Der Tagesheilige Augustinus von Hippo ist nicht nur einer der wichtigsten Philosophen im Übergang von der Antike zum Mittelalter, sondern auch einer der bedeutendsten christlichen Theologen. Er hat die Lehre der Kirche maßgeblich mitbestimmt. Das konfessionsverschiedene Verständnis theologischer Schlüsselkonzepte wie Erbschuld oder Gnade hängt bis heute eng mit der unterschiedlichen Deutung seiner Schriften in der katholischen und in der reformatorischen Tradition zusammen.

Zu vielen Einzelfragen, die über den Glauben hinausweisen, hat sich Augustinus Gedanken gemacht. Seine Lebensphilosophie wird auch außerhalb der Kirche rezipiert und erlebt in unseren Tagen eine gewisse Renaissance. Augustinus meint nämlich, die Glückseligkeit des Menschen sei nicht in den äußeren Dingen zu finden, sondern in seinem Inneren, in Gott. Der Wunsch nach weltlichen, materiellen Dingen, getrieben durch die cupiditas (Begehrlichkeit), wird bei ihn seiner Spiritualität überschrieben durch den Wunsch nach himmlischen Dingen, gelenkt durch die caritas (Nächstenliebe). Glück besteht für Augustinus in jenem Seelenfrieden, der durch das Befolgen der caritas entsteht und nicht durch das Befriedigen der cupiditas. So ist für Augustinus Gott das Höchste Gut, das summum bonum. Die Glückseligkeit besteht in seiner Betrachtung und in der Freude über Gottes Dasein. Die Tugend wurzelt in der Erfüllung des göttlichen Gebotes. Die Erfüllung des göttlichen Gebotes wiederum ist nur im Einklang mit dem Reich Gottes möglich, in dem Frieden und Gerechtigkeit herrschen. Dieses Reich beginnt im Hier und Jetzt.

Das bringt uns zur Frage, was man tun soll, wenn ungerechte Verhältnisse herrschen, die dem Glück der Menschen im Wege stehen. Wenn Despoten regieren, wenn – in unseren Worten – elementare Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Augustinus meint, dass dann im Zweifel auch zur Gewalt gegriffen werden darf. Er reflektiert dazu intensiv die Frage, ob Christen an einem Krieg teilnehmen dürfen und kommt zu einer bejahenden Antwort für den Fall, dass mit dem Krieg die Friedensordnung wiederhergestellt wird, die auf der von Gott gesetzten Schöpfungsordnung beruht. Die Aufforderung Jesu zum radikalen Gewaltverzicht in der Bergpredigt (Mt 5, 38 ff.) relativiert Augustinus dahingehend, daß er sie nicht auf konkrete Handlungen bezieht, sondern auf die innere Bereitschaft des Menschen, die praeparatio cordis (Haltung des Herzens). Die Voraussetzung eines gerechten Krieges ist also immer die Verfehlung des anderen, denn „nur die Ungerechtigkeit der Gegenpartei nötigt dem Weisen gerechte Kriege auf“ (De Civitate Dei, XIX 7). Dabei ist auch der „gerechte“ Krieg für Augustinus ein Übel, auf das nur nach Ausschöpfung aller friedlichen Mittel als ultima ratio zurückgegriffen werden darf, ein Übel, daß allerdings dem abgestraften Rechtsbrecher zugute kommt, da er so in die von ihm verlassene Ordnung zurückkehren kann. Mit dieser erzwungenen Umkehr orientiert man den Kriegsauslöser wieder auf Gott hin und trägt damit letztlich auch dem Gebot der Feindesliebe Rechnung, denn ließe man den Ungerechten gewähren, entfernte er sich in dem Irrglauben, seine Ungerechtigkeiten würden sich lohnen, mehr und mehr von Gott, dessen letztem Urteil er sich jedoch nicht entziehen könne. Auch würden andere die ausbleibende Strafe zum Anlaß nehmen, sich ebenfalls des Rechtsbruchs als Mittel zu bedienen; allgemeiner Verfall der Sitten wäre die schreckliche Folge. Dem gelte es vorzubeugen, im Zweifel auch durch Krieg.

Im positiven Modus wird das Reich Gottes durch Wunder im Hier und Jetzt der Welt offenbar. Bei Augustinus überwiegt der Hinweis- und Zeichencharakter des Wunders, er sieht in ihnen keinen Sonderstatus hinsichtlich ihrer ontologischen Struktur. Das Wunder als göttlichen Tat dient letztendlich dazu, Gott zu erkennen, und zwar aus den sichtbaren Dingen: „Die Wunder, welche unser Herr Jesus Christus getan, sind gewiß göttliche Werke und mahnen den menschlichen Geist, Gott aus den sichtbaren Dingen zu erkennen“, mehr noch: „damit wir den unsichtbaren Gott durch die sichtbaren Werke bewundern“ (Tract. in Io. Ev. 24, 1). Nach Augustinus liegt der Zweck des Wunders darin, uns auf das eigentliche Wunder der Wirklichkeit zu stoßen, also uns nicht nur einen Vorgeschmack auf die vollendete Schöpfung zu geben, die einst als Wunder offenbar wird, sondern eine andere Perspektive auf die nur scheinbar unvollendete Schöpfung anzubieten, die uns erkennen lässt, dass bereits hier und jetzt das in Aussicht gestellte „Dauer-Wunder“ jenseitiger Vollendung zu erleben ist. Augustinus lenkt den Blick, der in die Ferne auf das Wunder jenseits der Schöpfung gerichtet ist, das in kleinen Teilen gelegentlich in ihr manifest wird, auf das Wunder der Schöpfung selbst. Es gehe darum, im ganz Alltäglichen das Wunderbare zu entdecken, auch wenn diese Phänomene – Augustinus nennt als Beispiel das „Samenkorn“ – „durch ihre Häufigkeit in der Wertschätzung sinken“ (ebd.). Weil dieser Gewöhnungseffekt die Achtung vor dem Wunder der Schöpfung gefährde, habe sich Gott eben „nach seiner Barmherzigkeit einige [Wunder] vorbehalten, um sie zu gelegener Zeit gegen den gewöhnlichen Lauf und Gang der Natur zu vollbringen, damit beim Anblick nicht zwar größerer, aber ungewöhnlicher Werke diejenigen staunen sollten, auf welche die alltäglichen keinen Eindruck machten“ (ebd.). Doch Augustinus richtet nicht nur das Augenmerk vom Schaueffekt des Erhaschens transzendenter Momente in der Immanenz auf die dauerhafte staunende Betrachtung der Welt in ihrer scheinbaren Normalität, sondern auch vom naturwissenschaftlich Außergewöhnlichen auf das Besondere in Ethik und Politik: „Denn ein größeres Wunder ist die Leitung der ganzen Welt als die Sättigung von fünftausend Menschen mit fünf Broten, und doch staunt darüber niemand; dagegen staunen die Menschen über das letztere, nicht weil es größer, sondern weil es selten ist.“ (ebd.).

Man kann im Sinne des großen Heiligen nur hoffen, dass die „Leitung der ganzen Welt“ durch einige wenige mächtige Menschen in unseren Tagen den Frieden bewahrt und das Glück befördert. Ein Wunder wäre es allemal.

(Josef Bordat)

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