Die Lübecker Märtyrer

23. März 2017


Peter Voswinckel über ein ganz besonderes ökumenisches Glaubenszeugnis

Am 10. November 1943 wurden die katholischen Kapläne Johannes Prassek, Eduard Müller und Hermann Lange zusammen mit dem evangelischen Pastor Karl-Friedrich Stellbrink wegen Widerstands gegen den Nationalsozialismus im Hamburger Gefängnis am Holstenglacis hingerichtet. Sie hatten öffentlich und bei den ihnen anvertrauten Gläubigen gegen die Verbrechen der Nazis Stellung bezogen. Im Jargon des Regimes hieß dieses mutige Engagement „Zersetzung der Wehrkraft, Rundfunkverbrechen, landesverräterische Feindbegünstigung und Verstoß gegen das Heimtückegesetz“. Am 25. Juni 2011 wurden die katholischen Kapläne seliggesprochen, das ehrende Gedenken gilt weiter allen Vieren. Im Oktober 2013, siebzig Jahre nach ihrer Hinrichtung, hat der Hamburger Erzbischof Werner Thissen eine Gedenkstätte für die vier Lübecker Märtyrer eingeweiht.

In der Zwischenzeit war die Geschichte der vier Geistlichen Gegenstand zahlreicher Publikationen. Neben Aufsätze gibt es auch einige Bücher, eine recht frühe Monographie (Else Pelke: Der Lübecker Christenprozess 1943, Mainz 1961), einen Sammelband (Isabella Spolovjnak-Pridat, Helmut Siepenkort [Hg.]: Ökumene im Widerstand. Der Lübecker Christenprozess 1943. Lübeck 2001) und die 2010 erschienene Monographie Geführte Wege. Die Lübecker Märtyrer in Wort und Bild von Peter Voswinckel. Sein Verdienst ist ein detailliertes Quellenstudium, das umfangreiches Material erschlossen hat, welches weit über die biographischen Darstellungen hinaus viel Relevantes zu Tage förderte.

Unter anderem hat er die Abschiedsbriefe der vier Lübecker Märtyrer gefunden. Darin kann man unter anderem folgendes lesen: „Welcher Trost, welch wunderbare Kraft geht doch aus vom Glauben an Christus, der uns im Tode vorausgegangen ist“ (Hermann Lange), „Gebe er Dir und mir die Gnade, dass wir immer mehr erkennen unsere Würde und Größe und unsere hohe Aufgabe in der Zeit des Hasses gegen alles Christliche“ (Eduard Müller), „Heute Abend ist es nun soweit, das ich sterben darf. Ich freue mich so, ich kann es Euch nicht sagen, wie sehr“ (Johannes Prassek), „Da gilt mein erstes Wort dem treuen Gott, der mich so tausendfach in meinem Leben bewahrt und mit unendlich vielen Freuden erfreut hat. Wahrlich es ist nicht schwer zu sterben und sich in Gottes Hand zu geben“ (Karl Friedrich Stellbrink). Beeindruckende Glaubenszeugnisse.

Hochinteressant ist auch ein anderer Fund des Medizin- und Wissenschaftshistorikers: Die Anklageschrift gegen die vier Märtyrer – vor dem Eingreifen Hitlers. Der „Führer“ höchstpersönlich ließ alle Hinweise auf Bischof Clemens August Graf von Galen und die Verbreitung seiner Predigten gegen das Euthanasieprogramm der Nazis, die so genannte „Aktion T4“, aus der Anklageschrift streichen. Er fürchtete offenbar nichts mehr als den Widerstand der Katholiken aus dem Münsterland. Die betreffende „Anordnung des Führers“ vom 29. März 1943 abgedruckt zu haben, ist allein schon aller Ehre wert. Voswinckel legt darüber hinaus sehr schön die Zusammenhänge dar und weist so die überragende Bedeutung der Galenpredigten für die drei katholischen Kapläne auf. Doch auch Stellbrink hat die Predigten abgeschrieben und verbreitet. Ökumenischer Einsatz für das Lebensrecht jedes Menschen – unter Todesgefahr.

Beeindruckend ist auch die umfangreiche Dokumentensammlung (Zeichnungen, Fotos, Briefe), die Voswinckel stringent in die Biographien und die Zeitgeschichte einordnet. Zudem blickt er über den historischen Tellerrand und fragt nach der Entwicklung der ökumenischen Zusammenarbeit nach dem Zweiten Weltkrieg, bis in die Gegenwart hinein. Das gemeinsame Gedenken des ökumenischen Glaubenszeugnisses und die miteinander geteilte Erinnerungskultur nimmt dabei einen breiten Raum ein. Gerade im Reformationsgedenkjahr lohnt es sich, das Buch zur Hand zu nehmen.

Bibliographische Angaben:

Peter Voswinckel: Geführte Wege. Die Lübecker Märtyrer in Wort und Bild.
Kevelaer: Butzon & Bercker 2010.
240 Seiten, € 24,90.
ISBN 978-3-7666-1391-2.

(Josef Bordat)

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