Ich lebe zwar in Berlin, bin aber kein Hipster. Insoweit geht der Vorwurf, den lieben langen Tag nur englisch zu sprechen, scharf an mir vorbei. Kommt mir eh spa(h)nisch vor – Leute im Prenzlauer Berg bei der Hirse-Latte zu belauschen. Andererseits: Ein wenig Sprachpflege wäre schon OK, right?

Neben dem überproportionalen Gebrauch englischer Begriffe in appelativen Texten der Werbewirtschaft („Colour your life!“) und in der politischen Sprache („Yes, we can!“), gibt es einen weiteren Bereich, in dem das Deutsche mehr und mehr zurückgedrängt wird: die Wissenschaft. Wer wissenschaftliche Texte („paper“) publiziert sehen möchte, schreibt sie am besten gleich auf englisch. Deutsch als Wissenschaftssprache ist „out“. „The language of good science is bad English“ oder genauer: „bad simple English“, abgekürzt BSE.

Indeed: Wer jemals das fragwürdige Vergnügen hatte, einer Fachtagung beizuwohnen (es muss keine internationale sein, nur eine, die „anerkannt“ werden will) und dort geschätzte deutsche Kollegen ihre differenzierten Thesen in plattem Englisch hat ausführen hören, kommt nicht umhin, den Wert einer solchen Vereinheitlichung in Frage zu stellen. Wenn dann – was vor allem in den Geisteswissenschaften nicht unüblich ist – auch noch auf deutsche Autoren, die deutsch dachten und schrieben, zurückgegriffen wird und sich Vorträge im krampfhaften Bemühen erschöpfen, für Hegels „Weltgeist“ oder Kants „Ding an sich“ englische Entsprechungen zu finden, dann zeigt sich die Problematik der Zwangsanglifizierung deutlich.

Dabei ist die Vereinheitlichung im Prinzip eine gute (und keineswegs neue) Idee: Über Jahrhunderte war Latein die Einheitssprache der europäischen Gelehrtenrepublik. Als in der Aufklärung landessprachliche Publikationen mit dem Motiv flächendeckender Volksbildung salonfähig wurden, beschwerten sich einige Gelehrte darüber. D’Alembert, der mit dem Kollegen Diderot ein ganz eigenes Bildungsideal verfolgte und die „Encyclopédie“ verfasste, meinte etwa, die neue Sprachverwirrung hemme den Austausch. Und heute? Heute gilt englisch als geeignete Sprache des internationalen Austauschs, weil es so schön „easy“ ist.

Doch die Sache mit der Vereinheitlichung ist eben auch nicht unproblematisch, denn Wissenschaftler aus dem nicht-angelsächsischen Raum – geplagt von allgemeiner „Excellence“-Hysterie – überschätzten oft ihre Englischkenntnisse bzw. schämten sich, in diesem Zusammenhang Schwächen zu haben, schließlich gilt: „English is a must“. Am Ende wirken sich die sprachlichen Schwächen auf die Inhalte aus, denn komplizierte Gedanken, um die es ja geht, fasst man am besten in der Muttersprache.

Um im Englischen überhaupt einen roten Faden in die Ausführungen zu bekommen, neige ich etwa zur Vereinfachung. Ich stehe damit aber nicht ganz allein. Bestimmte Nuancen lassen sich ohnehin nur auf deutsch ausdrücken, eine facettenreiche Sprache, die sich ganz besonders gut zum Philosophieren eignet, wie schon Heidegger erkannte. Vereinheitlichung führt zur Vereinfachung, im negativen Sinne der Banalisierung. Das Gebot der Stunde – „Denglisch denken!“ – depotenziert die Kraft deutschsprachiger Wissenschaft.

(Josef Bordat)