Liebe und Gebot

2. Mai 2013


Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird. (Johannes 15, 9-11)

Im heutigen Tagesevangelium geht es um die Liebe und das Gebot. Beides hängt zusammen. Die Liebe ist selbst ein Gebot („Bleibt in meiner Liebe!“) und das Gebot ist in Liebe zu halten („Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben“). Auch für Jesus gilt diese Beziehung von Liebe und Gebot („wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe“). Wer danach lebt, also die Liebe als Gebot und das Achten des Gebots als Ausdruck der Liebe versteht, erfährt „Freude“, die „vollkommen“ ist.

Doch wie kann Liebe geboten werden? Zunächst: Die Liebe Jesu ist Nächstenliebe, agape – geistige Hingabe, schenkende Liebe, die zur tätigen Barmherzigkeit wird. Und nicht eros, die sinnliche, begehrende Liebe. Liebe im Sinne der Nächstenliebe (agape) ist nicht auf „Verliebtheit“ und Begehren (eros) angewiesen – das wäre das Ende der christlichen Ethik! Liebe als christliche Tugend ist, so Eberhard Schockenhoff, ein „sittlicher Grundakt, in dem der Mensch mit Zustimmung, Gutheißung und Urvertrauen dem Geschenk des Seins antwortet“, ein Akt, der als solcher zum „Strukturprinzip“ wird, „das den Grund, die Form und das Ziel des christlichen Lebens und Handelns bestimmen soll“. Das drückt Jesus normativ aus.

Die Normativität der Liebe benötigt einen Begriff von Liebe, der wirklich in den Bereich dessen fällt, was der Mensch sollen kann. Damit ist klar – noch einmal sei es gesagt –, dass die Liebe, die Jesus meint, nicht im Sinne des Gefühlsbegriffs eros, sondern im Sinne des Vernunft- bzw. Willensbegriffs agape angesprochen ist. Liebe als christliche Tugend ist weniger Gefühl als vielmehr Haltung. Und Einhaltung des göttlichen Gebots, dessen Quintessenz wiederum die Liebe ist.

Diese Liebe stellt ein vitales Konstitut des christlichen Glaubens dar, denn in dieser Liebe bleibt der „scheidende Erlöser und das Geschenk seiner Hingabe unter den Jüngern für alle Zeiten lebendig“ (Schockenhoff). Umgekehrt gilt: Der erheblichen Anforderung, die jene grenzenlose Liebe dem Menschen stellt, dem ungeheuerlich erscheinenden Anspruch einer (zumindest zeitweiligen) Selbstaufgabe im Interesse des Nächsten (nichts anderes findet bei einer Perspektivenübernahme statt), der ambitionierten agape in der Nachfolge Christi kann nur gerecht werden, wer „alle Wirklichkeit – die der anderen und die des eigenen Selbst – von Gott her“ sieht, denn: „Von ihm als dem Zentrum aller Wirklichkeit aus betrachtet, können wir alle in unserem Eigenwert wahrgenommen werden und so als Personen existieren, durch die das Licht göttlicher Wertschätzung hindurchscheint“, was dazu führt, dass diese Liebe zur unbedingten Annahme des Anderen „in seinem So-Sein und Hier-Sein“ führt (Schockenhoff). Eine solche absolute Liebe kann ohne absoluten Bezugspunkt, der eine bewirkende, zielgebende und einheitsstiftende Funktion erfüllt, nicht gelingen. Mit anderen Worten: Gott ist Garant dieser Liebe. Gott allein.

(Josef Bordat)