Alle und viele

3. Mai 2012


Ich bin kein Theologe und habe mich mit liturgischen Fragen nicht besonders intensiv beschäftigt. Dennoch komme ich an der „Pro Multis-Frage“ nicht ganz vorbei.

Papst Benedikt XVI. hat in einem Brief an Robert Zollitsch, Erzbischof von Freiburg und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, betont, dass es aus Respekt vor der überlieferten Diktion Jesu in „einfache[r] Übertragung“ der Einsetzungsworte des Evangeliums für viele heißen müsse; für alle sei eine darüber hinausweisende „interpretative Auslegung“. Weiterhin erläutert der Heilige Vater die Differenz von ontologischer und empirischer Bedeutung: „,Alle’ bewegt sich auf der ontologischen Ebene – das Sein und Wirken Jesu umfaßt die ganze Menschheit, Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft. Aber faktisch, geschichtlich in der konkreten Gemeinschaft derer, die Eucharistie feiern, kommt er nur zu ,vielen’.“

Völlig klar: Alle sind angesprochen, doch nicht alle antworten. Sondern nur viele. Das ist zwar nicht gut so, aber doch Tatsache. Und es wundert schon etwas, dass ausgerechnet wieder diejenigen aufschreien und der Kirche „Exklusion“ vorwerfen, die sich die nicht zustimmungspflichtige Inklusion sonst regelmäßig verbitten. Jeder muss doch die Möglichkeit haben, sich Gottes Zuspruch in Jesus Christus zu verweigern – das gebietet die Freiheit. Insoweit ist das Wegbleiben bei der Eucharistiefeier das Freiheitsrecht eines jeden Menschen. Die Vereinnahmung „aller“ in den Wandlungsworten widerspräche schlicht der Sachlage, nach der es Menschen gibt, die – aus für sie guten Gründen – nicht an den Tisch des Herrn treten, ohne dass sie grundsätzlich ausgeschlossen wären.

Damit bleiben „alle“ und „viele“ im Glauben verbunden. Papst Benedikt bringt es auf den Punkt: „So kann man eine dreifache Bedeutung der Zuordnung von ,viele’ und ,alle’ sehen. Zunächst sollte es für uns, die wir an seinem Tische sitzen dürfen, Überraschung, Freude und Dankbarkeit bedeuten, daß er mich gerufen hat, daß ich bei ihm sein und ihn kennen darf. ,Dank sei dem Herrn, der mich aus Gnad’ in seine Kirch’ berufen hat…’. Dann ist dies aber zweitens auch Verantwortung. Wie der Herr die anderen – ,alle’ – auf seine Weise erreicht, bleibt letztlich sein Geheimnis. Aber ohne Zweifel ist es eine Verantwortung, von ihm direkt an seinen Tisch gerufen zu sein, so daß ich hören darf: Für euch, für mich hat er gelitten. Die vielen tragen Verantwortung für alle. Die Gemeinschaft der vielen muß Licht auf dem Leuchter, Stadt auf dem Berg, Sauerteig für alle sein. Dies ist eine Berufung, die jeden einzelnen ganz persönlich trifft. Die vielen, die wir sind, müssen in der Verantwortung für das Ganze im Bewußtsein ihrer Sendung stehen. Schließlich mag ein dritter Aspekt dazukommen. In der heutigen Gesellschaft haben wir das Gefühl, keineswegs ,viele’ zu sein, sondern ganz wenige – ein kleiner Haufe, der immer weiter abnimmt. Aber nein – wir sind ,viele’: ,Danach sah ich: eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen; niemand konnte sie zählen’, heißt es in der Offenbarung des Johannes (Offb 7, 9). Wir sind viele und stehen für alle. So gehören die beiden Worte ,viele’ und ,alle’ zusammen und beziehen sich in Verantwortung und Verheißung aufeinander.“

(Josef Bordat)