100 Jahre Fatima

11. Mai 2017


Hirten waren immer schon nah dran am Geschehen. Ihnen offenbart der Engel des Herrn die Ankunft des Messias, die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus. Sie gehören zu den ersten Besuchern des Jesuskindes in der Krippe – noch vor den Weisen, Schönen und Reichen. Das war vor 2000 Jahren. Und: Ihnen zeigte sich die Mutter Jesu, Maria. In Fatima erscheint sie den Hirtenkindern Jacinta Marto, Francisco Marto und Lúcia dos Santos. Das war vor 100 Jahren, am 13. Mai 1917. Bis zum 13. Oktober 1917 folgen, jeweils am 13. des Monats, weitere Erscheinungen. Zuletzt wird diese Folge – nach Ankündigung Mariens – durch ein sichtbares Zeichen bestätigt: Das so genannte Sonnenwunder beobachten am 13. Oktober 1917 zehntausende Menschen.

Die Kirche sieht darin ein Wunder (1930 anerkannt), das die Marienerscheinungen und die Botschaften von Fatima beglaubigt. Skeptiker, die nicht an die Marienerscheinungen glauben, sehen darin ein außergewöhnliches meteorologisches Phänomen oder eine kollektive Netzhautverzerrung bei den Schaulustigen, die zu einer optischen Täuschung geführt habe – es scheint, dass auch die schlechteste natürliche Erklärung der Moderne immer noch akzeptabler ist als die beste unnatürliche. Bei diesen natürlichen Erklärungen wäre dann allerdings die Frage zu beantworten, warum das besondere Phänomen von drei Kindern vorher präzise datiert werden kann. Wäre nicht bereits das ein Wunder?

Und von einem durch die Erwartungshaltung erzeugten Phänomen (Massenpsychose) auszugehen, verfängt nur so lange, wie man übersieht, dass eine nicht unbeträchtliche Zahl der Anwesenden das Ereignis mit skeptischer Haltung erwartete. Unter den Beobachtern waren Gläubige und Ungläubige, Fromme und Spötter, konservative Poeten wie Afonso Lopes Vieira, dezidiert antikerikal eingestellte Journalisten wie Avelino de Almeida und nüchterne Naturwissenschaftler wie Almeida Garrett. Sie alle beschreiben das Phänomen mit Erstaunen und Ehrfurcht.

Das für die Kirche Entscheidende an Fatima sind jedoch die Botschaften. Maria gewährte den Hirten Einblicke in theologische und politische Zusammenhänge. Einiges davon ist nach wie vor rätselhaft und von daher Gegenstand zahlreicher Spekulationen (wie die eschatologischen Anteile der Botschaft und die düsteren Prophezeiungen für Kirche und Papst), anderes ließ sich unmittelbar auf die zeitgeschichtliche Entwicklung beziehen (etwa die Ankündigung des Kriegsendes, das im Jahr darauf eintrat).

Jacinta und Francisco starben wenige Jahre nach den Erscheinungen. Auch das hatte die Gottesmutter ihnen mitgeteilt. Lucia wird Ordensfrau und verstarb am 13. Februar 2005 im hohen Alter von 97 Jahren. Papst Franziskus („Die Beziehung zur Muttergottes hilft uns, ein gutes Verhältnis zur Kirche zu haben: beide sind Mütter“) reist morgen nach Portugal, um an den Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag der Marienerscheinungen teilzunehmen. Am Samstag, den 13. Mai 2017, wird er Jacinta und Francisco Marto heiligsprechen.

(Josef Bordat)

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