Die niederrheinische Kleinstadt Kevelaer ist seit 1642 Marienwallfahrtsort. Ein Grund, sich mit Heinrich Heines Ballade „Die Wallfahrt nach Kevlaar“ (1822) zu beschäftigen und sie aus katholischer Perspektive zu analysieren.

Zunächst zwei Vorbemerkungen: 1.) Heine war weder katholisch noch hat er je an einer Wallfahrt teilgenommen. Er war nie in Kevelaer, auch nicht aus einem anderen Grund. (Offenbar nutzt er die Schreibweise „Kevlaar“ zur Verfremdung, es kann aber nicht ausgeschlossen werden, dass Heine die richtige Schreibung gar nicht kannte.) Mir scheint es wichtig, festzuhalten, dass es sich mithin bei Heines Ballade um eine Außenperspektive auf etwas handelt, das man nur von innen her verstehen kann: den religiösen Glauben. Zudem neigt die Sicht „von außen“ im Fall der Religion schnell zu einer „von oben herab“ zu werden. Auch das ist bei Heine bisweilen spürbar. 2.) Heine schreibt seine Ballade in einer Zeit, in der die katholische Kirche in Deutschland in einer zwiespältigen Situation ist. Einerseits ist sie nach der Aufklärung, nach dem Ende des Heiligen Römischen Reiches, nach Napoleons Säkularisierung geschwächt und isoliert. Sie gilt dem preußisch-protestantischen Staat als suspekte, reaktionäre und letztlich überkommene Institution, die im Untergang begriffen sei. Andererseits führte gerade die Rückwärtsgewandtheit innerhalb der vorherrschenden geistigen Strömung der Zeit, der Romantik, zu ihrer Verklärung. Die Kirche erfüllte die Antiken- und Mittelaltersehnsucht vieler Literaten des 19. Jahrhunderts. Heine selbst ist von der Romantik beeinflusst, zieht aber die Schlüsse der Aufklärung: die katholische Kirche gilt es zu überwinden. Deutlich wird dies in „Deutschland. Ein Wintermärchen“, in dem die Heiligen Drei Könige im Kölner Dom zum Symbol des Reaktionären werden.

Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass der Nicht-Katholik Heine ein katholisches Motiv (eine Wallfahrt) aufgreift und verarbeitet, um daran die Problematik des Katholizismus aus Sicht der aufgeklärten Vernunft deutlich zu machen: das Vorherrschen einer irritationslosen Volksfrömmigkeit, die in äußeren Ritualen erstarrt. Dass Heine bei der Motivsuche als Rheinländer insbesondere im „rheinischen Katholizismus“ zwischen Köln und Kevelaer fündig werden kann, ist weder Zufall noch rein biographisch begründet. Gerade im ländlichen Raum hält sich das scheinbar mittelalterliche Denken besonders hartnäckig. So geht denn das Paar (eine fromme Mutter und ihr aus Kummer über den Tod der Geliebten „herzkranker“ Sohn) von „Köllen“ nach „Kevlaar“, um dort Maria um Genesung zu bitten. Dazu fertigen sie ein Herz aus Wachs an und bringen es vor das Gnadenbild der Gottesmutter von Kevelaer. In der Nacht darauf erscheint Maria der Mutter im Traum, wie sie dem Sohn ihre Hand auf das kranke Herz legt und dann – mild lächelnd – wieder entschwindet. Als die Mutter aus sehr profanen Gründen – „die Hunde bellten so laut“ – aus dem Traum erwacht, liegt der Sohn tot neben ihr. Die Mutter reagiert – scheinbar unbelehrbar – mit einem Lobpreis Mariens.

Dieser Ablauf der Ereignisse verstört. Es fällt uns schwer, die Mutter zu verstehen, die nicht verzweifelt und in eine wütende Klage gegen Gott (oder Maria) verfällt, sondern weiter an ihrem Glauben festhält, dem Hiob gleich. Vielmehr noch: Da der kranke Sohn ihrer Ansicht nach nicht trotz, sondern wegen Maria stirbt, gilt sein Tod der Mutter als Erlösung durch göttliche Gnade und wird damit zum eschatologischen Sinnbild für den christlichen Glauben schlechthin: Wenn uns nicht anders abgeholfen werden kann als durch den Tod, dann gewährt uns Gott diesen Tod als Gnade. So gilt der Dank einem Gott, der qua Maria dem Jungen die Qualen nimmt. Es geht also nicht nur um die klaglose Annahme des Leids – hier: des Todes ihres Jungen. Eingedenk der Verheißung des Ewigen Lebens bei Gott nach dem Ende des irdischen Lebens bleibt der Gedanke einer gelungen Kontingenzbewältigung mit Gottes (und Marien) Hilfe tragend. Denn Kraft des göttlichen Willens und der Intervention Mariens vom „Jammertal“ Erde in den Himmel erhoben zu werden, stellt durchaus eine gute Antwort auf die bedrückende Lebenssituation des Kranken dar, die der Mutter Lob und Dank abnötigt.

