Mein lieber Herr Wolf,

ich bin ja so froh! Ich dachte schon, es sei was passiert. – Na, Sie sind gut! – Weil Sie sich schon seit Stunden nicht mehr bei mir gemeldet haben! Da mache ich mir natürlich Sorgen! Was denken Sie denn!

Also. Offenbar findet in Ihren Hirnströmen, deren Messung in zahlreichen wissenschaftlichen Disziplinen lang ersehnte Durchbrüche bringen könnte (die dafür nötigen Schritte müssten Sie allerdings selber gehen), eine Art sukzessive Feindbilderweiterung statt, dergestalt, dass Sie, nachdem Sie einen Gegner niedergerungen haben, gleich den nächsten in Angriff nehmen. Müssen.

Waren es gestern noch die Abtreibungsgegner im Allgemeinen, deren E-Mail-Adressen Ihnen so etwas wie innere Stabilität zu verleihen scheinen (Arbeitshypothese, muss nicht wahr sein!), so ist es mittlerweile mehr und mehr das gemeine Pfarrbüro, das von Ihnen Post erhält. Sie selbst begründen das damit, dass wohl zwei Drittel aller Abtreibungsgegner katholisch seien. Ich bin kein Soziologe, aber für Berlin könnte das stimmen. Ausnahmsweise.

Nun, worauf will ich hinaus? Ich will Ihnen einfach mal ganz unverbindlich und zur Probe ein paar alternative Fakten über die Katholische Kirche sagen, die Sie ausschließlich „Kinderfickersekte“ nennen (Ja, Herr Wolf, das dürfen Sie! Kein Thema! – Sie dürfen sogar stolz darauf sein, dass Sie das dürfen, auch kein Thema! – Sie dürfen es mir auch stündlich schreiben, dass Sie stolz darauf sind, und wie genau Sie stolz darauf sind, dass Sie das dürfen, auch kein Thema! – Wenn Sie mir denn überhaupt noch schreiben – wie leicht wird man von Ihnen übersehen, siehe oben!).

Auch, wenn Ihre Anrede der jeweiligen diensthabenden Kraft im Pfarrbüro als „Mitglied einer Kinderfickersekte“ oder gar gleich als „Kinderficker“ (Da müssen Sie, Herr Wolf, allerdings ein bisschen aufpassen, sagt der Hobby-Jurist in mir. – Das könnte unter Umständen nicht mehr unter den Schutz der Moabiter Gerichtsentscheidung fallen. Also, jedenfalls würde ich diesbezüglich keine zu hohe Wette eingehen wollen.) nicht unbedingt geeignet ist, den Boden für ein sachliches Gespräch zu bereiten bzw. eine Intervention in der Sache für fruchtbar zu halten, will ich doch mal versuchen, ein etwas polychromeres Bild von der Kirche zu malen, als das, was Ihnen – offenbar Tag und Nacht – vor dem geistigen Auge steht und das eine Einrichtung zeigt, in der praktisch ausnahmslos „Kinderficker“ tätig sind, die nur (und zwar: nur) deshalb gegen Abtreibung opponieren, weil Abtreibungen verhindern, dass Kinder geboren werden, die man „ficken“ kann, also gewissermaßen aus logistischen Gründen, genauer: aus Sorge um die Sicherung des von einer „Kinderfickersekte“ nun mal benötigten Nachschubs. Nota bene: Ja, das lässt sich anhand der Mails belegen (vielleicht kann man ja in einer Strafrechtshausarbeit mal eruieren, ob das lediglich dumm und geschmacklos ist).

Ganz ehrlich? Ja? Gut. Ich lasse das mit dem Versuch! Denn wenn ich mir das jetzt mal anschaue, was Sie so über die Katholische Kirche schreiben, dann wäre das zwar ein Sektionsthema auf einer Fachtagung zu populären Wesensäußerungen von Oligophrenie, aber es ist kein wirklich gutes Motiv, Ihnen jetzt detailliert darzulegen, dass (und warum) es auch unter den derzeit 1,3 Milliarden Katholiken den einen und die andere geben könnte, die brutalster sexualisierter Gewalt insgesamt skeptisch gegenübersteht. Schließlich könnten Sie am Ende der Indizienkette immer noch sagen: „Ja, ja – ‚Kinderficker‘ halten zusammen!“

Dass Sie (gemeinsam mit allen anderen Abtreibungsgegnergegnern, die Sie offenbar geschlossen hinter sich vermuten) der Katholischen Kirche umgehend „ein Ende bereiten“ wollen, finde ich jedoch, eingedenk von Sein und Dasein der Katholischen Kirche in Geschichte und Gegenwart, überdurchschnittlich ambitioniert, auch, wenn es exakt auf der logischen Linie Ihrer sonstigen Einlassungen liegt. Aber, was soll‘s – wer (gefühlt) 2000 Jahre lang gegen die „Kinderfickersekte“ gekämpft hat, der muss ja irgendwann mal zu einem Ende kommen. Und, dass Sie das Ganze – also, Ende der Kirche und so – im Rahmen von Beschwerden gegen etwaig ergehende Unterlassungsklagen bewirken wollen, deren Verfahrensgang sie zu einem „Schauprozess“ gegen „die Kirche“ umzugestalten gedenken (offenbar haben Sie nicht nur T-Online, sondern auch die Justiz im Sack), das ist – auch für jemanden wie mich, der im Bekanntenkreis als wortgewandt gilt – nicht mehr treffend zu beschreiben. Ich sag mal hilfsweise so: Unter den Durchgeknallten dieser Hemisphäre liegen Sie damit zwischen Kim und Trump auf einem aussichtsreichen Listenplatz.

Nur eins, mein lieber Herr Wolf, das nehme ich Ihnen übel. Na, ahnen Sie‘s? Nein, nennen Sie mich ruhig weiterhin so, wie sie meinen, mich nennen zu müssen. Das ist es nicht. Wirklich nicht. Was anderes. Hm? Sie kommen nicht drauf? Gut – Tipp: Sie sprechen von „Millionen Hexen, die die Kirche“ usw. Und das, zugegeben, macht mich dann schon ein wenig sauer. Obwohl: Sauer ist falsch – traurig. Enttäuscht. Frustriert. Denn ich hab dann das blöde Gefühl, mein ganzes Geschreibe über all‘ die langen Jahre sei völlig für die Katz‘ gewesen. Kennen Sie nicht, das Gefühl? Hätt‘ ich mir denken können.

(Josef Bordat)

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