich keine Aufklärung“ gab (S. 104). In der Tat: Religionskritik aus dem Islam heraus gab es nicht, die westliche Religionskritik zielt auf das Christentum und ignoriert den Islam, teils aus Unkenntnis, teils aus falsch verstandener Toleranz. Bis heute. Die Folge: Der Islam ist „als Religion und Lebensform bisher nie ernsthaft in Frage gestellt worden“ und wurde so „vor jeder […] Reform bewahrt“ (S. 104). Ein fast schon tragischer Umstand.

Ist der Islam damit überhaupt in der Lage, einen Platz im „demokratischen Pluralismus“ (S. 106) zu finden? Eingedenk der Tatsache, dass er sich nie ernsthaften Anfragen stellen musste und „die Spielarten des Islam weder Zweifel noch Widerspruch [dulden]“ (S. 119), muss diese Frage sehr ernsthaft beantwortet werden. Die Autoren tun dies, indem sie erörtern, wie vor diesem Hintergrund Integration gelingen kann. Zunächst: nur mit mehr Einsatz, d.h. mit mehr personellen und infrastrukturellen Mitteln. Integration ist also ein Investitionsprojekt, eines, das sich lohnt, schließlich geht es darum, die Verstetigung einer alternativen islamischen Gesellschaftsordnung in Deutschland zu unterbinden.

Fallbeispiele einer solchen Parallelgesellschaft und ihres Gewaltpotentials folgen: der Mord an einer Studentin in Freiburg, die Silvesternacht in Köln, eine Messerattacke in Hannover, der Anschlag auf einen Sikh-Tempel in Essen, das „Massaker“ (S. 167) in einem Regionalzug bei Würzburg und – als vorläufiger Tiefpunkt – der LKW-Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin. Auch die „normale“ Alltagskriminalität jenseits des Terrors ist bei Menschen mit Migrationshintergrund weiter verbreitet. Hier muss man nun genauer nach den Gründen forschen, um nicht rassistischen oder ethnozentrischen Stereotypen zu verfallen. Die Autoren tun dies und nennen „Faktoren, die maßgeblich die höhere Kriminalitätsrate bei Menschen mit Migrationshintergrund beeinflussen“ (S. 185): Kriegstraumata, Männlichkeitskult, überstrenge Erziehungsmethoden. Erklärungen – keine Entschuldigungen.

Bei aller mahnenden Diktion – die Autoren machen eines deutlich: Pegida, Hogesa und AfD sind keine geeigneten Reaktionen auf die Herausforderungen, vor die uns Flüchtlinge und andere Migranten aus uns fremden Kulturen und Religionen stellen. Zunächst geht es stattdessen darum, das, was uns fremd ist, besser zu verstehen. Dazu verhilft ein offener Diskurs ohne Tabus. So stellen die Autoren schließlich die Frage, ob „der Islam eine friedliche oder eine militante Religion“ sei – eine Frage, die dieser sich gefallen lassen muss, gewissermaßen als Probe auf Pluralismuskompatibilität. Bei der Beantwortung bedarf es nun eines ebenso kompetenten wie differenzierten Zugangs.

Die Verfasser diskutieren diesen neuralgischen Punkt kontrovers, mit dem Ergebnis, dass es Hoffnung auf einen friedlichen Islam gibt. Dies ausgerechnet mit dem Beispiel des Iran belegen zu wollen, ist jedoch – gemessen an den Nachrichten zur Christen- und Homosexuellenverfolgung in diesem Land – mehr als fragwürdig. Die „Sehnsucht nach Alternativen“ zur Scharia (S. 238), welche die Autoren im Iran erkannt zu haben glauben, die Aufbruchstimmung unter den Kronzeugen dieser Reformdynamik („Iraner, die im freien Westen leben“, S. 238), die Affinität zu westlicher Philosophie und Literatur – all dies muss erst noch gesellschaftspolitisch breitenwirksam werden.

Dennoch: Es gibt zur Hoffnung selten gute Alternativen. Entscheidend ist dabei auch unser Beitrag, die Tendenz zum Frieden zu stärken, wie ihn die Verfasser in ihrem „Ausblick“ (S. 263) skizzieren. So seien „alle Völker und Staaten“ verpflichtet, Lösungen für die Probleme der Welt zu suchen, die Fluchtursachen bilden und Spannungen erzeugen, die ihrerseits wiederum neue Fluchtursachen schaffen: Hunger, Klimawandel, Desertifikation, Überbevölkerung, Ressourcenknappheit, Umweltverschmutzung. Diese Zusammenhänge erkannt und benannt zu haben, ist sicher gut und richtig. Allerdings auch nicht besonders originell.

Insgesamt legen Stefan Schweizer und Hubert Michaelis einen lesenswerten Debattenbeitrag vor. Freilich: Das Schicksal jeder besonnenen und ausgewogenen Darlegung besteht darin, dass sie keine Seite wirklich überzeugt. Weder realitätsferne Problemleugner noch hysterische Hetzer werden mir der differenzierten Analyse glücklich sein. Doch gerade das macht die Arbeit wertvoll. In der Tat ist der Zugang, den die Autoren wählen, der einzig vernünftige: Fakten sammeln und sinnvoll einordnen, offen bleiben für unterschiedliche Deutungsmuster, aus der Geschichte für Gegenwart und Zukunft lernen. Wer das ebenso sieht, wird das Buch mit Gewinn lesen. Auch formale Mängel – die Schrift ist recht klein und nach welchen Kriterien das Literaturverzeichnis geordnet wurde, wird wohl das Geheimnis der Verfasser bleiben – können diesen Gewinn nur geringfügig schmälern.

Bibliographische Angaben:

Stefan Schweizer / Hubert Michaelis: Islamisierung Deutschlands. Fakten – Fragen – Lösungsansätze.
Waiblingen: Südwestbuch Verlag 2017.
278 Seiten, € 14,90.
ISBN 978-3-946686-40-8.

(Josef Bordat)

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