Darauf will Heine aber nicht hinaus. Ihm geht es um die scheinbare Naivität der Mutter und – da diese pars pro toto für alle Wallfahrer steht – des Katholizismus, der sich in frommen Riten erschöpft. Dieser Eindruck wird durch die Form des Gedichts noch weiter gesteigert, das sprachlich gerade das Niveau der allgemein bekannten unsäglichen Gedichte zu Geburtstagsfeiern und Jubelfesten aller Art erreicht. Heine will mit diesem volksliedhaften Duktus mit seinen vielen unreinen Formen offenbar die Naivität der Volksfrömmigkeit sprachlich greifbar machen. Ein Beispiel: „Die Muttergottes zu Kevlaar / Trägt heut ihr bestes Kleid; / Heut hat sie viel zu schaffen, / Es kommen viel kranke Leut’.“ Das ist sprachlich schwach. So schwach wie Heine die katholische Kirche und ihre Mitglieder sieht.

„Naiv“ – das ist unter Erwachsenen ein Schimpfwort, gleichbedeutend mit dem Mangel an Einsicht in die wahre Natur der Dinge bzw. in das, was man dafür hält. Für viele ist es zugleich ein Attribut des christlichen Glaubens mit seinen einfachen Lösungen. Für naiv gehalten zu werden, ist heute die Angst vieler Christen, die deshalb lieber von ihrem Glauben schweigen. Tatsächlich ist Naivität, verstanden als Hang zum unverfälscht Kindlichen, notwendige Voraussetzung für den christlichen Glauben. Jesus selbst fordert uns auf zu werden „wie die Kinder“. Denn nur so kann Gott uns nahe kommen: Wenn wir seine Kinder sind. Wir sollen nicht unseren Verstand ausschalten, sondern von einer bestimmten Denkweise lassen, die Gott daran hindert, unseren Stolz in Demut zu verwandeln. Denn nur mit einem kindlichen Gemüt will und kann Er handeln, weil nur ein solches für Gottes Handeln offen ist. Gott lässt uns die Freiheit und respektiert unsere freie Entscheidung, stolz und nicht naiv sein zu wollen. Doch auch das stolzeste Herz wird im Stillen denken: Es ist beneidenswert, wie ein Kind glauben und vertrauen zu können. Ein kindliches Herz ist rein und makellos. Erich Kästner bringt das so schön zum Ausdruck, wenn er sagt: „Wir könnten Menschen sein, einst waren wir schon Kinder.“ Es gibt eine unstillbare Sehnsucht zum und nach dem Kinde in uns. Im Glauben kann diese Sehnsucht erfüllt werden.

Was lässt sich aus „Die Wallfahrt nach Kevlaar“ für den katholischen Glauben in unserer Zeit entnehmen? Zunächst muss Klarheit darüber bestehen, dass Heine nicht religiöse Riten an sich kritisiert, sondern den Ritus, der sich verselbständigt hat. Die Riten (wie etwa das Entzünden einer Kerze, das Formen eines Wachsherzens, aber auch das Wallfahren als solches) haben ihren festen Platz im religiösen Leben und ihre theologische Berechtigung, soweit es darum geht, innere Befindlichkeiten auszudrücken. Ferner muss klar sein, dass Heine nicht den Glauben an sich kritisiert, sondern den Glauben an einen Gott, der Wünsche erfüllt, wenn man Ihn denn zu diesem Zweck mit billigen Artefakten „besticht“. Das aber ist kein naiver, reiner Glaube, sondern ein berechnender, irrender Glaube. Denn es wird schließlich im Tod des Sohnes deutlich, dass Heilung nicht immer so geschieht, wie wir es wollen, sondern wie Gott es will. Wir beten es im Vater Unser, doch es anzunehmen fällt uns schwer: „Dein Wille geschehe“.

