Katechese mit Frère Alois

30. Dezember 2011


Einige Gedanken zu Gottesbild und Gottesbeziehung.

Es ist nicht die Absurdität des Glaubens, die aus der Absurdität des Leidens folgt, sondern die Absurdität eines bestimmten Gottesbildes. Das ist ein Gedanke, den ich den Worten Frère Alois‘ im gestrigen Abendgebet im Rahmen des Taizé-Treffens abringe. Ja, abringe – denn es ist kein einfacher Gedanke.

Frère Alois betont dies, wenn er sagt: „Das Evangelium verlangt uns einen anspruchsvollen Sprung ab, eine radikale Umkehrung des Bildes, das wir von Gott haben: Erkennen, dass Gott sich verletzbar macht, heißt, dass er darauf angewiesen ist, geliebt zu werden.“ Im Klartext: Gott braucht unsere Liebe. Frère Alois: „Seine Liebe zu uns beinhaltet die Frage: ,Und du, liebst du mich?’“

Die gegenseitige Abhängigkeit von Gott und Mensch, von Schöpfer und Geschöpf – das ist in der Tat kein einfacher Gedanke. Ich will versuchen, ihn zu rekonstruieren.

Zunächst ist da die Ähnlichkeit. Gott ist Person – wie wir – und kann uns nur als solche nahe sein: über die Liebe, eine Liebe, die innertrinitarisch vorgebildet ist und sich im Schöpfungsakt entäußert, die sich uns zeigt, in der Menschwerdung Gottes (in Jesus Christus) und in der Kraft zur Gemeinschaftsbildung durch Gott (im Heiligen Geist). Gott überträgt Seine Liebe auf uns und bleibt darin mit uns verbunden.

Diese Nähe, die der dreifaltige Gott des Christentums stiftet, diese Verbindung markiert einen wesentlichen Unterschied zum Gott des Judentums und des Islam. Sie ermöglicht zugleich das Dreifachgebot der Liebe, in dem Gott, der Nächste und ich selbst nebeneinanderstehen – gleichberechtigt in der Forderung nach Liebe.

Nun wird noch mehr gesagt: Gott und Mensch teilen die Sehnsucht nach Liebe. Aus Ähnlichkeit wird Gleichheit, aus Verbindung wird Verbindlichkeit, aus Nähe wird Abhängigkeit. Gott begibt sich in eine Schicksalsgemeinschaft mit dem Menschen. So ernst meint es Gott mit uns? Ja, offenbar. Und das ist eine gute Nachricht, die uns groß werden lässt, ja, uns sogar heiligt, denn in der Liebe zu Gott als einer Liebe, die weder selbstverständlich noch eine bloße Pflichtübung ist, einer Liebe, die von einem ebenso unendlich liebenden wie sehnsüchtigen Gegenüber weiß, in dieser Liebe harmoniert das Beste im Menschen: Verantwortung und Freiheit! Frère Alois: „Indem er zu uns sagt, dass unsere Liebe für ihn zählt, erkennt Gott die Größe unseres Lebens und unserer Freiheit an. Dadurch gibt Gott selbst dem benachteiligsten Menschen die Würde zurück, wird er ihm gerecht.“

Die Gottesbeziehung hat im Christentum also drei Dimensionen: 1. Gott ist in sich Beziehung (Vater, Sohn und Heiliger Geist), 2. Gott gibt diese Beziehung an uns weiter, stiftet und erhält menschliche Beziehung in der Welt, und 3. Gott braucht die Beziehung des Menschen zu Ihm, ist auf sie angewiesen. Diese dreifache Gottesbeziehung gibt dem Menschen Würde. Sie ist eine Chance für jeden von uns.

(Josef Bordat)