Deutscher Herbst

22. Oktober 2017


Wenn man auf die Frage zurückgeworfen ist, was Deutschland am ehesten auszeichnet, gegenüber anderen Ländern wie zum Beispiel Vietnam oder die Schweiz, dann sind es wohl die Kegelclubs, die im Herbst ihren Jahresausflug machen.

Und das nicht nur, weil Kegeln ein urdeutsches Vergnügen ist, im Gegensatz zum neudeutschen Bowling, sondern auch, weil diese Gemeinschaften die zahllosen deutschen Dialekte durch die Republik tragen. In den Großraumwagen von Fernverkehrszügen. Fränkische und rheinhessische Vereine zieht es nach Berlin, Kegelclubs aus der nordwestdeutschen Tiefebene an die Mosel. Man hört schwäbisch auf der Strecke von Tuttlingen nach Hamburg-Altona und sächsisch von Halle nach Hof. Und vom Hof zurück in die Halle. Eine Besonderheit stellen die Kegler und immer öfter auch Keglerinnen aus dem Ruhrgebiet dar, die im Grunde in der rheinischen Heimat verbleiben und nur den Rückweg von Koblenz aus mit dem Schiff bewerkstelligen. Das führt freilich dazu, dass der Dialekt des Ruhrgebiets immer mehr ins Abseits gerät. Es fehlt schlicht an der Befruchtung in der Blüte des ICE. Und einen Dialekt hört man gar nicht: das Berlinerische. Sei es, dass es in der Hauptstadt keine Kegelclubs gibt, sei es, dass man meint, man müsse nicht mehr reisen, wenn man in Berlin lebt. Am wahrscheinlichsten ist jedoch, dass sich der Berliner seine Mundart in Schule und Uni mühsam abtrainiert hat, um dazuzugehören, zum Kreis der Zivilisierten. Denn der Dialekt des Berliners ist zugleich ein Soziolekt, will heißen: Nur die Unterklasse berlinert. Oder die Brandenburger, was aus Sicht des Berliners auf das gleiche hinausläuft. Wer etwas auf sich hält, berlinert nur in Sonntagsreden, als sympathieheischendes rhetorisches Stilmittel. Schade, eigentlich.

(Josef Bordat)

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