Ein problematisches Moment ergäbe sich aus einer Betonung Mariens als Ursache und Grund des Heils („Maria hat geholfen!“). Hier droht ein theologisch bedenklicher Marianismus zu entstehen, soweit der dreifaltige Gott gänzlich ausgespart bleibt und sich die Fürbitte unmittelbar auf Maria richtet. In der Ballade klingt ein solcher Marianismus durch die alleinige Bezugnahme auf Maria deutlich an. Theologisch gilt: Maria ist keine „Göttin“, sondern eine Heilige, die als makellose Mutter Jesu Aufnahme bei Gott fand und unmittelbar vor Gott Fürsprache halten und damit Gottes Wirken auf das im Gebet genannte Problem hin orientieren kann. Deswegen wird Maria besonders verehrt; eine Anbetung Mariens ist unchristlich und hat damit in der katholischen Kirche keinen Platz.

Schließlich gilt es, sich dem Thema Glaube und Leid zu nähern. In der Ballade wird Glaube auf seine Gesundheitswirkung hin reduziert. Der Glaube an Gott vermag durchaus positive gesundheitliche Folgen zu zeitigen, die sich bereits mit dem Glaubensakt selbst erklären lassen. So schließt Jesus ein wunderbares Heilungsgeschehen oft ab mit den Worten: „Dein Glaube hat dir geholfen.“ Heute wissen wir um die Bedeutung der Seele für die Entstehung von Krankheiten. Wir wissen: Eine stabile Seele kann den Körper stärken. Warum also nicht den christlichen Glauben als Quelle der Stärkung begreifen, der den Menschen innere Berge versetzen lässt sowie Hoffnung und Trost spendet? Nun, wenn das Glück der Gesundheit als Ergebnis des Glaubens erblüht, ist nichts dagegen zu sagen, doch wenn Religion nur um des Glücks willen einen Platz im Leben eines Menschen bekommt, stimmt etwas nicht, weil dann der so funktionalisierte Glaube ein bloßes Mittel zum Zweck wäre, nach dem Motto: Hauptsache gesund. Religiöser Glaube ist aber kein Instrument des Glücks, sondern eine Lebensform, die unabhängig von ihrem Nutzen gewählt wird. Motto: Hauptsache katholisch! Der ausschließlich in Zweckbezügen Glaubende – Heines Katholik wäre so jemand, aber auch die Kundin eines Meditationszentrums, die Entspannung sucht – verfehlt das Wesen echter Religiosität, die immer einen Selbstzweck darstellt und bei der es vorrangig um Wahrheit geht, nicht um Wohlbefinden.

Noch einmal: Der Glaube ist kein Versicherungsvertrag, mit Einlagen und Leistungen. Doch der Glaube kann helfen, weil Gott helfen kann. Der kindliche Glaube ist notwendige Voraussetzung, damit Gott in die Lage versetzt wird, die geöffnete Seele zu durchdringen. Er erhört unser Gebet. Nicht immer so, wie wir es uns aus unserer Sicht wünschen. Gottes Perspektive ist eine andere als unsere. Oft wird uns der Sinn nicht klar, er kann es nicht werden, schon deshalb nicht, weil unser Kalkül auf die Immanenz der Welt beschränkt ist, Gottes Kalkül aber ein transzendentes ist, das nicht nur unsere irdischen Belange, sondern auch unseren Bezug zu Ihm berücksichtigt. Oft liegt genau da das Problem, dass es mit Gottes Hilfe zu lösen gilt. Wir werden denn auch die Ratschlüsse Gottes niemals ganz ergründen können. Sie bleiben uns verhüllt, wie Gott selbst uns verhüllt bleibt, bis zum Tag der Erlösung. Bis dahin sollen wir glauben, können wir vertrauen, dürfen wir hoffen. Und, Hoffnung, so lehrt uns Vaclav Havel, ist „nicht Optimismus, es ist nicht die Überzeugung, dass es gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat – gleich wie es ausgeht.“ Wir dürfen darauf hoffen, dass Gott kein „Wunscherfüller“, sondern ein guter, liebender Vater ist, der nicht unserem unvollkommenen Willen nachgibt, sondern der Seinen Willen geschehen lässt, denn Sein Wille ist vollkommen.

(Josef Bordat)

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