Jede Bloggerin und jeder Blogger, die bzw. der in den Beiträgen des Weblogs zum Geschehen in der Welt mehr oder weniger pointiert Stellung bezieht und dabei eine gewisse Reichweite erzielt, kennt vermutlich die Kehrseiten des niederschwelligen Journalismus – die ebenso niederschwelligen Kommentarbereiche im Blog selbst oder in den Sozialen Massenmedien. Erfahrung mit „Shitstorms“ und „Cybermobbing“ sind aber auch den ganz normalen Nutzern geläufig. Jeder fünfte Jugendlichen hat damit Erfahrung – als Täter oder als Opfer.

Dabei stellen die genannten Phänomene keine eigenen Gegenstände im Strafrecht dar, sondern werden zusammen mit den entsprechenden Straftaten in der ganz realen Welt (Beleidigung, Üble Nachrede, Verleumdung) nach den korrespondierenden „klassischen“ Normen be- und gegebenenfalls verhandelt. Einen eigenen Straftatbestand „Cybermobbing“ gibt es nicht.

Das könnte sich nun ändern, geht es nach dem Willen von Experten und betrachtet man zudem die grundsätzliche Offenheit der Justizminister der Bundesländer für eine entsprechende Ergänzung des Strafrechts. Experten wie der Passauer Juraprofessor Dirk Heckmann fordern gar, dass Cybermobbing nicht nur strafbar, sondern zugleich von Amts wegen verfolgt werden solle.

Doch die Beleidigung – komme sie online oder offline vor – grundsätzlich als Offizialdelikt zu behandeln, widerspricht ihrem Wesen. Eine Äußerung ist ja gerade deswegen beleidigend, weil sie so empfunden wird. Hier zieht jedes potentielle Opfer eine andere individuelle Schmerzgrenze. Für einen ist „Idiot“ bereits nicht hinnehmbar, während ein anderer sich über die mangelnden Griechisch-Kenntnisse des Täters wundert und der Fall damit für ihn erledigt ist.

Völlig richtig ist hingegen Heckmanns Forderung nach mehr „digitaler Empathie“ und deren Förderung in Elternhaus und Bildungseinrichtungen. Das setzt jedoch zunächst die Förderung von Empathie an sich voraus, also die Befähigung, sich in andere Menschen einzufühlen, eine Fähigkeit, die wohl mit der Ausbildung einer bestimmten Neuronenart, der so genannten „Spiegelneuronen“, korrespondiert, welche wiederum in den ersten drei Lebensjahren im Rahmen der Mutter-Kind-Beziehung erfolgt. Die „digitale Empathie“ erfordert dann zusätzlich ein gewisses Abstraktionsvermögen, das auch dann Mitgefühl wachruft, wenn der Andere nicht als zu spiegelndes Gegenüber erscheint, sondern als anonymer User.

Da ich, auch aus eigener Erfahrung, weiß, wie grausam Cybermobbing gerade auch in seiner anonymen Dimension ist, begrüße ich die neuen Vorstöße zu einer rechtlichen Klärung im Kontext des Phänomens, das mit neuen Mitteln ein altes Problem nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ verschärft. Vor allem aber begrüße ich die Vorstöße zu einer moralischen Bewusstmachung der Folgen für das Opfer.

(Josef Bordat)