Katholikentagsnachlese

2. Juni 2016


Auf dem 100. Katholikentag in Leipzig habe ich u.a. drei Podiumsdiskussionen besucht, um darüber für Die Tagespost zu berichten.

1. Wie eine Kirche an der Seite der Armen aussehen kann, darum ging es bei der Podiumsdiskussion „Märtyrer für Gerechtigkeit – Kirche an der Seite der Armen. Prophetische Kirche heute nach dem Vorbild von Oscar Romero“ in der Liebfrauenkirche, etwas am Rande Leipzigs gelegen. Der Ort war gut gewählt, forderte doch bereits Romero, was durch Papst Franziskus weltkirchlich (und darüber hinaus) populär wurde: an die Ränder zu gehen.

Zu Beginn nimmt uns der Veranstalter, das Bischöfliche Hilfswerk Adveniat, mit nach El Salvador und stellt in einem Film den seligen Oscar Romero vor. Insbesondere geht es um das Attentat von 1980, dem der Bischof und bekannte Vertreter der Befreiungstheologie zum Opfer fiel, sowie um dessen politische Hintergründe. Der sich daran anschließende Bürgerkrieg in El Salvador endete 1992 zwar, doch juristisch aufgearbeitet sind die gewaltsamen Menschenrechtsverletzungen, die darin geschahen, immer noch nicht. Dabei gilt: Der Friede braucht die Gerechtigkeit. Womit wir beim Thema des Podiums angelangt wären, auf dem es allerdings mehr um soziale als um formale Gerechtigkeit ging.

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Auf dem Podium vor dem Altar nahmen Wolfgang Herrmann, Betriebsseelsorger im Bistum Rottenburg-Stuttgart, Bernd Klaschka, Hauptgeschäftsführer von Adveniat und Weihbischof José Gregorio Rosa Chávez aus San Salvador, der Hauptstadt El Salvadors, ihre Plätze ein. Ein weiterer Stuhl blieb leer. Der von Sandra Portillo. Die alleinerziehende Mutter dreier Kinder aus dem Land des Weihbischofs konnte nicht kommen. Freilich: Eine symbolische Vakanz, denn tatsächlich hatte sie die Reise nach Leipzig wohl nie ernsthaft erwogen. Weil es nicht geht. Weil ihre Lebensbedingungen dies nicht zulassen. So war Sandra Portillo trotzdem dabei – in den Gedanken der Veranstaltungsteilnehmer. Diese sollten verstehen, dass das Schicksal der alleinerziehende Mutter ganz typisch für El Salvador ist. „Es gibt Millionen Sandra Portillos“, so Weihbischof Rosa Chávez.

2. Vor einem Jahr hat Papst Franziskus seine zweite Enzyklika (die erste, die gänzlich aus seiner Feder stammt), unter großer Anteilnahme innerhalb und außerhalb der Kirche veröffentlicht: Laudato Sí. Der umfangreiche Text widmet sich ökologischen Fragen, eingedenk der „dringenden Herausforderung, unser gemeinsames Haus zu schützen“. Franziskus nennt in seiner Diagnose („Was unserem Haus widerfährt“) zahlreiche Gegenwartsprobleme wie die Umweltverschmutzung, den Klimawandel und die soziale Ungleichheit, kontrastiert das ungute Szenario mit der biblischen Schöpfungsbotschaft, analysiert die „menschlichen Wurzeln“ der Krise („fehlgeleiteter Anthropozentrismus“), schlägt das Prinzip der „ganzheitlichen Ökologie“ als Lösung vor und beschreibt konkrete Schritte auf einem Weg, der nur über den Dialog aller Beteiligten zum Ziel führt.

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Diesen Dialog voranzutreiben, war das Anliegen eines hochkarätig besetzten Podiums, das eine Zwischenbilanz zur kurzen, aber intensiven Rezeptionsgeschichte der Enzyklika Laudato Sí zu ziehen versuchte. Auf dem Podium diskutierten Markus Büker (Misereor), P. Bernd Hagenkord SJ (Radio Vatikan), der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke OSB, die Sozialethikerin Marianne Heimbach-Steins und Klaus Milke, Vorstandsvorsitzender von Germanwatch. Moderiert wurde die Veranstaltung von Mattias Kiefer, Umweltbeauftragter des Erzbistums München-Freising, der zu Beginn die große Bedeutung der Umweltenzyklika hervorhebt: Keine kirchliche Drucksache sei bisher bei der Deutschen Bischofskonferenz öfter nachgefragt (und entsprechend nachgedruckt) worden.

3. Ein prominent besetztes Podium ging schließlich der Frage nach, inwieweit man davon sprechen kann, es handle sich bei der Religionsfreiheit um einen „Testfall für die Menschenrechte“. Dass die Gewissens-, Glaubens- und Religionsfreiheit für die Entstehungsgeschichte der Menschenrechte eine überragende Bedeutung hat, ist allgemein bekannt. Ganz unterschiedliche Denker wie Jellinek und Bloch bezeichnen es als „Ursprungsrecht“.

Doch welche Bedeutung hat sie heute? In einer Zeit religiöser Indifferenz dort, wo sie einst errungen wurde, in Europa. In einer Zeit, in der die religiöse Dimension des Lebens (und seiner Konflikte) einerseits immer bedeutender wird, andererseits immer weniger verstanden wird. In einer Zeit, in der Christenverfolgung stattfindet, und sie es dennoch nur in An- und Abführung in den westlichen Diskurs schafft. Der Saal war jedenfalls brechend voll – das Thema zieht.

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Viele werden mit dem Eindruck gekommen sein, dass sie ein Testfall ist – im Blick auf den Islam. Nun reicht es aber nicht, über den Islam zu sprechen, man muss auch mit Muslimen in ein Gespräch zu kommen versuchen. Dass der Katholikentag diesen Versuch unternommen hat, noch dazu an einem schwierigen Themenfeld, jenseits von abrahamitischen Nettigkeiten, ist den Veranstaltern hoch anzurechnen.

Nach einführenden Worten Heiner Bielefeldts, UN-Sonderberichterstatter für Religionsfreiheit, kommentierte die Sozialethikerin Marianne Heimbach-Steins die Ausführungen aus christlicher Sicht, während die Perspektive der islamischen Theologie von Mouez Khalfaoui eingenommen wurde, der in Tübingen den entsprechenden Lehrstuhl inne hat. Ganz spontan stieß noch Aiman A. Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, zur Runde. Die Moderation übernahm Detlef Görrig.

Die Berichte zu den interessanten Veranstaltungen sind in dieser Woche in Die Tagespost erschienen.

(Josef Bordat)

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