Intuition
23. November 2013
Magnus Carlsen ist neuer Schach-Weltmeister. Der erst 22 Jahre alte Norweger entthront den bisherigen Titelträger Viswanathan Anand (Indien) nach zehn Partien verhältnismäßig deutlich (6,5 zu 3,5).
Intuition im Schach
Schach hat viel mit logischem Denken zu tun, ähnelt also dem Anforderungsprofil nach der Mathematik und der Philosophie. Wer sich nun über Carlsen informiert, erhält die Angaben, dass dieser „über ein intuitives Spielverständnis [verfügt]“ und Alt-Meister Garri Kasparow an dem jungen Mann „insbesondere“ dessen „Intuition lobte“. Wie passt nun dieser Begriff der Intuition in das nüchterne Konzept der Rationalität, die der Mathematik und der Philosophie zugrundeliegt? Ganz gut, wenn man etwas tiefer blickt.
Intuition in der Mathematik
Wenn es um die nicht mehr hintergehbaren Gründe der Wissenschaft geht, gelten mathematische Axiome und Definitionen häufig als Paradebeispiel eines vernünftigen Ausgangs menschlichen Denkens. Doch seitdem die von Zermelo und Russell um 1900 entdeckte Antinomie in Cantors Mengendefinition gezeigt hat, dass dem Anschein nach vernünftige Festlegungen zu Widersprüchen führen können, ist unter Mathematikern ein Grundlagenstreit ausgebrochen, in den sich zahlreiche Philosophen (neben Russell etwa Wittgenstein, Carnap und andere Vertreter des Wiener Kreises) eingebracht haben.
Ein Zweig der Metamathematik scheint mir für das Verhältnis von Religion und Wissenschaft interessant zu sein: der Intuitionismus. Denn: Vor dem Hintergrund des Intuitionskonzepts ist der Unterschied zwischen Glauben und Denken auf eine eigentümliche Weise überwunden. Wer behauptet, dass er etwas intuitiv für wahr hält, ist sich im Klaren darüber, dieses Wissen nicht beweisen zu können, zugleich aber ist sie oder er sich sicher, dass es dabei um Inhalte geht, die nicht der subjektiven Sphäre des Glaubens vorbehalten sein sollten, sondern um Dinge, von denen auch andere „etwas haben“.
Der Intuitionismus wurde von Brouwer (1907: „Over de Grondslagen des Wiskunde“), Weyl (1925: „Die heutige Erkenntnislage in der Mathematik“) und Heyting (1931: „Die intuitionistische Grundlegung der Mathematik“) begründet. Als Vorläufer gelten v. a. Poincaré und Kronecker, der bereits in den 1870er Jahren Ideen vertrat, die denen von Brouwer sehr nahe kommen. Als Halbintuitionalisten bezeichnet man die Vertreter der Pariser Schule der Funktionentheorie: Baire, Lebesgue und Borel. Der Intuitionismus verwirft in revolutionärem Duktus fast alles, was in den klassischen Theorien (Logizismus, Formalismus) zentral ist und setzt dem formal-logischen Aufbau der Mathematik ein Konzept der „rein geistigen Konstruktionen“ entgegen (R. Carnap: Grundlagen der Logik und Mathematik. Darmstadt 1973, S. 69). Mathematik wird betrieben als „natürliche Funktion des Intellekts, als freie lebendige Aktivität des Denkens“ (Heyting zit. nach M. Kober: Gewissheit als Norm. Wittgensteins erkenntnistheoretische Untersuchungen in „Über Gewissheit“. Berlin/New York 1993, S. 272); damit wird Mathematik zum „Erzeugnis des menschlichen Geistes“ (ebd.). Als philosophisches Grundlegungsprogramm der Mathematik verweist der Intuitionismus also auf eine Existenz von mentalen Entitäten als Produkte der Geistestätigkeit des Mathematikers.
Intuition in der Philosophie
In „Auferstehung der Metaphysik“ (1920) beschäftigt sich Peter Wust mit dem Begriff der Intuition und verdeutlicht seine Bedeutung an der – seiner Meinung nach missbräuchlichen – Verwendung des Intuitionskonzepts zur Differenzierung zwischen Wissenschaft und Philosophie bei Henri Bergson.
Bergson ist ein Vertreter der christlichen Existenzphilosophie, dessen Denksystem sich nach Wust durch drei Dinge auszeichnet: Ein Anti-Intellekualismus, eine Fokussierung auf das Leben als Gegenstand der Spekulation und die Trennung von Philosophie und Wissenschaft, „indem er die Intuition als das wahre Organon der Philosophie hinstellt“ (P. Wust: Auferstehung der Metaphysik. Münster 1963, S. 177). Dabei übersehe Bergson, so Wust, dass Wissenschaft ohne Intuition nicht möglich sei, „ohne jene schöpferische Zeugungskraft, ohne jene intuitive Synthesis, die das Atomisierte durch einen Blitzstrahl des Geistes in eine Totalität verschmilzt“ (ebd., S. 182).
Dies gilt bei Wust für induktives (synthetisches) und deduktives (analytisches) Fortschreiten in der wissenschaftlichen Forschung, denn die Synthese sei „jenem allgemeinen Seinsgesetz der Systase, der Rückkehr aller Besonderung in die Einheit, eng verwandt; hier berühren sich das Subjektive und das Objektive, wie auch umgekehrt die Besonderung aus der Einheit sowohl in der subjektiven als auch in der objektiven Sphäre ein einziges Weltgesetz ist, so daß man sogar sagen könnte, daß auch die Analyse, der in der objektiven Sphäre die unendliche wunderbare Selbstzerspaltung und Selbstdifferenzierung des Seins zugeordnet ist, ohne einen intuitiven Akt nicht erfolgen kann.“ (ebd., S. 182 f.)
