Das Ende des Inka

29. August 2017


Am 29. August 1533 wird der letzte Inka Atahualpa von den spanischen Eroberern hingerichtet – unter dem Protest spanischer Dominikaner.

Von Norden her waren die spanischen Conquistadores unter Francisco Pizarro im Jahr 1532 in das vom Bürgerkrieg zerrüttete Inka-Imperium eingedrungen. Nach dem plötzlichen Tod des Inka Huayna-Capac, der um 1525 starb, stritten seine Söhne Huáscar und Atahualpa seit Jahren erbittert um die Nachfolge. Im November erreichten die Spanier das fruchtbare Cajamarca-Tal, in dem Atahualpa mit seinem Heer lagerte. Beeindruckt von der zahlenmäßigen Übermacht des Indio-Heeres, verlegte sich Pizarro auf eine List: Während er Atahualpa am 16. November 1532 im Rahmen einer diplomatischen Konsultation empfing, griffen seine knapp 170 Soldaten aus dem Hinterhalt an, metzelten die etwa 4000 Indios nieder bzw. schlugen sie in die Flucht und nahmen Atahualpa gefangen. Dieser bot Pizarro als Preis für seine Freilassung ein mit Gold gefülltes Zimmer an, was der Conquistador akzeptierte. Doch trotz Zahlung dieses beachtlichen Lösegeldes wurde Atahualpa nicht etwa freigelassen, sondern am 29. August 1533 hingerichtet. Francisco Pizarro hatte damit das Inkareich weitestgehend erobert. Die Conquistadores sollten drei Monate später auch in Cuzco einziehen und die Inka-Hauptstadt dauerhaft besetzen.

Die spanischen Dominikaner in der Heimat und vor Ort waren mit diesem Vorgehen keineswegs einverstanden. Die Nachricht von Wortbruch und Königsmord erreichte bald die heimischen Akademien. Dem führenden Kopf der Schule von Salamanca, Francisco de Vitoria, ließ die Exekution des Atahulapa „das Blut in den Adern erstarren“, wie der Dominikaner in einem Brief an seinen Ordensbruder Miguel de Arcos vom 8. November 1534 schreibt. Wenn diese Indios Menschen und Nächste seien sowie Vasallen des Königs, so fügt Vitoria hinzu, dann „sehe ich nicht, wie diese äußerste Ruchlosigkeit und Tyrannei der Konquistadoren zu entschuldigen ist“.

Der Dominikaner Bartolomé de la Vega richtet 1562 eine Schrift an Bartolomé de Las Casas, der viele Jahre in Lateinamerika gewirkt hatte, in der er zwölf Zweifel an der spanischen Eroberungspolitik formuliert. Las Casas antwortet im Jahr darauf mit seinem Traktat De las doce dudas („Über die zwölf Zweifel“). Gleich der erste Punkt behandelt die Verhaftung und Ermordung Atahualpas. De la Vega fragt, ob die Spanier, die an diesen Ereignissen beteiligt waren, verpflichtet sind, das mit dem gebrochenen Lösegeldversprechen erbeutete Gold und Silber zurückzuerstatten. Weiterhin fragt er, ob eine etwaige Ersatzpflicht sich nur auf persönlich erbeutete Schätze erstreckt oder als gesamtschuldnerische Haftung jedes Einzelnen für das Ganze zu verstehen sei.

Las Casas meint darauf, Pizarro und seine Männer hätten im Zusammenhang mit der Verhaftung und Ermordung Atahualpas „schlimmste Todsünden“ begangen und seien daher „jeder einzelne für das Ganze verantwortlich“; ohne Wiedergutmachung erführen sie keine Rettung, was eschatologisch zu verstehen ist, nicht rechtlich. Las Casas zielt auf das Seelenheil der Täter, nicht etwa auf eine weltliche Strafverfolgung.

Interessant, dass Las Casas jeden Einzelnen in solidum (gesamtschuldnerisch) haftbar macht, trotz der langen Liste größter Vergehen, die kein Einzelner – sei er noch so guten Willens – je sühnen könnte. Er gibt zwar zu bedenken, kein Mensch werde „unvergleichliche und unvorstellbare Schätze, […] unendliche Mengen an Gold, Silber, Edelsteinen, Vieh und Reichtümern, […] unglaubliche, irreparable Schäden […]“ ersetzen können. Doch Las Casas bleibt in der Argumentationslogik der theologisch-juristischen Tradition und diese sieht nun einmal bei einem gemeinschaftlich begangenen Verbrechen die Haftung jedes Beteiligten für das Ganze vor.

Einschlägig ist hier Thomas von Aquins Position zur gemeinschaftlichen Haftung beim Diebstahl („Deshalb ist jeder, der Ursache einer ungerechten Entwendung ist, zur Wiedererstattung verpflichtet“, Sum. Th. I-II, 94, 2 c). Zudem heißt es in den Digesta: „Wenn zwei oder mehr einen Holzbalken stehlen, den kein einzelner von ihnen alleine hochheben könnte, dann sind sie alle für den Diebstahl haftbar zu machen, selbst wenn man berücksichtigt, daß keiner allein ihn hätte hochheben können“ (47, 2, 21 § 9, CICiv. 1/816).

Ganz abgesehen von diesen juristischen Dingen – man erkennt unschwer: Die Dominikaner kritisieren die Conquistadores, die Kirche rügt den Staat. Das sei betont, weil viele zwischen beiden Seiten keinen Unterschied sehen.

(Josef Bordat)

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