Wust argumentiert ganz in Begriffen platonisch-augustinischer Metaphysik. Er sieht die Erkenntnisse der Wissenschaft ontologisch vorgeprägt, eine metaphysische Basis der Forschung, die uns Wissenschaft eher als Tätigkeit des Auffindens von Bestehendem denn des Erfindens von Neuem begreifen lässt. Wust gibt das „Objektive“ nicht preis, wie es im Gefolge von Kants Subjektivismus der Philosophie angeraten schien, und spricht geradezu mutig vom „Sein“, nicht bloß von der Erscheinung dessen, was ist (des „Dinges an sich“). Die Bezugsgrößen sind bereits vorhanden, sie müssen nicht konstruiert werden. Diese Voraussetzungen anzuerkennen und auf dieser Grundlage zu forschen, verlangt nach Wust eine Vorstellung des „großen Ganzen“, die nur intuitiv zu erlangen ist.
Damit, so Wust, falle nicht nur die Wissenschaft nicht aus dem methodischen Rahmen der Intuition, sondern eben auch die Philosophie nicht aus dem Rahmen der wissenschaftlichen Methodik. Der von Bergson vorgenommene Schnitt sei unbegründet, obgleich der Philosophie ein besonders großer Anteil Intuition eigne. Sie ist bei Wust gewissermaßen nicht nur die alte Königin der Wissenschaften, sondern damit eben zugleich die höchste Steigerungsform intuitiven Denkens (soweit dieses gerade noch den Anspruch erhebt, intersubjektiv Gültiges und Verhandelbares mitzuteilen, also im Ergebnis nicht bloß höchstpersönliche Poesie oder Phantasie vorzustellen, die – in Bezug auf die Wahrheit – gleichwohl eine unersetzliche Bedeutung hat, nur eben nicht systematisierbar ist wie wissenschaftliche oder philosophische Erkenntnis, soweit und solange sie eben nicht in selbige überführt wird oder konsistent in selbiger aufgeht).
Die Philosophie als „höchste Steigerung jener Intuition“ betätigt sich nach Wust „nicht bloß im Bereich der Theorie, sondern auf jedem anderen Gebiete kultureller Formungen“ (ebd., S. 183). Auch das ist sicher kein prinzipielles Unterscheidungskriterium, da auch Wissenschaft über kurz (Anwendungsforschung und technische Entwicklung) oder lang (Grundlagenforschung) Teil unserer Kultur wird, und unsere Lebensweise formt – man denke an Entwicklungen im medialen Bereich (Internet, Mobiltelefon). Nur meint Wust, dass Philosophie von vorneherein so angelegt sein muss, dass sie kulturdurchdringend und -formend wirkt, weil sie den schaffenden Geist zum Gegenstand hat, während bei der Wissenschaft die Orientierung in Richtung der faktischen Naturgegebenheiten geht, die es zunächst zur Kenntnis zu nehmen und möglichst exakt zu beschreiben gilt, ehe dann eine Formung von Lebensbedingungen –und damit von Kultur – stattfinden kann.
Der Analyse der Natur (Wissenschaft) stellt Wust – die Intuition als Methode im Hinterkopf – die Synthese des Geistes (Philosophie) entgegen. In der für seine Metaphysik typischen plastischen Sprache, die von ebenso kraftvollen wie mystischen Allegorien lebt, zeigt er die Potentialität der Intuition: „Überall nämlich, wo eine Formung des Seins einsetzt, verläßt der Geist den Weg der verstandesmäßigen Zerstückelung und sendet den Blitz geistiger Zeugung in die toten Glieder einer auseinandergerissenen Stofflichkeit. Der Lebensschwung, die Schaffenslust und Werdelust, entrafft die Materie ihrer Diskontinuität und stiftet einen lebendigen Bezug zwischen den zersplitterten Teilen. Man kann deshalb sagen, dass der Begriff einer toten Materie überhaupt ein rein abstraktes Gebilde ist, dem in der Wirklichkeit keine reale Bedeutung zukommen kann, weil weder Kraft an sich noch Stoff an sich in reiner Isoliertheit angetroffen werden können. Überall sind beide wie durch ein mysteriöses Band aneinandergeknüpft, sodaß das Sein nie in einer starren Ruhe und Unfruchtbarkeit daliegen kann, weil alles Sein diesen ewigen Bezug hat.“ (ebd., S. 183)
Intuition im Alltag
In der Praxis gewöhnlicher Lebensvollzüge, die i. d. R. vor dem Hintergrund eines viel weiteren Wahrheitskonzepts als des mathematischen stattfinden, kann Intuition als eine Art „Gefühl für das Wahre“ angesehen werden. Eine starke Intuition als jenes Gefühl für das Wahre, für das „Richtigliegen“ liefert Harry Frankfurt zufolge die Liebe (H. G. Frankfurt: Sich selbst ernst nehmen. Frankfurt a. M. 2007). Besonders ertragreich scheint mir dieser Erkenntnisweg zu sein, wenn die Liebe zu den Menschen aus der Liebe zu Gott folgt.
(Josef Bordat)